Kein Platz für einen Gott – aber Besseres

Tröstliche Implikationen aus dem Fortschritt der Physik

(Thomas Schall, Juni 2021)

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Abstract

Dieser Essay untersucht, was der aktuelle Wissensstand der Physik und Kosmologie für die Vorstellung der Schöpfung durch einen Gott bedeutet. Es werden im Verlauf ausführlich die Erkenntnisse der Wissenschaft zur Entstehung des Universums, seinen Dimensionen und Eigenschaften dargestellt und dabei, bzw. anschließend die Bezugspunkte zum Schöpfungsmythos von Religionen mit einem personalen Gott herausgearbeitet. Dabei wird aufgezeigt, dass bei Akzeptanz der wissenschaftlichen Entstehungsgeschichte kein Platz für einen personalen Schöpfergott bleibt, der irgendeine Relevanz im irdisch-menschlichen Handlungskontext hat. In der Betrachtung wird herausgearbeitet, dass die gottlose Sichtweise zu einem viel größeren Reichtum und Umfang geführt hat als ältere Ansätze. Die Schlussfolgerung zeigt zudem, dass es durchaus einen Platz für Religionen in der Gesellschaft geben kann, auch wenn sie nicht mehr unerlässlich sind. Zugleich ist der momentane Kenntnisstand Grund genug für eine demütige und soziale Haltung, auch ohne Gott.


Inhaltsverzeichnis

Einführung

  1. Ursprünge aus dem Nichts
  2. Eine unvorstellbar große Schöpfung – und mehr
  3. Kein Platz mehr für einen Gott
  4. Mehr Raum für den Menschen

Fazit und Ausblick

Literaturnachweis


 

Einführung

Die Physik hat in den letzten fünfzig Jahren immense Fortschritte gemacht. Dies ist selten in der allgemeinen Öffentlichkeit wahrgenommen worden oder hat sich gar auf das gesellschaftliche Leben ausgewirkt. Selbst große Durchbrüche werden bestenfalls in einem kurzen Beitrag der Abendnachrichten erwähnt und dann oft verwässert in den populärwissenschaftlichen Medien geparkt. Dabei wird üblicherweise ein großer Bogen darum gemacht, was das für philosophische Implikationen und Auswirkungen auf gesellschaftliche Ideologien und Religionen haben könnte. Das vermeintliche Fundament der Gesellschaft soll nicht destabilisiert werden. Dieser Essay ist kleiner Versuch, diese Lücke zu schließen.

Dies möchte ich erreichen, indem ich zunächst auf Entwicklung und Ausdehnung des Universums abhebe, auch in Kontrastierung heutiger wissenschaftlicher Vorstellungen mit den vorwissenschaftlichen religiösen Ideen zu diesen Fragen. Anschließend versuche ich zunächst einen Platz für einen Gott im heutigen wissenschaftlichen Weltbild zu bestimmen. Dem wird der Platz des Menschen in diesem Universum entgegen gestellt. Am Ende im Fazit und Ausblick zeige ich zum Einen, dass es durchaus noch Platz für neu interpretierte Religionen gibt, zum Anderen aber auch den neuen Reichtum, den wissenschaftliches Weltverständnis uns Menschen gegeben hat, bis hin zu weiter gefassten Vorstellungen unserer Grenzen als Menschen.

 

1. Ursprünge aus dem Nichts

Es ist derzeit wissenschaftlicher Konsens, dass unser Universum ca. 13,7 Milliarden Jahre alt ist und aus einem Ereignis entstand, das als Urknall bezeichnet wird. Interessanterweise ist das "Es werde Licht" der christlichen Schöpfungsgeschichte, bei dem Etwas aus Nichts entsteht dem als Metapher sehr ähnlich. Abgesehen davon, dass das Etwas nach den großen Religionen intentional von einem personalen Gott erschaffen wurde, gibt es sogar Parallelen beim Nichts, das den Kontrast bildet.

Nach physikalischen Begriffen gibt es Zeit und Raum, so wie wir das verstehen, erst seit dem Urknall. Der Raum dehnte sich in den ersten minimal kleinen Sekundenbruchteilen der Existenz unfassbar schnell aus in einem Prozess, der als Inflation bezeichnet wird. Es dauerte jedoch lange Zeit, bis aus diesem Plasma, einer "Ursuppe", durch Abkühlung und Ausdehnung Teilchen und später Klumpen entstehen konnten. Doch dies führte auch zur Entstehung von Sternen, Planeten, Galaxien und noch größeren Superstrukturen, mithin wurden dabei Erde und Himmel getrennt. Allerdings ist die kosmologische/physikalische Darstellung sehr viel ausführlicher, detaillierter und empirisch unterfüttert und nicht nur eine Stipulation in einer kurzen Geschichte, die ein religiöser Führer nach einem Blick in den Himmel ersonnen haben mag. Die wissenschaftliche Forschung zu dem Thema hat nichts Anekdotenhaftes, das womöglich vor allem mangels besserer Geschichten tradiert wurde.

Vielmehr erklärt die Quantenmechanik empirisch fundiert, dass jederzeit virtuelle Teilchen entstehen und sofort vergehen können. Etwas entsteht aus scheinbar Nichts im leeren Raum. Allerdings ist dieser leere Raum, das Vakuum, nicht Nichts. Er muss eigene Energie enthalten, die sogenannte dunkle Energie, die sich derzeit jedoch (noch?) nicht erfassen lässt. Sie ist aber für die weiterhin fortschreitende, messbare Ausdehnung des Universums verantwortlich. Diese Erklärung zeigt aber auch nachweislich, dass Teilchen spontan entstehen können und es ist sehr wahrscheinlich, dass dies beim Urknall in großem Maß erfolgt ist. Auch wenn es vermutlich nicht möglich ist, zurück bis vor diese Initialzündung zu blicken, so ist doch eindeutig, dass ab dann keine göttliche Fügung mehr nötig und möglich ist, das Universum so zu gestalten, wie es jetzt ist.

Für ein besseres Verständnis, warum dies für die Weltentstehung seitdem eine so viel befriedigendere Erklärung ist als religiöse Schöpfungsmythen, müssen wir im nächsten Abschnitt zunächst einen Blick auf die Größenordnungen werfen.

 

2. Eine unvorstellbar große Schöpfung – und mehr

Das Universum, indem wir leben ist nach heutiger Vorstellung sehr viel größer als alles, was die Menschen in der Vergangenheit überhaupt imaginieren konnten. Die Größe der Welt in der Bibel ist ein Teil der Erde mit einem kleinen Sternenzelt zur Dekoration des Nachthimmels. Lange Zeit war auch für die Gebildeten, die empirisch die Erde als Kugel erkannt hatten, das Universum kaum mehr als das Sonnensystem im besten Fall mit etwas davon völlig verschiedenem als Sternensphäre. Dahinter blieb Raum für das Göttliche. Auch die Wissenschaft konnte bis ins 20. Jahrhundert nichts über die Milchstraße, unsere Heimatgalaxie, hinaus beobachten, schlicht aus technischen Gründen. Daher galt diese eine Galaxie als das gesamte (bekannte) Universum. Heute wird das bekannte Universum auf über 40 Milliarden Lichtjahre im Durchmesser geschätzt, mit Milliarden Galaxien wie der Milchstraße. Dies ist nur der beobachtbare Teil des Universums aufgrund der Lichtgeschwindigkeit und der Ausdehnung des Universums seit dem Urknall. Wir können kein Licht sehen, das nicht bei uns eingetroffen ist seitdem das Universum knapp 400.000 Jahre nach dem Urknall transparent wurde. Aus größerer Distanz als der Strecke, die das Licht seitdem zurückgelegt hat, plus der Ausdehnung des Universums in der Zwischenzeit, kann uns kein Licht erreicht haben. Die Größe des Universums jenseits des beobachtbaren Teils ist unklar, es dürfte aber wenigstens ein Vielfaches sein. Dabei wird unsere unmittelbare Nachbarschaft im All nicht mehr grundsätzlich anders gesehen als jede andere Region.

Die Ausdehnung der Welt ist also um unfassbare Dimensionen gewachsen, je genauer wir bei der Empirie hinschauen können. Das trifft aber in gleichem Maß auf die zeitliche Ausdehnung zu. Der Zeitraum seit der Weltentstehung in Religionen wird zunächst mit ein paar tausend Jahren angesetzt. Ebenso wird in historischen Zeiten ein Weltende postuliert, am spezifischsten mit genau terminierten Entrückungsereignissen, die verschiedene Sekten benennen. Es ist überflüssig zu betonen, dass bisher keine Entrückung stattfand, trotz zahlreicher Termine in der Vergangenheit.

Es ist vielmehr wissenschaftlicher Konsens, dass es die Erde als Planeten seit über vier Milliarden Jahren gibt, mit Leben seit über zwei Milliarden Jahren und mit besonderer Artenvielfalt seit ca. 600 Millionen Jahren. Das Universum existiert seit dem Urknall vor ca. 13,7 Milliarden Jahren. Es hat eine Zukunft von voraussichtlich mindestens 2 Billionen Jahren (zweitausend Milliarden Jahre) und womöglich viel länger. Projektionen in dermaßen ferne Zukunft werden irgendwann schwierig, da sich auf dieser Zeitskala dann auch geringe Änderungen heutiger Theorien massiv auswirken.

Das Feld, das also im Diskurs beackert wird, der sich um die Welt, ihre Ausdehnung und Entwicklung dreht, ist durch das Hinsehen im wissenschaftlichen Geist immens gewachsen. Wir beschreiben heute nicht mehr einen Teil der Erde in historischen Zeiten als die ganze Welt, sondern ein Universum aus zahllosen Galaxien, das es seit Milliarden von Jahren gibt und von dem wir nur einen Teil beobachten können, einen Teil der einen Durchmesser von Milliarden von Lichtjahren hat. Und dennoch müssen wir sehr genau nachsehen, ob dieses immens gewachsene Feld immer noch einen Platz für einen Gott hat, oder ob er von all der Erkenntnis nicht doch ganz daraus verdrängt wird.

 

3. Kein Platz mehr für einen Gott

Es ist tatsächlich so, dass es keinen Handlungsrahmen, keine Einflussmöglichkeit für einen Gott der Religionen als Weltenschöpfer, ersten Beweger oder Steuernden mehr gibt. Wo Naturgesetze scheinbar gebrochen werden, ist es ein Ansporn für die Wissenschaft, neue Erklärungsmodelle zu finden, da ist kein unhinterfragtes Wunder mehr. Wunder, die sich naturgemäß über Naturgesetze hinweg setzen, sind aus Prinzip in einer Welt, die Naturgesetzen folgt, nicht zulässig. Denn andernfalls wird jedes Naturgesetz, das – von wem auch immer – vorübergehend außer Kraft gesetzt werden kann, wertlos und kann in keinem Fall mehr Verhalten zuverlässig vorhersagen. Naturgesetze sind also entweder nutzlos oder auch ein Gott kann sie nicht brechen, was ihn aber seiner göttlichen Einflussmöglichkeiten beraubt und ihn höchstens zu einem Einflüsterer für menschliche Handelnde macht. Allerdings sind Naturgesetze in der Realität äußerst nützlich und machen zuverlässig überprüfbare Vorhersagen, so dass sogar religiöse Menschen auf ihre Leistungsfähigkeit vertrauen. Somit ist eher ein Gott unplausibel als die wissenschaftliche Weltbeschreibung.

Determinismus, also vollständige Vorherbestimmtheit aller Ereignisse, wird von prädiktiven Naturgesetzen auch nur scheinbar nahegelegt. Nicht jedes denkbare Ereignis im Universum erfolgt nach dem Charakter eines Uhrwerks, gerade auf der Daseinsebene, auf der wir Menschen uns tummeln, gibt es durchaus Freiheitsgrade. So ist der Mechanismus noch unbekannt, wo aus statistischen, zufälligen und chaotischen Quantenereignissen auf einer makroskopisch(er)en Ebene regelhaftes Verhalten wird. Damit sind auch bis zu einem gewissen Grade statistische, zufällige, sogar chaotische Makroereignisse nicht ausgeschlossen, bestimmt am Ende durch die Natur des Mechanismus. Zudem gibt es heute keine Modelle für Strukturen und Verhalten von dunkler Materie sowie von dunkler Energie auf der Quantenebene, die empirisch fundiert sind. Allein damit gibt es nach aktuellem Wissensstand genug physikalische Freiheitsgrade, um strengen Determinismus abzulehnen. Am Rande sei hier bemerkt, dass in ähnlicher Weise die Neuronen des Gehirns in großer Zahl über Erregungsmuster Verhalten erzeugen, was einen ähnlichen Übergang aufweist und derartige Freiheitsgrade auf neuropsychologischer Ebene eröffnet. Dies alles umfasst damit die valide Möglichkeit, den freien Willen bewusster Wesen mit individueller Handlungsfreiheit solide zu postulieren. Das entkräftet somit auch das Argument, Gott sei zwingend erforderlich, um dem Menschen freien Willen zu verleihen.

Zudem ist es aber auch so, dass ein Gott gänzlich außerhalb des Universums ohne jeden direkten und aktuellen Bezug zu irgendetwas in unserem Universum bedeutungslos wird. Er wäre einfach irrelevant für die Menschen und ihr Leben, da keinerlei Verbindung möglich ist. Damit ist er aber auch als Schöpfer bedeutungslos, denn wenn es denkbar ist, dass die Initialzündung zu unserem Universum von ihm ausgegangen sein könnte, so ist es doch genauso spekulativ wie die Annahme, es sei einfach ohne Verursacher passiert. Letzteres läuft zudem nicht Gefahr der unendlichen Regression, denn wenn es einen Schöpfer gibt, so bleibt die Frage, wer diesen erschaffen hat und wer wiederum dessen Schöpfer usw. Daneben legt Occam's Razor nahe, dass sich das überflüssige Konzept Gott aus dieser Darstellung ohne Verlust entfernen lässt und die Erklärungsmacht mindestens gleich groß ist.

Ein Gott außerhalb oder vorher, als Auslösender des Urknalls ist also wie eben dargelegt irrelevant für Menschen in jeder Hinsicht. Dem gegenüber ist die stärkere Position im Vergleich zu einer postulierten Geschichte eines entrückten ersten Bewegers ohne Einfluss auf das Hier und Jetzt die des persönlich offen eingestandenen Nichtwissens um eine spezifische Ursache. Bei genauer Betrachtung schließt Letzteres auch ein, dass man sich bewusst geworden ist, eine Antwort auf diese Frage gar nicht wissen zu können.

Religion mit einem Gott als erste Ursache hat nichts mehr zur Welterklärung im Sinne einer Schöpfung von allem oder dem physisch-physikalischen Funktionieren der Welt beizutragen. Dies trifft zu, sobald man die Nützlichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis anerkennt, auch schon durch deren Nutzung im Alltag, beispielsweise mit der Verwendung moderner Technik. Es gibt in der Welt also zweifellos keinen Platz mehr für einen Gott im Sinne eines Schöpfers, sobald man die Erkenntnisse der Naturwissenschaften ernst nimmt und sie sich zunutze macht.

 

4. Mehr Raum für den Menschen

Es mag in der Kosmologie befremdlich erscheinen, dass die Eigenschaften des Universums fein aufeinander abgestimmt sind. Andere Werte für kosmologische Parameter würden nach aktuellem Verständnis zu einem Universum führen, das Entwicklung von Leben wie dem unseren nie ermöglichen würde. Die Antwort auf die Frage, warum das so ist, mag lauten, dass es uns als Menschen, die diese Frage stellen können, sonst nicht gegeben hätte. Diese Antwort nennt man auch das anthropische Prinzip. Das mag sehr unbefriedigend als Antwort sein, so lange man unser Universum als das einzige ansieht. Tatsächlich ist es das einzige, das wir beobachten können, so dass die Spekulation, dass es weitere geben mag, nach aktuellem Kenntnisstand nie bestätigt werden kann. Gleichzeitig ist es ebenso nicht ausgeschlossen, dass auch noch jenseits unseres Universums etwas existiert. Während religiöse Betrachter hier die (irrelevante) Sphäre des Göttlichen sehen mögen, so kann man bei wissenschaftlicher Sichtweise annehmen, dass es jenseits eben einfach weitere, andere Universen geben kann. Zumindest ist so eine spekulative Annahme mit vereinbar mit den physikalischen, kosmologischen Theorien zu unserem Universum. Andere Universen in diesem sogenannten Multiversum müssen nicht dieselben Parametereinstellungen haben wie das unsere. Das Multiversum kann demnach als Sammlung von Universen mit potentiell unterschiedlichen Eigenschaften angesehen werden.

Mit diesen – teils spekulativen – Erkenntnissen aus der Physik gibt es eine recht tröstliche Sichtweise auf das anthropische Prinzip. Unser Universum ist nur eines von vielen und seine Eigenschaften, die unsere Entwicklung erlaubt haben, sind nicht speziell, einzigartig, womöglich gezielt gestaltet, sondern nur zufällig in unserem so. In anderen Universen, vielleicht sogar allen anderen, sind die Parameter vielleicht auch anders ausgeprägt, so dass es jedes denkbare Universum gibt bzw. gab oder geben wird, wenn man unsere Zeitvorstellung unzulässigerweise auf das Multiversum anwendet. Uns als Menschen kann es nur in einer Ausprägung wie dem unseren Universum geben, weswegen es uns in diesem gibt und nicht in einem der (unzähligen?) anderen Universen.

Unsere Welt ist damit nicht speziell herausgehoben, sondern sie ist so, weil wir uns einer in anderen nicht entwickeln hätten können, aber andere mögen da sehr wohl sein. Dieses Universum ist nur besonders, weil es in seinen spezifischen, individuellen Eigenschaften unsere Existenz ermöglicht hat, aber es ist eben nicht besonders ausgezeichnet, bzw. für uns Menschen nur dadurch, dass es unseres ist. Das Gleiche gilt mit Sicherheit für die Erde unter den vermutlich Abermilliarden Planeten im sichtbaren Universum. Die ganz besonderen Bedingungen in unserem Sonnensystem und auf der Erde haben unsere Existenz und Entwicklung ermöglicht, das ist aber nur eine Kombination von Parametereinstellungen unter endlos vielen. Es ist möglich, dass an einem anderen, fernen Ort und zu anderer Zeit ähnliche Bedingungen herrschen und eine ähnliche Entwicklung vonstatten geht oder ging. Angesichts der Größe von Raum und Zeit in unserem Universum werden wir als Menschen das vielleicht nie herausfinden. Wir sind jedoch hier, weil uns die Entwicklung seit dem Urknall buchstäblich in die Hände gespielt hat. Es war keine gezielte Gestaltung mit Eingriffen notwendig und kann anderswo ähnlich gelaufen sein – in diesem Universum oder einem anderen.

In unserem Geist haben wir ein ganzes Universum zu füllen, ganz zu schweigen von unseren inneren Welten. Angesichts unserer Entwicklung vom Urknall bis zu uns als bewussten Individuen sollten wir auch ohne das Konzept eines Gottes Ehrfurcht vor dem Weg, der ins Hier und Jetzt geführt hat, entwickeln. Es bedarf keiner Betonung, dass dies ohne Zweifel allen Menschen und jedem Leben auf diesen Planeten gelten muss, ganz besonders auch deshalb, weil wir keinen weiteren Ort im Universum kennen, an dem Leben existiert.

Es ist damit in unserer menschlichen Welt so, dass wir sicher nicht in physischer Hinsicht der Mittelpunkt der Welt sind, auch wenn das Religionen gerne behaupten. Andererseits sind wir als gesamte Spezies und stellvertretend für das Leben auf der Erde insgesamt in philosophisch-spiritueller Hinsicht ohne jeden Zweifel der Mittelpunkt unserer Welt, schon in Ermangelung anderer bekannter Kandidaten. Für jedes gesellschaftliche Konstrukt muss folglich genauso gelten, dass der Mensch im Mittelpunkt steht. Das kann nur gleichermaßen alle Menschen ohne Unterschied einschließen, denn aus einem wissenschaftlichen oder größeren Kontext gibt es keine Rechtfertigung, Individuen oder Gruppen hervorzuheben oder auszuschließen. In unserem recht menschlichen Streben, über die Empirie hinauszusehen und Spiritualität zu suchen, müssen wir als Individuen darüber hinweg kommen, dass ein Gott Quelle von Ethik ist, motiviert aus jenseitigen Folgen des diesseitigen Handelns in Konzepten von Lohn und Strafe. Vielmehr sind wir als Menschheit allein, werden das aller Voraussicht nach auch bleiben, und wir sind von daher aufeinander angewiesen. Andererseits haben wir tatsächlich in dem, was wir begreifen können, wirklich unendliche Weiten zu füllen. Dies können wir nur aus uns, auf dem Fundament einer möglichst gut verstandenen Realität und vor allem gemeinsam vollbringen.

 

Fazit und Ausblick

Die Erklärung der physischen Welt durch Religion und ihren Gott ist also völlig ungültig und obsolet geworden angesichts wissenschaftlicher Erkenntnisse, die nicht nur genauer, detaillierter erklären, sondern auch das Feld dabei immens vergrößert haben, ohne darüber die Erklärungskraft zu verlieren. Eine Gesellschaft, die sich ein Leben ohne Religion zum Ziel setzt, ist möglich, wenn sie diese Ziele auch aktiv verfolgt. Denn auch andere Felder, die Religion ehedem exklusiv besetzt hat, werden heute religionsfrei ähnlich gut oder besser bedient. Ich habe dies in anderen Texten verschiedentlich ausgeführt, auch für eine Ethik ohne Gott.

Es verbleibt dennoch die soziale Funktion von Religion. Diese auszubauen und neu, besser zu motivieren die beste Perspektive für Religion weiterhin zu bestehen und relevant zu bleiben. So kann menschliches Zusammenleben von ihr glaubhaft geregelt werden unter Bezug auf die Beispiele seitens der Kernfiguren der jeweiligen Religion. Wie gesagt ist allerdings ethisches Verhalten aber leicht auch anders motivierbar. Folglich ist Religion auch genauso für jeden verzichtbar und sie steht in einem Wettbewerb um die beste Vermittlung des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Damit steht außer Frage, dass Religionen keine Intoleranz propagieren1 dürfen, denn sie würden sich dadurch in einer pluralen globalen Gesellschaft marginalisieren.

Der Drang des Menschen, seine Realität, die Welt zu verstehen, führte zu den Fortschritten des Wissens in der Physik, welche es ermöglichen, auch ohne Bezug auf einen Gott in voller Reichhaltigkeit zu leben. Die Erklärung der Welt und ihres Ursprunges durch die Wissenschaft ist sehr viel besser, detaillierter und tiefer als es die Religionen jemals geliefert haben. Die physische Welt ist in den ganz großen und den ganz kleinen Maßstäben sehr viel reicher geworden durch die Erkenntnisse der Physik – viel reicher als jede Religion das jemals erklären wollte. Das gilt genauso für die Zeiträume, die wir erfassen können, ebenso für den Ursprung und die Vielfalt des Lebens auf der Erde und sogar für unser Bewusstsein, die Dimensionen unseres Geistes und deren Herkunft. Deren Erklärungen tragen freilich auch andere wissenschaftliche Disziplinen bei.

Tatsächlich zeigt uns die Grenze dessen, was wir beobachten können, auch die Grenzen unserer Erkenntnis der Welt auf. Es ist zu erwarten, dass gleiches in der naturwissenschaftlichen Erforschung des menschlichen Geistes zutrifft. Das muss aber nicht ein Anlass sein, zu verzweifeln, sondern es kann vielmehr ein großer Trost sein. Es ist uns nicht möglich, dass wir die Welt zur Gänze verstehen können, aber dafür können wir sehr wohl die Grenzen unseres Verständnisses finden und erreichen. Vielmehr liefern sowohl die Erkenntnisse der Wissenschaft wie auch deren Grenzen den Grund und Anlass für eine gewisse Demut, auch ohne dass für diese Demut der Bezug auf einen Gott gebraucht würde. In der Welt ist kein Platz mehr für einen Gott, wohl aber für Religionen, wenn sie ein neues Selbstverständnis entwickeln. Jede konkrete Frage in der Welt kann aber durch das jeweils geeignete Fachgebiet besser beantwortet werden. Wirklich gebraucht werden Religionen also nicht mehr.


 

Literaturnachweis

  • Lawrence M. Krauss: A Universe from Nothing: Why there is something rather than nothing, 2012, London: Simon \& Schuster.
  • Thomas Schall: Handbuch für Atheisten – und solche, die es werden wollen: Ein Leitfaden für ein Leben ohne Gott, 2013, München: Selbstverlag.

  1. Dies tun Religionen heute auch schlimmstenfalls dort, wo sie regional eine unangefochtene Mehrheit und Entscheidungsgewalt haben.