Allein auf der Welt

Warum es praktisch sicher ist, dass es keinen Gott gibt

(Anmerkung zum Titel 1)

(Thomas Schall, März 2017)

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Abstract

Der Essay beschäftigt sich mit der Frage nach der Existenz Gottes und zeigt auf, warum heute rationale Denker diese Frage nur verneinen können. Neben der Motivation für die erneute Untersuchung dieses schon seit vielen Jahrhunderten behandelten Problems werden altbekannte, grundlegende Zusammenhänge dargestellt. Es wird darüber hinaus speziell Bezug auf naturwissenschaftliche Ergebnisse sowie historische und geisteswissenschaftliche Erkenntnisse genommen. Die dabei feststellbaren Inkohärenzen von Gottesbildern in sich und mit der realen Welt führen zu der rationalen Schlussfolgerung, dass es den Gott der Religionen oder Ähnliches nicht geben kann. Auf dem Weg dorthin wird bereits eine Reihe anderer Gottesbegriffe verworfen, so dass die allgemeine Folgerung, dass es praktisch sicher keinen Gott gibt, gezogen werden kann.


Inhaltsverzeichnis

  1. Alter Wein in neuen Schläuchen
  2. Ein Haus zerstören um ein neues zu bauen
  3. Fackeln in der Nacht

Dieser Essay untersucht ein weiteres Mal die schon seit vielen Jahrhunderten diskutierte Frage, ob es einen Gott gibt, so wie ihn die großen Religionen und ihre Anhänger darstellen2. Es scheint mir ein gewisser Mangel an einer modernen und übersichtlichen argumentativen Aufbereitung der Fragestellung zu bestehen3, auch wenn die rationale Diskussion schon seit langem zum Ergebnis kam, dass es diesen Gott nicht gibt. Daher ist wohl auch die Diskussion erlahmt, da die Lager sich mangels Bewegung auf beiden Seiten stillschweigend akzeptieren und ohne aktuelle Auseinandersetzung getrennt voranschreiten wollen. Der vorliegende Text ist in dieser Situation vor allem als Übersicht über die klar besser begründete Position zu sehen, den Standpunkt, der allein von konsequenten, rational aufklärerischen Denkern vertreten werden kann, nämlich, dass es keinen Gott gibt. Der erste Abschnitt erläutert Grundlagen und die Motivation, diese Frage dennoch erneut zu beleuchten. Im Hauptabschnitt werden die (ausgewählten) Argumente aufgebaut, so dass am Schluss die Folgerungen ausgeführt werden können.

1. Alter Wein in neuen Schläuchen

Der Anlass und die Motivation für diesen Essay sind zunächst einmal unabhängig davon, dass es keine glaubhaften Belege für die Existenz eines Gottes, wie ihn die Religionen vorstellen, gibt. Ebenso ist hier bedeutungslos, dass andere im Verlauf der Jahrhunderte geführte Gottesbeweise ohnehin bei genauer Betrachtung stets nicht haltbar sind. Das gleiche gilt freilich für die verschiedenen Ausprägungen des Deismus, der meint, erfolgreich rational begründen zu können, warum es einen Gott geben sollte oder sogar geben muss. Dies zu vertreten, ist angesichts heutigen Wissens so nicht mehr möglich. Auch heute noch wird gern das anthropische Prinzip angeführt, dass unser Universum genau für unser menschliches Leben ausgestaltet ist. Dies ist zweifellos zutreffend, allerdings ist menschliches Leben so, wie es ist, möglich, weil das Universum so ist, wie es ist, und nicht umgekehrt. Zudem ist dabei nicht im Geringsten impliziert, dass ein aktiver Gestalter, ein Schöpfer, diese Form zu genau einem solchen Zweck beeinflusst hat. Die Wohlgestaltetheit, Schönheit oder Zweckmäßigkeit der Welt als Beleg für die Existenz Gottes heranzuziehen, ist unsinnig, da diese Eigenschaften von uns als Menschen von unserem Standpunkt und unserem Bezugssystem aus zugeschrieben werden. Sie sind ohne Frage nicht objektiv und universal, das wäre eine gewaltige und ungerechtfertigte Anmaßung. Die zufällige Ausprägung genau dieser Form der Welt ist ausreichend und plausibel genug, so dass sich darin Menschen wie wir evolutionär ohne einen Schöpfer und dessen Design entwickeln konnten. Das illustriert auch die Unsinnigkeit der Uhrmachermetapher: Ein Gott als Uhrmacher, der das Universum wie ein Uhrwerk baut, es in Bewegung versetzt und danach nicht mehr beeinflusst, ist ohne jede Bedeutung für unser Leben. Wozu dieser Uhrmacher in dem Zusammenhang noch gebraucht wird, und weshalb er postuliert werden muss, ist dabei ohnehin völlig unklar. Auf eine solche Argumentation stellt sich auch die Frage nach dem unendlichen Regress: Wer hat einen derartigen Schöpfer erschaffen, und wer dessen Schöpfer, bis in die Unendlichkeit? Radikaler Pantheismus, wie er am deutlichsten von Spinoza vertreten wird, der Gott und Universum gleichsetzt, ist dagegen folgenlos und damit nutzlos, denn hier ist Gott nur noch Synonym eines Konzeptes mit eigenen Eigenschaften und alle spezifisch göttlichen Eigenschaften werden aufgegeben. Ein gemäßigterer Pantheismus mit einem konventionellerem Gottesbegriff ist nicht haltbar, da er meist in die Kategorie Deismus fällt oder gar nur auf andere unhaltbare Gottesbeweise oder Analogien setzt. Dieser Text müsste nicht geschrieben werden, wenn dies allein als ausreichende Argumentation hingenommen würde.

Es ist aber wichtig, die hier beschriebene Position ausführlicher zu behandeln. Ein Anlass dafür ist die heutige Situation in der Welt. Religion, also der Glaube an Gott, wird in – zumindest gefühlt – wieder zunehmendem Maße zur Rechtfertigung von Gewalttaten oder den Aufrufen zu solchen benutzt 4. Dies mag von vielen Menschen, einschließlich friedliebenden Religionsanhängern, als inakzeptabel angesehen und abgelehnt werden, ist aber dennoch Realität. Die begründete Ablehnung der Existenz Gottes entzieht dem jede Grundlage und macht klar, dass dies somit nur willkürlicher Terror ist, der unter allen Umständen nur verurteilt werden kann. Zudem werden Religionen wie andere Konzepte der Nation und Volkszugehörigkeit aktuell immer stärker eingesetzt, um Gruppen abzugrenzen und Menschen zu diskriminieren5. Auch dieses Handeln verliert die religiöse Begründung, wenn die Ideologie der Religion in sich zusammenfällt. Der katastrophale Schaden, den Religionsanhänger in der heutigen Welt anrichten, wird als Terror aus blinder Wut entlarvt, wenn Religion bedeutungslos wird, weil Gott als ihre Grundlage fehlt.

Die grundlegenden Argumente der Diskussion sind, wie die oben schon angesprochenen, teils Jahrhunderte alt, aber selten wurden neuere Erkenntnisse, besonders aus den Naturwissenschaften einbezogen. Dies ist ein weiterer Aspekt der diesen Artikel motiviert hat. Das immens angewachsene Wissen der Menschheit über die reale Welt hat Konsequenzen für die Diskussion, die hier geführt wird. Sowohl konkrete Erkenntnisse als auch ganze Forschungsbereiche wirken sich bei genauer Betrachtung auf die Argumentation aus. Dies wird aber aktuell eher in der Theologie mit dem Ziel der Rettung religiöser Ansichten untersucht als in der aufklärerisch orientierten philosophischen Diskussion6. Folglich sollen Erkenntnisse, die heute als allgemein anerkanntes Wissen gelten, hier in Beziehung zu der Frage nach der Existenz eines Gottes gesetzt werden.

2. Ein Haus zerstören um ein neues zu bauen

Das Vorhandensein einer gemeinsamen objektiven Realität, in der wir alle uns betätigen, wird auf beiden Seiten fest vorausgesetzt. Diese Annahme ist nicht nur notwendig, um unser Leben zu führen, sondern sie ist auch mehr als nur gut begründet. Sie kann tatsächlich als Faktum angesehen werden, wie ich bereits im letzten Essay Eine (un-)bestreitbare Wirklichkeit aufgezeigt habe. Hier sei davon nur wiederholt, dass unter der Annahme eines gestaltenden Gottes und der Behauptung, die wissenschaftlichen Evidenzen würden keine objektive Realität widerspiegeln, sondern nur das, was Gott für uns quasi als Puzzle ausgelegt hat, wir uns einem uns täuschenden Gott ausgesetzt sehen müssen, was extreme Konsequenzen hat: Alles was ein Mensch zu erkennen meint, kann dann eine gezielte Täuschung eines solch arglistigen Gottes sein, mit dem Zweck, bestimmte Reaktionen zu erzielen. Vorgebliche Freiheit wandelt sich zu einem Leben als Spielball unmöglich erkennbarer Ziele Gottes. Somit wird alles unsicher, auch jede Annahme von Religionsanhängern über Gott und die Welt, und keinerlei menschliche Erkenntnis ist mehr möglich, da immer Täuschung an beliebigen Stellen involviert sein kann.

Das Vorhandensein der objektiven Realität führt direkt zu einem weiteren Problem für die Existenz Gottes, speziell dann, wenn die Wissenschaften und ihre Erkenntnisse als grundsätzlich gültig angesehen werden. Damit werden alle Belege für die Existenz und speziell für ein Wirken Gottes in der Welt unmöglich. Jeder Vorgang, der durch einen Gott verursacht wird, würde in direktem Widerspruch zu gültigen Naturgesetzen stehen. Anderes wären nur gewöhnliche Vorgänge mit natürlichen Erklärungen. Ein Handeln Gottes wider die Naturgesetze würde diese als nicht allgemeingültig disqualifizieren und außer Kraft setzen. Solche Formen göttlicher Eingriffe wären damit aber am ehesten ein Beweis für einen täuschenden Gott, der den Menschen meistens Naturgesetze vorgaukelt, sie aber bei eigenem Bedarf umgeht, um seine Ziele zu erreichen.

Ein weiteres scheinbar weniger grundlegendes Problem beim Anerkennen wissenschaftlicher Beschreibung der Wirklichkeit wird durch die Skalen der Realität in fast jeder Hinsicht aufgeworfen. Die schiere Größe des Universums auf der kosmischen Skala ist lächerlich übertrieben groß für eine Welt, deren Zweck das Leben und die Bewährung von Menschen sein soll. Ein beobachtbares Universum mit einem Durchmesser von Zigmilliarden Lichtjahren, wovon der größte Teil nur mit sehr aufwendigen Messinstrumenten erkannt werden kann, ist weit mehr als ein Gott bräuchte, um sich seinen Menschenzoo zu halten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Universum noch sehr viel größer ist als der Bereich, den wir beobachten können, und es ist nicht auszuschließen, dass es für uns in unseren Beschränkungen unendlich ist. So etwas ist eine immense Verschwendung, wenn es als Zweck lediglich hat, einen Raum auf diesem kleinen Planeten für Menschen und deren richtig zu führendes Leben zu bieten. Hier kann man sich leicht effizientere Designs für diesen Zweck vorstellen, was auch göttliche Eigenschaften wie Allmacht und Allwissenheit unplausibel macht. Auf der Mikroskala gilt Ähnliches: Schon die bekannte Welt der Elementarteilchen ist übertrieben und unnötig komplex für so einen simplen Zweck. Auf der Mikroskala reichen die komplexen Strukturen vermutlich noch viel weiter ins Detail als bisher bekannt, vielleicht viel weiter, als menschliche Messgeräte je auflösen können, was diese Unstimmigkeit weiter verschärft. Ebenso verhält es sich mit der Zeitskala: Über 13 Milliarden Jahre Schöpfungsgeschichte, die zu einer menschlichen Geschichte von wenigen tausend Jahren führen, in denen ein Gott gewürdigt wird, sind eine unglaubliche Zeitverschwendung für einen allmächtigen Schöpfer. Aber hier wie Kreationisten anzunehmen, die Welt sei tatsächlich erst wenige tausend Jahre alt, und beispielsweise mit »vergrabenen« Fossilien so gestaltet, dass wir anderes schließen müssen, führt wieder zum täuschenden, arglistigen Gott. Das oben erwähnte anthropische Prinzip kann nur so interpretiert werden, dass menschliches Leben speziell von einem Universum wie dem unserem ermöglicht wird, aber angesichts unseres unbedeutenden und extrem beschränkten Platzes darin sicher die menschliche Existenz nicht als Ziel und Zweck hat.

In Verbindung mit den unsinnigen Ausprägungen der Skalen gibt es auch andere Dinge, deren Existenz völlig unnötig und unsinnig ist für eine Welt, deren Zweck das Leben und die Bewährung von Menschen ist. Die objektive Welt umfasst zahlreiche Phänomene, wir als Menschen nur sehr mittelbar erfassen oder gar aktuell nur erschließen können. Die Liste an Beispielen ist lang, sie wird durch neue Forschungen länger und umfasst beispielsweise elektrische Felder, Quantenphänomene, relativistische Phänomene mit Zeitverzerrung, Schwarze Löcher, Dunkle Materie und Dunkle Energie. Derartige Phänomene sind Teil der Realität, da sie Teil der wissenschaftlich akzeptierten Welterklärung sind und sie können somit nicht als Argumente für die Existenz Gottes herangezogen werden. Sie werden durch Naturgesetze erschlossen und erklärt, was – wie bereits erläutert – keinen Raum für Gott lässt.

Auf der anderen Seite sind die vorgeblichen Eigenschaften Gottes ebenfalls nicht sinnvoll kombinierbar. Die Gott zugeschriebenen Eigenschaften wie Wohlwollen, Allmacht, Allwissenheit und Einflussnahme auf die Welt sind in sich widersprüchlich. Allerdings sind sie alle zusammen auch notwendig für einen bedeutungsvollen Gott, der die Weltsicht der Religionen begründen kann. Doch bereits in der Antike argumentierte Epikur in einem als Theodizee bekannten Schluss, dass diese nicht ohne Widerspruch angenommen werden können:

»Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht: dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,
oder er kann es und will es nicht: dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,
oder er will es nicht und kann es nicht: dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott,
oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt:
Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?«

Diese Argumentation ist speziell auch dann gültig, wenn ein gezielter Einfluss Gottes auf das Leben von Menschen und auf die Welt postuliert wird. Andernfalls wäre Gott aber ohnehin irrelevant, bestenfalls der Uhrmacher, und seine Existenz wäre bedeutungslos. Das Narrativ der Bewährung von Menschen und ein Richten in einem fiktiven späteren Leben nach dem Tod ist jedoch genauso wenig mit einem wohlwollenden Gott verträglich, da es Menschen geben wird, über die ein negatives Urteil gefällt wird. Ohne diese Möglichkeit fehlt allerdings das Disziplinierungsargument für die Anhänger, da in diesem Fall jedem unabhängig von seinem Verhalten Erlösung winken würde. Die Kategorien, die vorgeblich solch einem ultimativen Richterspruch zugrunde liegen, sind aber wieder zutiefst menschliche des Zusammenlebens und der sozialen Interaktion, die historischer Interpretation unterliegen. Ihr jenseitiger, göttlicher Ursprung ist ein reines Postulat, das ihnen Gewicht verleihen soll. Bereits die Referenz auf ein Jenseits ist ein reines Postulat ohne rationale Grundlage, das nur Trost über den unausweichlichen Tod eines jeden Menschen sein soll, aber auch zur Festigung der sozialen Macht religiöser Institutionen verwendet wird.

Das eigentliche, tieferliegende Problem dahinter ist eines, dass entweder ein unzulässig simplifizierender Analogieschluss vorliegt oder aber Erkenntnis völlig unmöglich ist: Wird Gott eine menschenartige Persönlichkeit als Individuum unterstellt, so ist dies verständlich für Menschen, aber in jeder Beziehung zu beschränkt bei den postulierten Eigenschaften, die für religiöse Weltanschauung notwendig sind. Dem steht gegenüber, dass eine weit darüber – über jede menschliche Kategorie – hinausgehende »Persönlichkeitsstruktur« für Menschen nicht im kleinsten Ansatz mehr zugänglich oder verständlich ist. Jeder Versuch, einen solchen Gott zu verstehen, oder irgendeine geistige Korrelation zu erreichen, irgendeine nicht-fiktive Art von Beziehung aufzubauen, wäre vergeblich und würde hier an menschlichen Beschränkungen scheitern7. Ein Anflug dessen scheint in einem Diktum der Art »Gottes Wege sind unergründlich« auf, doch wurde freilich nie in der Konsequenz der Argumentation dieses Essays eingestanden, dass so ein Postulat nur einen vollständig unzugänglichen Gott bedeuten kann.

Der vorangegangene Hinweis führt direkt zu einem weiteren Widerspruch im Gottesbild der Religionen. Gott wird als ewig und dabei unveränderlich, konstant in seinen Eigenschaften und Fähigkeiten angesehen, das Gottesbild, die Vorstellung von ihm ist aber schon in den wenigen Jahrtausenden, in denen Religion unter Menschen existiert, größten Verwandlungen unterworfen gewesen. Der Gottesbegriff entwickelte sich stets mit den Gesellschaften und ihren sozialen und philosophischen Herausforderungen weiter: Vor dem Monotheismus gab es den Animismus mit vielen, vorgeblich sehr konkret in Objekten der Realität verwurzelten Göttern, um der Welt Zusammenhang und dem Handeln Sinn zu geben. Dem folgten die stärker transzendenten Götterwelten der Antike mit konkreten Zuständigkeiten für einzelne Lebensbereiche und angeblich konkreter Unterstützung in diesen. Die Beschränkung auf einen einzelnen Gott, auf den sich alles Transzendente konzentriert, fokussiert die vorherigen Aspekte und führt neue ein. Es ist die Erweiterung des Übernatürlichen um den sozialen Zusammenhalt eines Stammes, später dann eines Volkes, mit Hilfe des Erschaffens einer einzelnen Bezugsperson. Das stellt der streng herrschende und teils gewalttätige Gott des alten Testaments dar, der sich das jüdische Volk vor allen anderen auserwählt hatte. In diesem konnte er dem Einzelnen als Kristallisationkern der Identifikation mit dem eigenen Volk dienen. Das frühe Christentum öffnete sich als Sekte jüdischen Ursprungs anderen Volksgruppen, um an Bedeutung zu gewinnen, weshalb deren Gott sein auserwähltes Volk durch die Religionszugehörigkeit definierte und weniger den Alltag regulierte als ethische Grundsätze diktierte. Jedoch ist hier eine neue starke Betonung des Jenseitigen als das wahre Reich Gottes hervorgetreten, die ethisches Verhalten an Lohn und Strafe in einem Leben nach dem Tod koppelte. Die Realität wurde damit zu einem Anhängsel von Gottes Reich, so dass das Transzendente auch in der Realität die eigentlich entscheidende Wirklichkeit sein sollte. Die Weiterentwicklung, zunächst im Christentum, später auch im Islam führte dann auf dieser Grundlage zu einem weltlichen, globalen, überstaatlichen Führungsanspruch über die ganze reale Welt und alle Menschen in ihr. Diese zusätzliche weltliche Orientierung folgt unmittelbar aus dem zu dieser Zeit gültigen Gottesbild, das dem christlichen Gott des Mittelalters und dem des Islam entspricht. Heute herrscht im Christentum und im aufgeklärten Judentum nach der Säkularisierung der Staatswesen vor allem eine ethisch-moralische Orientierung bezogen aus Gottes Hand vor. Der Islam versucht dagegen noch oft den überstaatlichen Anspruch mit Gewalt durchzusetzen. Doch auch die verschiedenen christlichen Kirchen rechtfertigen sehr unterschiedliche Ethiken durch unterschiedliche Gottesbilder, ganz zu schweigen von orthodoxen und fundamentalistischen Strömungen in allen Religionen. Die vorgeblichen Eigenschaften Gottes und seine Kriterien, anhand derer über das Leben der Menschen angeblich gerichtet werden soll, sind also stets vom Zeitgeist und der Ideologie der jeweiligen sozialen Strömung bestimmt gewesen. Es ist also völlig unklar, was Gottes ewige Eigenschaften oder Urteilsgründe sein könnten, mithin hat er aus menschlicher Sicht eigentlich keine, die wirklich verlässlich und von Dauer sind.

Als letztes Problem, das sich aus dem bereits Diskutierten speist, soll die folgende Frage erörtert werden: Es gibt in unserer objektiven Realität keinerlei Erfordernis für das Vorhandensein eines Gottes. Die verschiedensten Aspekte dessen habe ich bereits ausführlich in in meinem Buch Handbuch für Atheisten behandelt, weswegen ich hier nur kurz darauf eingehen werde. Angesichts der wissenschaftlichen Erkenntnisse ist kein Gott zur Erklärung der Welt oder der menschlichen Natur und Gesellschaften mehr nötig. Heutige Erklärungen sind ausführlicher, detaillierter, weitgehender als alle religiösen Erklärungen, benennen dabei offen auch ihre Lücken und Grenzen. Selbst für Religionsanhänger ist Gott dann nur noch für die vermeintlich verbleibende Lücke zuständig, er ist nur noch unspezifische und ebenso unnötige Motivation für Ethik und soziale Verhaltensweisen. Doch auch dafür ist kein Gott erforderlich, da wissenschaftlich im Prinzip belegt werden kann, dass die Unterschiede zwischen Menschen per se sachlich nicht rechtfertigen, verschiedenen Menschen nicht den gleichen Wert zuzugestehen. Damit verdienen alle Menschen zunächst Respekt, den sie aber selbst durch ethisches Verhalten bestätigen müssen, um ihn zu behalten. Das allein reicht schon, um eine humanistische und sehr menschliche Ethik zu begründen. Ansonsten dient eine – manchmal reichlich abstruse – Gottesvorstellung heutzutage oft in westlichen Gesellschaften vor allem als ein quasi beliebiger Aufhänger für Mystizismus und Spiritualismus, eigentlich um emotionale oder andere psychologische Bedürfnisse zu befriedigen8. Auch wenn derartige Bedürfnisse real sind, so ist es ebenso leicht vorstellbar, diese auf andere Art zu bedienen. Einerseits gibt es zahllose Beispiele, in denen dies etwa mit Bezug auf animistische Ideologien erreicht wird, andererseits lassen sich auch aufgeklärtere Wege einer derartigen Sinnstiftung vorstellen.

3. Fackeln in der Nacht

Die übertriebene Fixierung der Weltreligionen auf den Menschen als Zweck und Ziel der Schöpfung ist angesichts der beobachtbaren Realität unsinnig. Damit ist aber auch das Propagieren eines Ziels der menschlichen Geschichte, auf die alles Tun im menschlichen Umfeld hinausläuft, hinfällig. Doch auch die zentrale Grundlage der Religionen kann von rational denkenden Menschen nicht hingenommen werden. Es ist kein Gott möglich mit den Eigenschaften, so wie er von Religionen und praktisch allen ihren Anhängern propagiert wird. Die zahlreichen Widersprüche auf allen Ebenen machen das Gesamtkonzept eines Gottes wegen elementarer Widersprüche mehr als nur unplausibel. Daneben wäre ein Gott, der aufgrund seiner extremen Verschiedenartigkeit für Menschen unzugänglich ist, in jeder Beziehung komplett irrelevant und unterscheidet sich nicht von keinem Gott. Dazu kommt der vollständige Mangel an glaubhaften Belegen für dessen Existenz oder sein Wirken, welcher auch prinzipieller Natur ist. Ein nachweislich eingreifender Gott, der Naturgesetze außer Kraft setzt, kann nur ein täuschender Gott sein und bietet daher keinerlei Orientierung oder Vertrauenswürdigkeit. Die reale Welt braucht ihn aber auch in keiner Hinsicht jenseits psychologischer Bedürfnisse individueller Anhänger von Religionen. Das Konzept eines Gottes ist bei genauer Untersuchung angesichts heutiger gesicherter Erkenntnisse in sich widersprüchlich, unplausibel und nicht haltbar angesichts heutiger Maßstäbe, die an eine Diskussion bzw. Untersuchung der Frage angesetzt werden können. Es kann kein sinnvoller Bezug zur objektiven Realität hergestellt werden, weshalb in Konsequenz die Annahme der Existenz Gottes in der objektiven Realität verworfen werden muss. Diesem Konzept kann lediglich Realität in der mentalen Welt von Religionsanhängern zugestanden werden. Der Glaube an Gott ist somit ein individueller Irrglaube, der anderweitige persönliche Bedürfnisse adressieren soll und keinen belastbaren Bezug zu einer objektiven Wirklichkeit hat. Diesen Aspekt des Trosts habe ich bereits in meinem Buch Handbuch für Atheisten thematisiert, ebenso auch die Tatsache, dass er aus anderen Quellen bezogen werden kann. Das bedeutet, es gibt keinen Gott nach allem, was wir wissen, es gibt nur individuelle Vorstellungen eines Gottes, Fiktionen, die absolut keine Entsprechung in der objektiven Realität haben9. Der Gott der Religionsanhänger ist ausschließlich ein psychologisches Phänomen, dem aktuell noch im sozialen Kontext und Diskurs Relevanz zugesprochen werden muss. Gott wurde vom Menschen nach seinem Ebenbild als reine Idee geschaffen, um bequem mit der eigenen Beschränktheit umzugehen. Er ist also reine Fiktion.

Gott ist nicht tot, es gab ihn nie wirklich10.

Damit können wir selbständig Orientierung finden. Von hier an stehen uns in unserer Entwicklung alle Wege offen.

Literaturnachweis:

Thomas Schall. Handbuch für Atheisten – und solche, die es werden wollen: Ein Leitfaden für ein Leben ohne Gott, 2013, München: Selbstverlag.


  1. Anmerkung 1: Das ist für einen überzeugten Vertreter der wissenschaftlichen Methode die stärkste mögliche Formulierung ohne Übertreibung. Die Nicht-Existenz von etwas kann nicht bewiesen werden, lediglich die Existenz von etwas wird durch die besten aktuell bekannten Theorien belegt. Allerdings ist die Abwesenheit von einem Konzept wie Gott in allen relevanten Theorien ein maximal starkes Indiz für seine Nicht-Existenz. 

  2. Anmerkung 2: Die Unstimmigkeiten hinsichtlich »heiliger« Bücher werden im Text nicht weiter thematisiert. Es sei nur angemerkt, dass diese anerkanntermaßen von Menschen, gern als Propheten und Heilige klassifiziert, fabriziert wurden, vorgeblich nur aufgeschrieben bei oder nach Offenbarungen. Solche Offenbarung sind nicht von anderen überprüfbar, sondern können nur von demjenigen behauptet werden, dem sie angeblich zuteil wurden. Die nachweislichen tiefgreifenden redaktionellen Änderungen über die Jahrhunderte mögen geleugnet werden, sind aber real und dienten stets sehr diesseitigen Zwecken. 

  3. Anmerkung 3: Dies zielt nur auf Übersichten eines begrenztem Umfanges mit trotzdem guter Qualität ab. Freilich gibt es etwa von Richard Dawkins oder Christopher Hitchens hervorragende Aufbereitungen in Buchform. 

  4. Anmerkung 4: Die Heilsversprechen aller Religionen ermöglichen die Anweisung solcher Gewalthandlungen. Jede Religion muss als Identifikationsmöglichkeit sich bzw. ihre Anhänger über andere Menschen erheben, selbst wenn es sich dabei inhaltlich nur um die richtigere Art der Gottesverehrung handeln sollte. Damit ist ein Gefälle geschaffen, das ausreicht, um die Aufgabe ethischer Prinzipien zu rechtfertigen und Gewalt anzuwenden. Die Verknüpfung mit einem jenseitigen Lohn gemäß der Heilsversprechen reicht als Motivation zur Ausführung oft aus, wie zahlreiche Ereignisse auch aus der jüngeren Vergangenheit belegen. 

  5. Anmerkung 5: Auch in diesem Fall greift die Argumentation der vorigen Fußnote. 

  6. Anmerkung 6: Große Teile der atheistischen Literatur widmen sich primär dem Kampf gegen Religionen und vernachlässigen dabei die philosphischen Aspekte und deren kohärentes Zusammenspiel. 

  7. Anmerkung 7: Ein naiv-frommes Anhimmeln einer völlig unzugänglichen »Persönlichkeit« ist dabei nicht ausgeschlossen, jedoch ist dies dann einseitig, da die Vorstellung vom Angehimmelten ohne Verbindung zu seiner Wirklichkeit wäre. Selbst wenn es auch in der Gegenrichtung eine Bezugnahme gäbe, wäre diese auch einseitig, da deren Natur wegen der Unzugänglichkeit der Persönlichkeit Gottes völlig unbekannt sein muss. 

  8. Anmerkung 8: Dabei ist die realweltliche Existenz des Konzeptes, das als Basis für Mystizismus und Spiritualismus herangezogen wird, ohnehin nicht erforderlich. 

  9. Anmerkung 9: Es sei hier nur kurz angemerkt, das Gleiches für weitere religiöse Konzepte wie das des Jenseits gilt, für die ein unkritischer Glaube von Religionen verlangt wird. 

  10. Anmerkung 10: Diese Formulierung ist zugegebenermaßen überspitzt wie Anmerkung 1 zum Untertitel ganz vorn bereits nahelegt. Die argumentative Situation und Beleglage zeigt jedoch, dass dies so nahe an der Wirklichkeit ist, wie es sein kann, in diesem speziellen Fall freilich abzüglich der prinzipiellen Vorsicht bei der Formulierung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Diese Zurückhaltung ist in der hier geführten Diskussion angesichts der ebenso deutlich vorgetragenen Gegenposition unangebracht.