Evolution in die Apokalypse

(Thomas Schall, Juli 2021)

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Abstract

Dieser Essay betrachtet die drohende Apokalypse für die Menschheit durch den Klimawandel aus der Perspektive der Evolution speziell des Menschen und seiner Innovationen, welche ja die biologische Perspektive überschreiten. Dazu wird der zugrunde liegende Evolutionsbegriff beleuchtet, die Rolle der Innovationen durch den Menschen und wie in diesem Zusammenhang asoziales Verhalten befördert wird, ebenso wie Kreativität eine Rolle dabei spielt. Auf dieser Basis wird herausgearbeitet, warum mit dieser evolutionären Perspektive das Versagen der Menschheit bei den aktuellen globalen Herausforderungen der wahrscheinlichste Ausgang ist, gegen den trotzdem anzukämpfen die einzig rationale Option für das allgemeine Überleben ist. Zudem wird in einem Exkurs diese Situation in einem allgemeinen kosmologischen Zusammenhang erörtert und zum Abschluss gezeigt, dass die Menschheit in ihrer Existenz bedroht ist, wohl aber nicht alles Leben auf der Erde, was klar den Handlungsdruck beim Menschen verortet.

Evolution in die Apokalypse

Ein evolutionstheoretischer Blick auf die Chance der Menscheit zu überleben

Die Herausforderung an die gesamte Menschheit durch den von ihr selbst verursachten Klimawandel wirft ganz zwangsläufig die Frage auf, ob diese auch erfolgreich bewältigt werden kann. Die Suche nach einer Antwort wird hier aus einer evolutionstheoretischen Sicht angegangen. Dazu ist die Entwicklung des Menschen zu betrachten und wie diese zu einer Situation geführt hat, dass wir nicht nur in der Lage sind, unsere Lebensgrundlagen global zu zerstören, sondern auch dazu, dass dies das bevorzugte Handeln für die große Mehrheit der Menschen ist.

Zuerst ist das hier verwendete Konzept der Evolution zu klären und anschließend zu bestimmen, wie sich dieses zu der Art von Innovationen verhält, welche die aktuelle Situation hervorgebracht haben, bevor die Auswirkungen von Evolution und Innovation diskutiert werden können.

Evolutionsbegriff

Die Evolution bringt Lebewesen hervor, die immer besser an ihre Umgebung angepasst sind und daher Vorteile bei ihrer Verbreitung gegenüber weniger gut angepassten Exemplaren bzw. Arten haben. Evolution ist also das Durchsetzen des überlebensfähigeren einzelnen Wesens auf lange Sicht, indem es seine Überlebensvorteile gegenüber anderen Individuen oder Spezies ausspielt und dadurch einen überdurchschnittlichen Fortpflanzungserfolg erzielt. Das Individuum hat somit ein genuines Interesse am eigenen Überleben und dem erfolgreichen Fortbestehen der eigenen Abstammungslinie.

Evolution an sich ist jedoch nicht so strukturiert, dass ihre Eingangsbedingungen extern modifiziert werden könnten und dies nicht starke und unerwartete Auswirkungen auf das Selektionsergebnis bei Spezies oder Individuen hätte. Massive gezielte oder ungesteuerte Veränderungen der Umgebung von Lebewesen zugunsten einer bestimmten Spezies führen zu einem immensen Selektionsdruck auf die meisten anderen Arten mit der großen Gefahr ihres Aussterbens. Ein kleiner Teil weiterer Arten mag davon profitieren, aber dies verschiebt das ausgelöste Ungleichgewicht nur weiter. Evolution wird auf lange Sicht ein neues Gleichgewicht erreichen, das aber wahrscheinlich zunächst sehr viel weniger reich sein wird, nachdem selektiv eine Spezies von der geänderten Umgebung massiv profitiert. Die Einführung technischer Hilfsmittel bzw. sozialer Mechanismen als großer Überlebensvorteil für eine Spezies oder eine (Sub-) Population bzw. Kleingruppe sind solche Veränderungen, die den Evolutionsdruck stark einseitig verschieben oder sogar evolutionäre Veränderungen für die Nutznießer aushebeln. Werden ihre Mechanismen für sonstige bestehende Spezies nicht auch ausgehebelt, so bringt die Evolution auch bei massiver Änderung der Umweltbedingungen überlebensfähige Lebensformen hervor wie auch nach den bisherigen Massenaussterben der Erdgeschichte, von denen das bekannteste das Aussterben der Dinosaurier ist. Neue, angepasste Spezies ersetzen dann allerdings mitunter die vorher in der Umgebung lebenden Arten komplett, so wie etwa die Säugetiere zu den bestimmenden Arten wurden. Trifft dabei ein (neuer) Überlebensvorteil auf eine Umgebung, deren Eigenschaften diesen in keiner Weise bremsen können, so wird die Spezies oder Gruppe, die ihn nutzt, sich mit exponentiellem Wachstum vermehren und ausbreiten. Dies ist eine universale Eigenschaft von Leben, das auf Fortpflanzung beruht.

Diesem Text liegt die Annahme zugrunde, dass evolutionärer Selektionsdruck auch zwischen Sub-Populationen, Gruppen innerhalb einer Spezies besteht und die Wirkung der evolutionären Mechanismen sich auch auf soziale und technologische Innovationen erstreckt.

Überlebensvorteil Innovation

Die Umgebung und damit die Eingangsbedingungen für die Mechanismen der Evolution werden wie erläutert auch deutlich geändert von nicht biologischem Wandel durch Innovationen neuer technischer Hilfsmittel und sozialer Strukturen. Innovationen dieser Art zur Verbesserung der eigenen Überlebensfähigkeit werden von ihren Nutznießern unbedingt angewandt, wenn sie nur erfolgversprechend erscheinen und keine erkennbar größeren Nachteile direkt mit sich bringen.

Eine Art, welche die Fähigkeit zu komplexer Kommunikation über den aktuellen situativen Kontext hinaus besitzt, ist auch in der Lage zu sozialen Innovationen. Jede Spezies, die dazu noch über allgemeine Intelligenz zur Lösung beliebiger Probleme, Kreativität und die Fähigkeit zur physischen Manipulation ihrer Umgebung verfügt, kann technische Innovation hervorbringen. Spätestens in Kombination dieser beiden Seiten der Innovationsfähigkeit erwächst neben potentiellen Hochkulturen auch die Möglichkeit zu Innovationen mit globalem Gefahrenpotential.

Schon der Wechsel zur Landwirtschaft von einer Kultur aus Jägern und Sammlern war so eine Innovation, wobei das Nomadentum wohl eine Zwischenform darstellt und auch schon eine Innovation ist. Bereits die Kooperation in der Kleingruppe stellt ebenso eine soziale Innovation gegenüber dem "Einzelkämpfer" dar, womit sich auch die "Egoismus-Zwiebel" aufbaut: In der Auseinandersetzung mit der Umgebung und anderen Spezies priorisiert das Individuum zuvorderst sein eigenes Überleben, dann den Fortbestand der Kleingruppe, evtl. mit wiederum geringerer Priorität eine größere soziale Einheit und schließlich (möglicherweise mit weiteren Zwischenebenen) die gesamte eigene Spezies -- mit schrittweise sinkender Priorität.

Jede technische und soziale Innovation wird also wenigstens indirekt zum Vorteil der Spezies genutzt, primär aber zum Vorteil der eigenen Kleingruppe (Stamm, Familie etc.) im Wettbewerb innerhalb der Spezies. Es entsteht ein Wettlauf der Innovationen, um die eigene Abstammungslinie innerhalb der Spezies maximal erfolgreich zu positionieren, wenn auch noch elementarer der eigene Überlebenswille den individuellen Selbsterhalt bei existentieller Bedrohung meist noch höher priorisiert. Aber auch dies dient im Normalfall direkt dem Arterhalt.

Derartige nicht-biologische Evolutionsvorteile haben das Potential, sich exponentiell zu verbreiten, da die Nutznießer im Kontrast zur ganzen Biosphäre sehr eng umrissen sind, damit aber prinzipiell alle anderen Spieler in der Evolution in Bedrängnis bringen und für diese den Evolutionsdruck erhöhen.

Asoziale Evolution

Es wurde im vorigen Abschnitt bereits geschlussfolgert, dass soziale Innovationen ebenso wie biologische Vorteile global negative Skaleneffekte entwickeln können, wenn sie für ihre Nutznießer nur universal nutzbar sind. Diese sozialen Errungenschaften ermöglichen dann nicht nur erfolgreichere, sondern auch signifikant größere Gruppen, die koordiniert Einfluss auf ihre Umwelt nehmen können, was sich eben bis zu globalen Effekten erstrecken kann. Sobald die Innovation der Faktor ist, welcher der Gruppe, die sie umsetzt, eine Größe erlaubt, wie sie vorher nicht stabil möglich gewesen wäre, sind exponentielles Wachstum und negative Skaleneffekte für die Umgebung möglich und zu erwarten.

Arbeitsteilung mit permanenter Spezialisierung des Individuums auf einen Beruf und das Angebot dieser spezialisierten Leistung jenseits der eigenen Kleingruppe ist so eine Innovation, die Dörfer und Städte erst ermöglichte und zudem Austausch zwischen ihnen förderte.

Innerhalb der Spezies, aber auch generell, verschafft sich eine Gruppe einen Vorteil, wenn sie soziale oder technische Innovationen nutzt, auch wenn diese Nutzung einen Schaden für die Umgebung aller bedeutet. Der Schaden wird verteilt und damit globalisiert bzw. sozialisiert während der Vorteil exklusiv der Gruppe zugute kommt. Das Verhalten zeigte sich beispielhaft im Handeln vieler Menschen während der Corona-Pandemie. Gleiches gilt in allen Fällen von (ungeahndeter) Korruption oder für das Verweigern von effektiven Klimaschutzmaßnahmen usw.

Altruismus ist innerhalb der eigenen Gruppe ein klarer Selektionsvorteil, dagegen ist über Gruppengrenzen hinweg die Gegenseitigkeit nicht garantiert. Selbstlosigkeit kann folglich zum Nachteil werden, wenn die Begünstigten ihn einseitig ausnutzen -- was ja jenseits der eigenen Gruppe nicht unausweichlich sanktioniert wird. Vielmehr ist es echtem Altruismus zu eigen, einseitiges Ausnutzen nicht zu sanktionieren. Das bedeutet, dass mit wachsender sozialer Distanz die Gefahr wächst, dass Selbstlosigkeit zu Nachteilen führt. Größere soziale Einheiten bringen Kontakt auch trotz größerer sozialer Distanzen mit sich. In heutigen Gesellschaften kann die Distanz globale Dimensionen annehmen. Damit maximiert sich das Risiko altruistischen Verhaltens und die Kontexte, in denen egoistisches und asoziales Verhalten sich auszahlen und unsanktioniert bleiben, nehmen überhand.

So sind beispielsweise auch Wissen und eine systematische Bildung ein Überlebensvorteil, da sie die Möglichkeiten, mit der Umgebung erfolgreich zu interagieren, verbessern und vervielfältigen. Bildung und damit Wissensvermittlung zu sozialisieren, mithin diesen Vorteil in guter Qualität allen zu verschaffen, transzendiert schon den Mechanismus der Evolution. Folglich werden in der Gesellschaft auch einige den freien Zugang zu Bildung opponieren und bekämpfen, um sich den eigenen Vorteil möglichst exklusiv zu erhalten. Freilich gilt dies gleichermaßen auch für diejenigen, die über materielle Ressourcen exklusiv verfügen. In einer modernen Gesellschaft, in der sogar andere, immaterielle Güter klare Vorteile bringen, trifft das ebenso auf deren Besitzer zu. Diese Zusammenhänge zeigen darüber hinaus zudem offensichtlich auf, dass die Fähigkeit, Neues zu schaffen, für Gruppen und Individuen besonders nützlich ist, um sich eigene Vorteile zu verschaffen.

Egoistische Kreativität

Die menschliche Kreativität ist prädestiniert dazu, für egoistische Zwecke zum eigenen Vorteil bzw. dem der eigenen Gruppe genutzt zu werden. Sie liefert Innovationen, die direkt ein evolutionärer Vorteil für die kreativen Innovatoren sein könnnen und für andere den Selektionsdruck erhöhen, sofern sie den erwarteten Vorteil bringen. Kreativität ist das Paradebeispiel für sozial nicht sanktionierten Egoismus, der in Gesellschaften einen klaren Vorteil darstellt, ganz besonders, wenn diese ihn noch durch individualistische Ideale fördern. Da Innovationen mit Individualismus assoziiert werden, wird Egoismus dort sogar gefördert und sozial begünstigt. Kreativität als Individualleistung passt perfekt in dieses gesellschaftliche Muster und bringt somit Innovationen genauso wie Egoismus hervor. Dabei führt Kreativität wie erläutert auf diese Weise häufig zu nutzbaren evolutionären Vorteilen, verursacht aber genauso auch Schäden bis hin zu globalen Maßstäben.

Disruptive soziale und technische Innovationen sind nicht nur Evolutionsvorteile, sondern auch besonders hervorgehobene Beispiele von rücksichtslosem Egoismus. Disruption im Sinne des Silicon Valley ist beispielsweise eine brutale Verdrängung von Wettbewerbern im ökonomischen Umfeld. Dabei findet eine viel umfassendere Sozialisierung von gesellschaftlichen und ökologischen Schäden als zuvor statt. Diese Zerstörung auf Kosten anderer, die vormalige Markteilnehmer nicht so rücksichtslos betrieben haben, ist dabei meist zentraler Teil des Geschäftsmodells, mithin ein besonders krasses Beispiel von Egoismus, der sich mit Kreativität Schwächen des Umfelds destruktiv zunutze macht.

Kreativität ohne soziale und ökologische Kontrolle ist unzweifelhaft auch Ausgangspunkt globaler Schäden. Sie ist also nicht per se gut (oder schlecht), kann damit genauso Innovationen zum Erhalt der globalen Lebensbedingungen hervorbringen, falls eine sozial und ökologisch zielorientierte Nutzenbewertung und Steuerung stattfindet. Im besten Fall nutzt sie den mit ihr verbundenen Egoismus zur Verbreitung und Durchsetzung von Altruismus und globalen Verbesserungen. Andernfalls werden durch unregulierte Kreativität im Dienste eines individuellen Egoismus globale Schadenspotentiale mit drohendem exponentiellem Wachstum entfesselt.

Endstation Apokalypse

Die evolutionär bevorzugten Entwicklungspfade fördern also Kreativität, Innovation und Egoismus von Individuen und Gruppen. Das bedeutet, dass normalerweise Vorteile mit einem engen Kreis von Begünstigten voll ausgekostet werden, auch wenn sie einen Schaden anrichten, der sich auf einen größeren Kreis auswirkt. Ein globaler (oder nur gruppenübergreifender) Schaden, verursacht durch die Nutzung einer Innovation, wird folglich gern in Kauf genommen, wenn er nicht unmittelbar die Existenz der eigenen Kleingruppe und Abstammungslinie bedroht, während genau diese den Vorteil möglichst exklusiv genießen kann. Erst wenn unleugbar eine direkte existenzielle Bedrohung für die eigene Gruppe entsteht, wird über die weitere Verwendung der Innovation nachgedacht.

Allerdings sind in der Evolution ungebremst erfolgreiche Neuerungen mit exponentiellem Wachstum verbunden. Technische Neuerungen, die einen klaren Nutzen mit einem globalen Schaden bringen, werden sich also auch exponentiell verbreiten, wenn sie nur einfach genug nachgeahmt werden können. Der eigenen Gruppe wird es so unmöglich gemacht, auf diese schädliche Innovation zu verzichten, ohne unterzugehen, da andere Gruppen auf diesen Überlebensvorteil (noch) nicht verzichten. Der Schaden wird folglich auch ungebremst exponentiell wachsen und global die Lebensgrundlagen für alle zerstören.

Technologische Innovationen haben zunächst einen Überlebensvorteil mit nur lokalen Auswirkungen geboten, doch aufgrund von Skaleneffekten bei breiter globaler Anwendung und Emissionen mit globalen Auswirkungen ändern sie nun die Umwelt auf dem ganzen Planeten massiv in ihren Eigenschaften. Sie verändern damit massiv die Eingangsbedingungen der Evolution auf globaler Ebene mit exponentiellem Wachstum der Schäden.

Folglich ist jede Spezies, die sich global ausbreiten kann und den Schritt dazu machen kann, ihre Umgebung ihren Bedürfnissen anzupassen, um ein scheinbar erfolgreicheres Daseinsmodell umzusetzen, prinzipiell auf dem Weg, global ihre Lebensgrundlagen zu zerstören. Angesichts der Bedingungen für diesen Entwicklungspfad und der allgemeinen Eigenschaften der Evolution und ihrer Mechanismen scheint dieser Zusammenhang universal zu sein. Der Weg in die Apokalypse durch die selbstverursachte Zerstörung der Lebensgrundlagen ist demnach nicht speziell menschlich, sondern ist allen Arten in einer vergleichbaren Situation vorgezeichnet. Doch dieselben Mittel, die diesen Weg so klar zu dem machen, der am wahrscheinlichsten beschritten wird, bieten auch wenigstens grundsätzlich die Möglichkeit, einen weniger zerstörerischen Pfad zu einzuschlagen: Intelligenz, Kreativität, Innovationen, sozialer oder technischer Natur, und Altruismus aus Einsicht statt grenzenlosem Egoismus.

Selbstlos Ankämpfen

Eine so überlegene Spezies wie der Mensch, der fähig ist zu technischer Innovation, muss es in seiner aktuellen Situation schaffen, global bei allen Individuen anti-evolutionäres und kontra-intuitives selbstloses Verhalten bei der Nutzung von schädlichen Innovationen durchzusetzen, damit sich die Apokalypse verhindern lässt.

Gesellschaften können durch Regulierungen versuchen, in diesen Zerstörungswettbewerb einzugreifen. Die Klein- und Großgruppen mit weniger Regulierung werden dabei weiterhin Wettbewerbsvorteile genießen und dies zu ihrem kurzfristigen Vorteil intensiv nutzen. Sie werden dies wissentlich auch global auf Kosten aller tun, also zwar auf Kosten von sich selbst, aber auch speziell auf Kosten der anderen, stärker regulierten Gesellschaften und Gruppen. Die breiten Reihen der Verhinderer globaler Regulierung zur Verhinderung einer Apokalypse bestehen aus all jenen, denen das Verständnis dieser Zusammenhänge abgeht oder denen vermeintlich ihre eigenen Statusvorteile, Privilegien oder Ressourcen durch Maßnahmen gefährdet erscheinen, also:

  • Ungebildete und Unwissende
  • (orthodoxe) Religiöse, Sektierer und Eiferer
  • Rückwärtsgewandte und Traditionalisten
  • Reiche und herkömmliche Anführer
  • Unternehmen und Wirtschaftsverbände
  • Korrupte und Lobbyisten
  • Egoisten und Asoziale
  • Blender und Verblendete
  • Leugner und Ängstliche

Freilich entsteht Widerstand auch schon bei der Gefahr, nur eine jeweils für sich exklusive Nutzung von Status, Privilegien oder Ressourcen möglicherweise aufgeben zu müssen und Selbiges mit anderen teilen zu müssen. Der Egoismus ist besonders ausgeprägt, wenn es um vermeintliche Vorteile geht, deren Genuss langfristig oder gar dauerhaft beansprucht wird, wobei den Nutznießern vielleicht sogar bewusst ist, dass dies nur schwer sachlich zu rechtfertigen ist.

Es ist also mit immens großen Widerständen zu rechnen, was auch schon seit mindestens fünfundzwanzig Jahren vielerorts zu beobachten ist. Eines der deutlichsten Beispiele ist hier das Handeln der Mineralölindustrie, die mit pseudo-wissenschaftlicher Desinformation jahrzehntelang gezielt wissenschaftliche Erkenntnisse über die Folgen fossiler Brennstoffe bekämpft hat und sie unglaubhaft machen wollte. Damit konnte sie erfolgreich über mehrere Jahrzehnte ihr Geschäft ungehindert weiter betreiben und nachweislich genau die vorhergesagten negativen Folgen produzieren. Allerdings sind inzwischen ihre Desinformationskampagnen teils öffentlich geworden.

Nicht nur die Widerstände allein verhindern den Erfolg von Maßnahmen, sondern auch die immense -- und sehr schnell wachsende -- Größe der Aufgabe. Die Skalengröße durch das exponentielle Wachstum erfolgreicher Innovationen und ihrer Schäden macht es unwahrscheinlich und vermutlich effektiv unmöglich, ausreichend global und erfolgreich zu regulieren. Schließlich kann von jeder (Interessen-) Gruppe jederzeit eine (neue) Ausrede präsentiert werden, warum eine andere Gruppe zuerst oder stärker regulieren bzw. reguliert werden sollte. Die Größe und Dringlichkeit der Aufgabe erlaubt aber leider schon lange keine Abstufung nach vermeintlich unterschiedlich validen Rechtfertigungen mehr. Andererseits zeigt das Kyotoprotokoll zur Reduzierung der FCKW-Emissionen, dass globale Regulierung auch schon erfolgreich möglich war. Dieses beschränkte sich allerdings nur auf einen sehr eng umrissenen Rahmen und die Umsetzung des in jeder Beziehung globaleren Pariser Klimaschutzabkommens macht weniger Hoffnung.

Die Menschheit scheint aktuell daran zu scheitern, effektiv gegenzusteuern und pures evolutionäres Verhalten bleibt prävalent. Der Weg in die (Klima-) Apokalypse wird derzeit weiter gegangen und die momentanen Ansätze abzuweichen erscheinen wie ein Alibi und nicht zielführend. Das ist zwar kein zwangsläufiger Ablauf wie das Argument der Regulierung zeigt, allerdings ist es der mit großem Abstand plausibelste Ablauf. Es ist damit praktisch wenig wahrscheinlich, dass die Menschheit überlebt, wenn es auch nicht völlig ausgeschlossen ist. Das Zeitfenster für ein effektives Umsteuern bei der Zerstörung der Lebensgrundlagen durch strenge globale Regulierung ist praktisch zu klein mit nur noch ein oder zwei Jahrzehnten, da es eine möglichst globale Änderung zu anti-evolutionärem, einsichtigem und altruistischem Verhalten verlangt. Das ist global und gegen exponentielles Wachstum kaum erreichbar. Auf der einen Seite schließt sich das Zeitfenster für die Menschheit, erfolgreich zu handeln, während auf der anderen Seite die Größe der Aufgabe schnell immer weiter anwächst.

Galaktischer Exkurs

Die Menschheit wird also voraussichtlich in den nächsten Jahrzehnten ihre eigene Lebensgrundlage und sich selbst zerstören.

Die evolutionäre Sicht dieses Essays zeigt auf, dass dieser Ablauf wohl grundsätzlich universell ist, wenn dieselben Voraussetzungen vorliegen: Es muss sich also nur eine global dominante Spezies entwickelt haben, die in globalem Maßstab ihre Umgebung durch nicht-biologische Innovationen beeinflussen -- und auch ungeplant zerstören -- kann. Sofern diese Art über eine allgemeine Intelligenz verfügt, mit der beliebige Probleme angegangen werden kann, zudem über Kreativität für technische und soziale Innovationen und die physischen Manipulationsmöglichkeiten, auch technische Innovationen umzusetzen, sind die Bedingungen erfüllt. Das sind die gleichzeitig die Grundlagen für die Entwicklung einer Hochkultur und den selbstverschuldeten Untergang. Es ist nur logisch anzunehmen, dass es Außerirdischen auf fremden Planeten, die aus einer strukturell vergleichbaren Evolution hervorgehen, genauso ergeht.

Eine Zivilisation hat damit wegen des exponentiellen Wachstums der Schäden nur wenige Jahrzehnte oder bestenfalls Jahrhunderte, in denen sie von der prinzipiellen Möglichkeit des Lebens auf fremden Planeten wissen kann und zugleich in der Lage ist, Signale zu senden und zu empfangen. Dieses Fenster von grob einem Jahrhundert ist angesichts der kosmischen Skalen zu klein für Kontakt. Die Dimension der Skalen von Raum und Zeit im Universum ist besonders im Hinblick auf die Ausbreitung von Signalen mit "nur" Lichtgeschwindigkeit viel zu groß. Ein fremde Zivilisation, die zur heutigen Zeit neben der unseren existiert, dürfte nur ein paar Dutzend Lichtjahre entfernt sein für eine minimale bidirektionale Kommunikation. Sie müsste sich darüber hinaus in ihrer Entwicklung ebenfalls im letzten Jahrhundert vor ihrer Selbstzerstörung befinden, bevor sie sich selbst ihre eigenen Lebensgrundlagen entzieht. Vorher kann sie aus Mangel an technischen Möglichkeiten nicht kommunizieren, später existiert sie nicht mehr.

Angesichts dessen, dass das beobachtbare Universum ca. 40 Milliarden Lichtjahre durchmisst und die Entwicklung der menschlichen Zivilisation seit Entstehung der Erde bis zum aktuellen Stand ca. 4 Milliarden Jahre in Anspruch nahm, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es auch nur eine einzelne Zivilisation gibt, mit der wir in Kontakt treten können, verschwindend gering. Das Fenster für Kontakt ist schlicht zu klein, sowohl zeitlich als auch räumlich. Beide Zivilisationen müssen sich gleichzeitig in dem kleinen Zeitfenster befinden und sie müssen sich räumlich in kosmisch unmittelbarer Nachbarschaft von nur wenigen Dutzend Lichtjahren befinden. Auch wenn es nachweislich zahllose Planeten im All gibt und praktisch jeder Stern mehrere besitzen dürfte, so ist der Anteil der Planeten, auf denen sich primitives oder gar intelligentes Leben entwickeln kann, nach aktueller Kenntnis verschwindend gering. Leben und speziell außerirdische Kulturen sind also vermutlich extrem selten und damit in unserer räumlichen und zeitlichen Nachbarschaft äußerst unwahrscheinlich. Es ist ähnlich wie schon bei der Apokalypse der Menschheit, auf welche hier auf der Erde die Evolution zusteuert: nicht systematisch ausgeschlossen, aber so unwahrscheinlich, das es praktisch unmöglich ist.

Diese Betrachtung der Entwicklung intelligenten Lebens aus evolutionärer Sicht legt also nicht nur nahe, dass die Chancen der Menschheit zu überleben gering sind, sondern auch, dass sie keinen Kontakt zu anderen, außerirdischen Zivilisationen haben wird, geschweige denn, dass sie sich von diesen Hilfe oder gar Rettung erhoffen darf.

Schwacher Trost

Der Bezug bei der in diesem Essay diskutierten Überlebensfrage ist der Bestand der Menschheit und zahlreicher anderer Arten, aber nicht das Überleben aller Arten oder des Lebens auf der Erde als solches. Letzteres würde die Macht der Menschheit überschätzen und die Kraft des Lebens und der Evolution verkennen.

Es steht zu erwarten, dass es weiter Leben auf der Erde geben wird, auch nachdem die Bedingungen so verändert wurden, dass Menschen nicht mehr überleben können. Die Evolution übernimmt wieder, nachdem der menschliche Einfluss verschwunden sein wird. Die bisherigen Massenaussterben legen nahe, dass dies ebenso nach dem aktuellen vom Menschen verursachten Ereignis so sein wird. Schließlich ist es inzwischen in der Fachwelt gemeinhin akzeptiert, dass der Mensch bereits das nächste Massenaussterben verursacht hat, das schon voll im Gange ist.

Das mögen tröstliche Aussichten für das Leben auf der Erde insgesamt sein, für die meisten Spezies -- allen voran den Menschen -- bedeutet es jedoch das Verschwinden.

Der Mensch wird selbstverschuldet zu einem kleinen Irrweg, einer kurzen, aber schmerzhaften Episode in einer Sackgasse der langen Evolution des Lebens auf der Erde. Langfristig werden praktisch alle Spuren menschlicher Existenz verschwinden, aber das Leben wird wieder gedeihen. Für uns Menschen, die wir verschwinden werden, ist das nur ein schwacher Trost.

Düstere Aussicht

Es ist zwar nicht unmöglich, die Apokalypse aufzuhalten, aber extrem unwahrscheinlich, dass dies der Menschheit gelingt. Dem Menschen ist es seitens der Evolution vorgezeichnet, sich aus eigenem Verschulden die Lebensgrundlagen zu zerstören.

Eine primär evolutionär gesteuerte Entwicklung verursacht schon jetzt vermutlich irreversible Schäden an der Biosphäre durch den Einsatz von Innovationen zum eigenen Vorteil. Die bisherigen Innovationen können aber in größerem Kontext nicht ohne Schaden genutzt werden. Die Skaleneffekte exponentiellen Wachstums bei den negativen Effekten und Schäden verhindern sehr effektiv Gegenmaßnahmen auf globaler Ebene. Dagegen sind die Beharrungskräfte, die solch eine Entwicklung weiter laufen lassen, ebenso wie die Widerstände gegen effektive Maßnahmen immens. Der Grund dafür liegt in der Globalisierung und Sozialisierung der Schäden bei exklusivem Genuss der Vorteile durch wenige. Der höchst menschliche und evolutionär sinnvolle Egoismus zementiert diese Haltung.

Die Menschheit ist also wohl dazu bestimmt, sich selbst zu vernichten, indem sie ihre Lebensgrundlagen zerstört. Sie ist allerdings nicht systematisch ohne Ausweg verurteilt dazu, denn Einsicht, Altruismus und erfolgreiche Gegenmaßnahmen sind prinzipiell möglich, was an einzelnen herausragenden Beispielen sichtbar wird. Es ist nur leider aufgrund der evolutionären Eigenschaften der Natur, des menschlichen Wesens und seiner Gesellschaften äußerst unwahrscheinlich, dass eine Umsetzung rechtzeitig und ausreichendem Umfang gelingen wird.

Unser aller Bestreben sollte es sein, dennoch den Versuch zu unternehmen. Wir müssen individuell und als Gesellschaft so handeln, dass die schädlichen Auswirkungen bisheriger Innovationen von nun an verhindert und beseitigt werden, auch wenn derzeit nicht alle so handeln. Neue Innovationen dürfen nur genutzt werden, wenn sie keine auf Dauer irreversiblen neuen Schäden verursachen, und bestehende sollten auf noch unbekanntes Schadenspotential untersucht werden. Alle Schäden müssen möglichst ab sofort verhindert und beseitigt werden. Andernfalls ist unser Untergang unaufhaltsam.