Eitelkeiten eines Semiotikers

Anmerkungen zur semiotischen Analyse des Verstehens von Literatur in Umberto Ecos »Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers«

(Thomas Schall, September 2016)

PDF-Download zum Ausdruck und für die Offline-Nutzung


Abstract

Umberto Eco liefert in »Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers« eine semiotische Analyse zu Verständnis literarischer Texte. Speziell die persönliche, oft emotionale Anteilnahme des Lesers am fiktiven Geschehen beschäftigt ihn. Seine Untersuchung bleibt meines Erachten jedoch vor einer wichtigen Erkenntnis stehen, die eine stärkere Erklärung liefern würde und zudem eine einheitliche Sichtweise zum Verstehen nicht-fiktiver und fiktiver Texte ermöglicht. Diesen zusätzlichen Schritt erarbeite ich im Kern mit dem vorliegenden Text. Die Erweiterung der semiotischen Analyse besteht darin, die Referenzbeziehung nicht als eine direkte von Botschaft (bzw. Begriff) zu realer Welt aufzufassen, sondern die mentale Welt des Rezipienten als Interpretationsraum dazwischen anzusetzen. Damit ist für jedes Element des Textes eine konkrete Referenz in dieser mentalen Welt vorhanden, wobei nicht jedes davon auch eine Beziehung zu einem Subjekt oder Objekt in der realen Welt haben muss. So wird ein einheitliches Modell für das Verstehen jeder Art kommunikativer Botschaften möglich, sowohl nicht-fiktionaler als auch literarischer Texte.


Es ist kaum auszumachen, wie viele Anregungen die »Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers« von Umberto Eco für den Leser bereithalten. Auch nur einen Teil davon aufzunehmen, ist eine echte Leseleistung. Doch in einem Aspekt seiner Erläuterungen will ich in diesem Text darüber hinaus gehen.

Das betrifft nicht seine Herangehensweise an das Schreiben, die er im ersten Kapitel aufzeigt. Sie kann, wenn sie auch sehr interessant ist, für jeden Autoren eine andere sein. Auch sein Faible für Listen und Auflistungen, das er mit großer Freude und Ausführlichkeit im langen, letzten Kapitel ausbreitet, ist hier nicht das Thema, auch wenn er dort quasi eine Anthologie der literarischen Liste systematisch und detailreich erarbeitet. In diesem Abschnitt lebt er die Eitelkeit eines hochgebildeten Autors mit großem philologischen Wissen aus, was ihm auch jederzeit zugestanden sei.

Hier sollen seine Gedanken zur Interpretation von literarischen Texten, der persönlichen Anteilnahme des Lesers an diesen und Ecos semiotischer Fundierung dessen ergänzt werden. Dies ist ein gewagtes Unterfangen, ist dies doch auch der Kern seiner wissenschaftlichen Arbeit, doch ich denke, ich habe mit meinem Standpunkt etwas zu der Thematik beizutragen.

Eco identiziert den semiotischen Unterschied korrekt, wenn er schreibt, Botschaften über die reale Welt hätten in dieser eine konkrete Referenz, auf die sich Sender (Autor) und Empfänger (Leser) beziehen können. Fiktionale Botschaften dagegen haben nur einen Bezug zur realen Welt über den Autor und über das Exemplar des Textes, der sich eben konkret auf einem Medium manifestieren muss. Allerdings scheint er sich zu scheuen, diese Analyse zu Ende zu führen und zu postulieren, dass unser Verständnis von Botschaften einheitlich gesehen werden kann, egal ob sie eindeutig realweltlichen Bezug haben oder fiktional sind. Vielleicht hängt er zu gerne an einer romantischen Vorstellung von Literatur als etwas Besonderem, das sich unserem vollen Verständnis entzieht, wenn er das Mitfühlen für nicht-existente, fiktionale Personen zu verstehen versucht.

Als Leser ( jeder Empfänger einer kommunikativen Botschaft) rekonstruieren wir uns Botschaften, auch geschriebene. Diese können sicherlich aufgrund der Natur des Aufgezeichnet-Seins außerordentlich komplex werden. Man denke nur an Romane wie Umberto Ecos »Der Name der Rose«. Beim (Re-) Konstruieren der Botschaft bzw. unseres Verständnisses dieser bedienen wir uns unseres bestehenden Wissens über die Welt. Eco selbst bringt uns in »Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers« auf die Spur, wie fiktive literarische Botschaften verstanden werden können. Diese sind stets explizit, wo sie von unserem konventionellen, meist kulturell tradierten Weltwissen abweichen. Ansonsten verwenden wir unser Weltwissen, das auf eigener Erfahrung oder auf als wahr anerkannten Botschaften über die reale Welt beruht, als Mittel, die fehlenden Elemente bei der Konstruktion unseres Verständnisses der Botschaft eines fiktiven sprachlichen Werkes zu ergänzen.

Das bedeutet aber auch, dass wir uns beim Verstehen solcher Botschaften die Welt konstruieren, in der diese für uns einen Sinn ergeben. In vielen Fällen ist dies unsere reale Welt, in anderen eine fiktive. Da letztere aber beliebig viele Übereinstimmungen mit der realen Welt haben kann, erklären sich auch die Fälle, in denen Rezipienten bei der Interpretation zu weit gehen und auch fiktive Elemente als wahr annehmen. Gleichermaßen zeigt es uns auf, wie wir am fiktiven Schicksal fiktiver Personen teils intensiv emotional teilhaben können. Wir akzeptieren diese konstruierte Welt insgesamt als gültigen Bezugsraum im Rahmen dieser literarischen Botschaft und suchen unsere Teilhabe daran. Eco selbst erläutert beeindruckend, wie unsere Identifikation mit fiktiven Personen in einem literarischen Text zustande kommt, und zwar dadurch, dass wir als Person zunächst eben nicht Teil dieser Welt sind, aber unsere Rolle darin finden durch die Identifikation mit fiktiven Individuen, meist den Protagonisten.

Die Tatsache, dass jedes Verstehen einer Botschaft auf Seiten des Rezipienten ein Konstruieren ist, erlaubt es uns, einen prinzipiell einheitlichen Prozess beim Verständnis von wahren Aussagen über die Welt wie auch bei fiktiven Aussagen der Literatur anzusetzen. Damit unterscheiden diese sich nur in Eigenschaften, nicht aber im Kern, und es wird plausibel, warum die verschiedenen Arten von Botschaften gleichartige Reaktionen, auch emotionaler Natur, hervorrufen können. Hier eine Dichotomie zu konstatieren, wie es philosophische Idealisten gerne tun, wird den menschlichen Verarbeitungsprozessen nicht gerecht.

Denn wenn ein fiktiver Text nicht die reale Welt in allen Belangen referenziert, so stellt er doch eine legitime Welt für eine konsistente Interpretation dar. Das ist ein ausreichender Rahmen für eine persönliche Bezugnahme der Lesers, dem normalerweise auch klar ist, dass diese Welt zumindest in Teilen fiktiv ist, also nur mental in seinem Bewusstsein existiert. Dies führt auch wieder zu Täuschungen einzelner Leser darüber, welche Elemente fiktiv sind. Diese sind sich nicht darüber klar, dass in literarischen Texten zunächst alles, was explizit ausgeführt wird, fiktiv ist. Lediglich Lücken werden mit dem Weltwissen des Lesers ergänzt, auch wenn Autoren diesen Aspekt gelegentlich gerne mit großer Meisterhaftigkeit verschleiern. Wir können jedoch davon ausgehen, dass im Wesentlichen dem Leser klar ist, dass die Welt, die er sich mental schafft, um ein literarisches Werk zu verstehen, nicht deckungsgleich ist mit der, die er unmittelbar wahrnehmen kann. Diese eine abweichende Eigenschaft, oft kaum bewusst wahrgenommen, schränkt dagegen die Möglichkeiten, mental oder emotional mit der Botschaft umzugehen, nicht ein. Sie verhindert lediglich eine unmittelbare Verhaltensreaktion als adäquate Handlung in der wirklichen Welt. Eine solche Handlung ist zwar möglich, aber sie ist keine sinnvolle unmittelbare Antwort auf andere realweltliche Vorgänge oder Zustände.

Erkennt man also an, dass die Welt, die den Interpretationsraum einer Botschaft darstellt, stets vom Rezipienten mental konstruiert wird, so gibt es kein Referenzproblem, denn in dieser mentalen Welt haben die Subjekte und Objekte eine Referenz. Der Unterschied bei einem literarischen Werk ist nur, dass diese dort nicht immer eine Entsprechung in der realen Welt haben. Gewöhnliche Botschaften der Alltagskommunikation hingegen haben genau solche realen Gegenstücke in der realen Erfahrungswelt. Den Interpretationsraum der mentalen Welt des Rezipienten als eigene Entität in der kommunikativen Analyse anzuerkennen ist ein Schritt, der sowohl von Anhängern eines philosophischen Realismus als auch von solchen eines Idealismus meist unterlassen wird. Wieder andere stellen die Validität einer realen Welt und möglicher Referenzen infrage, was allerdings jeden Versuch einer Untersuchung zu einem nicht vergleichbaren privaten Unterfangen macht und damit streng genommen unwissenschaftlich ist. Die Referenzbeziehung dergestalt zweistufig anzunehmen, löst das Problem der Referenzen literarischer Texte auf. Es bleibt zu untersuchen, inwieweit diese Annahme auch weitere semiotische, kommunikationstheoretische oder linguistisch-pragmatische Probleme lösen helfen kann.

Die vorangegangen Ausführungen zeigen aber auch klar auf, dass es kein wirkliches Problem der semiotischen Referenz in fiktiven Texten gibt, das Eco ein wenig umtreibt. In der mental vom Leser konstruierten Welt, die er sich im Verständnisprozess schafft, haben die referenzierten Subjekte und Objekte also sehr wohl eine Referenz. Diese mentalen Objekte haben jedoch aufgrund der Natur des Textes nur nicht zwangsläufig eine unmittelbare Entsprechung in der realen, anfassbaren Welt. Da aber fehlende Beschreibungen durch Weltwissen der realen Welt wie bereits beschrieben ergänzt werden, wird die Verwechslung von Fiktion und Realität, der einige Leser manchmal unterliegen, wiederum plausibilisiert. Hier werden fälschlicherweise realweltliche Referenzen angenommen, wo nur solche der fiktiven Welt legitim wären.

Umberto Eco bleibt allerdings vor einer solchen einheitlichen Sichtweise stehen und belässt es beim Kategorisieren. Beispielsweise ist er auch in seinem Urteil sehr milde mit den Religionen und Mythologien, wenn er für deren narrative Subjekte verschiedene Kategorien bereithält und in deren Vergleich nur verschwommene Grenzen ausmacht zwischen literarischen Individuen, mythologischen Personen und religiösen Entitäten. Zweifellos liegt er richtig, dass für die Anhänger der jeweiligen Glaubenswelten Entitäten Realität zugesprochen wird, die andere, aufgeklärtere Menschen als reine Fiktion erkennen. Allerdings ist solch ein Unterschied auch nur in der mentalen Interpretationswelt des Rezipienten zu suchen und es liegt stets der gleiche Verständnisprozess zugrunde. Der Gläubige sieht oder weiß nicht mehr, er glaubt nur mehr. Das bedeutet, eine kritischere, weniger freundliche Betrachtung kann diese alle drei Subjektkategorien Ecos allein den literarischen Subjekten subsumieren, die lediglich in verschiedenen narrativen Situationen zu verschiedenen Zwecken eingesetzt werden. Auch hier liegen wieder nur graduelle Unterschiede in Eigenschaften vor und keine generellen Differenzen, die strukturelle verschiedene Entitäten rechtfertigen würden. Vielmehr resultieren ihre wesentlichen Unterschiede hinsichtlich der Eigenschaften aus dem konkreten Unterschied in der Verwendung.

Eco bleibt nach meiner Wahrnehmung mehrfach davor stehen, eine einheitlichere Theorie für das Verständnis fiktiver wie nicht-fiktiver Texte aufzuzeigen. Er beschreibt in großer Detailverliebtheit Einzelaspekte, ordnet und kategorisiert sie, zeigt die feinen Unterschiede auf, aber belässt es an den entscheidenden Stellen dabei. In diesen semiotischen Aspekten, die doch dazu geeignet sind, wirklich interessante Erkenntnisse zu erzielen, bleibt er für meine Vorstellung etwas zu sehr seiner brillianten und sehr gelehrten Analyse mit ausführlich beschriebenen Kategorien verhaftet. Er ist ein wenig eitel bei dem, was er hervorragend kann und will erzählend Details vermitteln, ohne dabei die große verbindende Klammer deutlich aufzuzeigen. Man mag es ihm nachsehen, was ich auch tue, da seine Absicht mit dem Buch, das auf Vorlesungen basiert, ein andere gewesen sein dürfte. Er wollte wohl in einer weit ausholenden Art über sein Vorgehen beim Schreiben literarischer Werke referieren. Allerdings ist es auch schade, eine solche Gelegenheit zu interessanten Erkenntnissen verstreichen zu lassen. Doch ich fühlte mich inspiriert, mit dem vorliegenden Text diese von mir gefühlte Lücke zu füllen, wenn auch sicher nicht mit der immensen Gelehrsamkeit, die Eco in seinem Buch bewundernswerterweise an den Tag legt.