Eine gefährliche Illusion

Der Traum von einer kleinen Welt

(Thomas Schall, Mai 2017)

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Abstract

Der Essay zeigt die Gefahren auf, die der häufig propagierte Wunsch nach einer kleinen Welt mit sich bringt.

Zunächst wird inklusive Beispielen dargestellt, was diese Kleine-Welt-Ideologien kennzeichnet und welche Eigenschaften sie durchweg gemeinsam haben. Anschließend werden die Implikationen dieses Wunsches, die Realität stark zu vereinfachen, aufgezeigt und analysiert. Diese wenigstens aus einer aufklärerischen Perspektive unerwünschten Folgen werden ausgeführt und ihre Bedeutung für ein friedliches Zusammenleben in einer Gesellschaft wird aufgezeigt. Zum Abschluss werden noch Hinweise zum Umgang mit Weltbildern, denen ein solcher Wunsch zugrunde liegt, erarbeitet.


Inhaltsverzeichnis

  1. Der Traum von einer kleinen Welt
  2. Die verleugnete Gefahr
  3. Wider den Selbstbetrug

Das friedliche Zusammenleben in der Welt und in den jeweiligen Gesellschaften steht aktuell unter einem wachsenden Druck durch zahlreiche, meist sehr verschiedenartige Gruppen. Vielen dieser Gruppierungen - speziell aber den Individuen, die diesen Lagern zugehörige Ansichten haben - ist eine gesellschaftlich problematische Einstellung gemeinsam: Sie hängen, oft ohne es zu realisieren, einer Kleine-Welt-Ideologie an. Diese sind jedoch durch die Eigenschaften, die alle Varianten dieser Ideologien verbinden, im wirklichen sozialen Zusammenhang potenziell gefährliche Einstellungen, die das friedliche Zusammenleben in pluralistischen Gesellschaften bedrohen. Mit diesem Essay möchte ich diese manchmal romantisch verbrämten Träume von einer kleinen Welt aufzeigen, analysieren, deren Gefahrenpotenzial herausarbeiten und Ansätze darstellen, dieser Gefährdung zu begegnen. Der erste Abschnitt erläutert, was ich unter einer Kleine-Welt-Ideologie verstehe und was deren zentrale Gemeinsamkeit ist. Die Breite der verschiedenen Ideologien mit dieser Kerneigenschaft wird durch zahlreiche sehr unterschiedliche Beispiele illustriert. Anschließend untersuche ich, was diese Einstellung im sozialen und politischen Kontext bedeutet, was sie einschließt, und Folgerungen, die selbst ihren Anhängern manchmal nicht bewusst sind. Im Schlussabschnitt skizziere ich den möglichen Umgang mit Anhängern solcher Ideologien, da diese angesichts der im Hauptteil herausgearbeiteten Bedeutung nicht kommentarlos hingenommen werden dürfen.

1. Der Traum von einer kleinen Welt

Kleine-Welt-Ideologien zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Komplexität der Wirklichkeit über Gebühr reduzieren wollen. Das Ergebnis ist das Ideal einer einfach verständlichen Welt, welches als Blaupause für die Interpretation der Realität generell herangezogen wird. Die Anhänger von Ideologien, die eine kleine Welt propagieren, haben somit ein Welterklärungsmodell, das durch Einfachheit und Geradlinigkeit besticht. Sie wünschen sich eine überschaubare, einfach strukturierte Welt, die keine Überraschungen bereithält und in der sie alles jenseits ihres Horizontes ignorieren können. Damit wird jedoch aus der komplexen Wirklichkeit mittels Filterung durch das angestrebte, ersehnte Ideal alles ausgeblendet, was nicht in das idealisierte Modell passt. Folglich haben diese Weltsichten den Hang zur Einseitigkeit, da Elemente der Realität jenseits des selbst gesteckten Interpretationsrahmens wahrgenommen werden als das Gegenteil des erstrebten und ersehnten Ideals der Einfachheit in der Welt. Dies wird nur durch Beschränktheit ermöglicht. Unerwünschte, aber reale Entitäten können so entweder ganz verleugnet werden oder wenigstens negativ belegt werden, scheinbar wohlbegründet, da sie sich außerhalb der kleinen Welt befinden, die als Bewertungsrahmen auserkoren wurde. Selbst akzeptierte und erwünschte Elemente dieser kleinen Welt, die aber konkret und in der Wirklichkeit verankert sind, können so als unrein und beschmutzt abgelehnt werden, da sie nicht vollständig dem Ideal entsprechen (können), eben genau wegen ihrer Verankerung in der schlechten, wirklichen, großen Welt. Es entsteht also ein Spannungsfeld zwischen einer klar idealisierten Vorstellung der Welt und der als massiv und in negativer Weise abweichenden Realität. Allen gemeinsam ist aber auch, dass eine einzige objektive Realität angenommen wird, nicht nur eine persönliche subjektive Realität, die für jedes Individuum unterschiedlich ist. Diese sehr vernünftige Grundlage habe ich im Essay "Eine (un-) bestreitbare Wirklichkeit" beschrieben. Es ist jedoch eine sehr subjektive Einschränkung, die objektive Realität durch eine Kleine-Welt-Ideologie (negativ) zu werten und zu filtern. Im genannten Essay argumentiere ich, dass eine objektive Realität uns allen gemeinsam ist. Eine völlige Freiheit der Gestaltung bzw. Interpretation von Wirklichkeit kann es gar nicht geben. Ablehnung dessen ist auch Realitätsflucht, auch da es nach aller Erfahrung stets möglich ist, einen gemeinsamen Kern bei der Interpretation der Wirklichkeit zu finden. So ist zwar die Grundannahme der objektiven Realität in Kleine-Welt-Ideologien vorhanden, jedoch wird ihr eine negative Wertung aufgezwungen und ein unrealistisches Ideal als positiver Gegenpol im Wertesystem definiert. Die verschiedenen Varianten von Kleine-Welt-Ideologien zeigen alle Grade von der Verleugnung objektiv leicht nachweisbarer Aspekte der Wirklichkeit, die teils sogar bekämpft werden, bis zur nur empfundenen, fast nur impliziten Ablehnung der Komplexität heutiger Gesellschaften, die nur in dem Sehnen nach einem anderen Leben resultiert. Das ganze Spektrum lässt sich an den Beispielen, die hier beschrieben werden, erkennen.

Ein sehr aktuelles Beispiel sind die sogenannten "Flat Earthers", eine überraschenderweise wachsende Gruppe von Menschen, die überzeugt sind, dass die Erde nicht kugelförmig ist, sondern eine ebene Scheibe. Die fehlinterpretierten Wahrnehmungen gehen mit dem Verleugnen der Erkenntnis einher, dass unsere Welt bloß eine in einem ganzen Universum ist. Denn die sachlich-logischen Probleme können nur kaschiert werden durch das falsche Postulieren unserer Welt als einzigartig zusammen mit der Behauptung eines kleinen und simplen Universums, das nur Kulisse am Rande dieser Welt ist. Eine sinnvolle Aussage, was hinter einem nur als Grenze fungierenden Universum liegt, kann nicht gemacht werden. Ein kohärentes Weltbild, das die wirklichen Belege integriert und nicht zurückweist, ist mit der Grundannahme einer flachen Erde unmöglich.

Die Motivation ist eine ganz andere bei radikalen Religionsanhängern, die ebenso eine kleine Welt wünschen. Dies äußert sich in zahlreichen Standpunkten, die nicht alle allen Anhängern gemein sind, so gibt es Evolutionsleugner bzw. Kreationisten, darunter sogenannte "Young Earthers", die zudem behaupten, die Welt sei erst wenige Jahrtausende alt. Ebenso gibt es Anhänger einer (nahen) Entrückung in ein Himmelreich oder des baldigen Reichs Gottes auf Erden. Freilich gibt es noch mehr Vertreter nur der Überlegenheit der eigenen Religion, welche folglich durch Mission oder Gewalt verbreitet werden soll. Allen ist dabei gemeinsam, dass sein ihr Werturteil auf die korrekte Religionszugehörigkeit und -ausübung basieren, aber auch dass ihre simplen und simplifizierenden Erklärungsmuster für die Welt und ihre Entwicklung schlüssige Belege verleugnen, wo sie nicht ins Weltbild passen. Ein Hinterfragen Gottes, der als Begründung für jedes auf den ersten Blick unerklärliche Phänomen herhalten muss, wird als Ketzerei nach Möglichkeit hart geahndet. Der Interpretationsrahmen für die Realität ist nicht nur ein strenger Filter, sondern durch religiöse Ideologie massiv beschränkt.

Der Effekt ist ein ähnlicher bei Konservativen, die das (frühere) Landleben idealisieren. Das erstrebenswerte Ideal ist allerdings eines, dass sich in der heutigen Realität nicht mehr leben lässt, geschweige denn wirklich auch von diesen Menschen gelebt werden will. Es zeichnet sich prototypisch für eine Kleine-Welt-Ideologie dadurch aus, dass es alle Elemente des modernen Lebens abwertet und ein unerreichbares, sehr beschränktes Ideal aufstellt. Dieses ist zudem gekennzeichnet dadurch, dass es alles außerhalb des postulierten Lebensumfelds ignoriert. Konsequenterweise bedeutet dies eine maximale Ausgrenzung des Rests. Dies gilt auch für Konservative, die ethnische Uniformität propagieren, ebenso wie einen Nationalismus, der am Ende stets in den Isolationismus führt. Hier ist Ausgrenzung und Diskriminierung offen Programm, um das Ideal einer gleichförmigen und einfachen Nation zu erreichen, unabhängig davon, dass dies kein dauerhaft tragfähiges Konzept ist.

Dem stehen politisch Liberale bzw. Progressive gegenüber, die ein simples Konzept der Klassengesellschaft unterstellen, aber über diesem engen und vereinfachenden Filter gleichermaßen eine Kleine-Welt-Ideologie propagieren. Sie grenzen wenigstens Menschen mit anderer Überzeugung oder Herkunft aus. Auch hier soll wenigstens die eigene einseitige Ideologie durch Propaganda, quasi "Mission", oder gar Gewalt der Gesellschaft übergestülpt werden.

Damit gilt dies freilich für alle Revolutionäre und Konterrevolutionäre, die eine neue (oder alte) Gesellschaftsordnung als die ideale etablieren wollen. Es macht einen entscheidenden Unterschied, eine Gesellschaftsordnung zu entwickeln und die Veränderungen evolutionär basierend auf Konsens umzusetzen, oder einen Umsturz und zunächst eine Tabula rasa zu etablieren, bevor eine neue Gesellschaft aufgebaut werden kann, was dann mit einer erzwungenen Umverteilung verknüpft ist. Die Notwendigkeit dazu wird viel öfter proklamiert, als dies von der sozialen Situation gerechtfertigt wird.

Tatsächlich sind auf noch breiterer Basis diejenigen Aktivisten jeder Couleur wenigstens nahe einer Kleine-Welt-Ideologie zu verorten, die ein konkretes Ziel der Geschichte sehen und dieses auch aktiv zu erreichen versuchen. Das Postulat eines Ziels der Geschichte ist nicht ohne einen sehr spezifischen Interpretationsrahmen möglich. Dieser wiederum muss notwendigerweise andere, zumindest a priori ebenso legitime Weltsichten, die nicht auf dasselbe Ziel hinauslaufen, ablehnen und ausblenden. Das bedeutet jedoch, dass der Kernbereich der gesellschaftlichen Wirklichkeit ebenso einer strikten Filterung auf Basis der eigenen, auf dieses Ziel ausgerichteten Ideologie unterliegt. Das wiederum konstituiert eine Kleine-Welt-Ideologie par excellence, da unpassende bzw. unerwünschte Teile oder Sichtweisen der objektiven Realität ignoriert, abgelehnt oder verleugnet werden.

Diese Haltung ist interessanterweise de facto auch konsequenten Pragmatikern zu eigen, die stets nur den aktuellen Handlungskontext sehen wollen und die Betrachtung eines weiteren Zusammenhangs oder Gesamtkontextes als kontraproduktiv ablehnen. Sie mögen nicht generell in der persönlichen Weltsicht einer Kleine-Welt-Ideologie anhängen, allerdings ist ihr Handeln in einer Weise beschränkt, die dem nahesteht. Da aber das Handeln ist, was die Person in den Augen anderer bestimmt, verhalten diese konsequenten Pragmatiker sich so ähnlich, als würden sie sich im Rahmen einer kleinen Welt befinden.

Als letztes Beispiel möchte ich Menschen mit wissenschaftsfeindlichen Haltungen anführen, womit sich ein Bogen zurück zu den "Flat Earthers" schlagen lässt. Solche Menschen, die ihr Unbehagen gegenüber kritischen, hinterfragenden Haltungen in den Wissenschaften mit unbegründeter emotionaler Ablehnung jeden systematischen Erkenntnisgewinns beantworten, postulieren, schon die erforderlichen Erkenntnisse für jede Lebenslage zu besitzen, ohne kommende Situationen oder die - womöglich besser zu deren Bewältigung geeigneten - wissenschaftlichen Erkenntnisse zu untersuchen. Diese Einstellung ist direkt als der Wunsch nach einer kleinen Welt erkennbar, da bereits die Suche nach neuen Erkenntnissen abgelehnt wird, und verleugnet wird, dass noch lange nicht schon alles Relevante bekannt sein mag. Diese Argumentation findet ohne Änderung auch bei religiösen Fanatikern Anwendung, die ihre Wissenschaftsfeindlichkeit darauf aufbauen, dass alles Wissen von Bedeutung bereits von Gott in den heiligen Schriften offenbart wurde. Somit werden andere mögliche Weisen, der Realität und ihren Situationen zu begegnen, ignoriert, egal ob sie nun schon Dritten bekannt sind oder noch durch die Suche nach neuen Erkenntnissen gewonnen werden könnten. Die Bigotterie darin wird von Anhängern jeglicher Kleine-Welt-Ideologie stillschweigend übergangen. Annehmlichkeiten, Vorteile und (technische) Errungenschaften werden gerne und wie selbstverständlich genutzt, auch wenn sie bei genauem Hinsehen nicht mit der Ideologie verträglich sind. Die Beispiele sind fast endlos und reichen von modernen Kommunikationsmitteln oder Verkehrsmitteln und ihren Infrastrukturen, über Waffen bis hin zu Verwaltungsstrukturen und Redefreiheit.

Die Spannbreite der hier beschriebenen Beispiele zeigt, wie verbreitet so ein Wunsch nach einer kleinen Welt ist. Er birgt jedoch Gefahren, die teils zunächst nicht alle offensichtlich sind.

2. Die verleugnete Gefahr

Die Beispiele im vorigen Abschnitt haben aufgezeigt, dass die verschiedensten Varianten der Kleine-Welt-Ideologien sich durch einen Mangel an Offenheit, speziell für Vielfalt und andere Standpunkte, auszeichnen, und Ersatz von Komplexität durch Vorfilterung der Realität anstatt einer Haltung des Hinterfragens suchen. Es kann nicht anders denn als erstrebte Beschränktheit im Angesicht der komplexen Realität bezeichnet werden und ist eine Art der Flucht ins vermeintlich Einfache oder Kapitulation vor der überwältigenden Welt. Die hohe - oft überhöhte - Bewertung einer einfachen kleinen Welt bedeutet zwangsläufig auch eine abweichende Bewertung von allem, was nicht zu dieser kleinen Welt passt. Alles, was sich außerhalb der kleinen Welt in der großen, realen Welt befindet, wird folglich mindestens implizit negativer beurteilt als das darinnen. Für die Anhänger solcher Ideologien bleibt außer Acht, dass der Kontext der Vielfalt nötig ist für den Kontrast, aus dem Werte erst ihre Wirkmacht entwickeln können. Es gibt kein "schön" ohne "häßlich", kein "angenehm" ohne "unangenehm". Die Größe und Vielfalt der Realität, die dies erst bietet, wird eben genau abgelehnt oder wenigstens stark beschnitten hinsichtlich der zugestandenen Relevanz.

Die Bewertung konkreter Entitäten und Ereignisse ist weit überwiegend negativ, wenn höchstens ein kleiner, idealisierter Ausschnitt der Wirklichkeit positive Bewertungen ermöglicht. Folglich schaffen übertriebene Idealisierungen wie in kleinen Welten das Problem, dass die greifbare Realität maximal negativ besetzt wird und demgegenüber im Kern ein ebenso unrealistisches wie unerreichbares abstraktes Ideal zum positiven Gegenpol erhoben wird. Das Erreichbare wird am Ende prinzipiell verteufelt im Angesicht des ersehnten Unerreichbaren. Die Ablehnung des überwiegenden Teils der gesamten Wirklichkeit zugunsten eines eigentlich willkürlich gewählten kleinen Bereichs erzeugt einen Mechanismus der Ausgrenzung, der ideologisch praktisch notwendigerweise daraus resultiert. Nur die Teile der Realität (einschließlich der Menschen), die durch den Filter der kleinen Welt passen und damit einer Wertschätzung zugänglich sind, werden uneingeschränkt toleriert. Anderen wird Ablehnung zuteil, da sie nicht in dieses enge und engstirnige Bild passen. Der Schritt zur gezielten Ausgrenzung ist von da nur noch ein kleiner, und der weitere Weg führt in die Diskriminierung und Unterdrückung.

Ebenso ist die meist starke Idealisierung der kleinen Welt deswegen hochproblematisch, da durch sie unrealistische Ideale der greifbaren Realität vorgezogen werden. Dadurch werden selbst vermeintlich einmal erreichte Ziele und (Ideal-) Zustände nur bewahrt (bzw. der Versuch dessen unternommen), anstatt Erreichtes weiter fortzuentwickeln. Die einzige Art von Fortschritt ist eine negative, da die Teile der Wirklichkeit, die nicht zu der kleinen Welt gehören, möglichst nicht nur ignoriert werden, sondern eigentlich sogar ausgelöscht werden sollen. Angestrebte Veränderungen sind prinzipiell nicht ergebnisoffen, sondern dürfen nur Transformationen hin zum erwünschten und vordefinierten, aber beschränkten Idealzustand sein. Selbst in einer Entwicklung bleibt das eine gezielte Einschränkung und Verarmung der Realität. Da eben jede aktiv vorangetriebene oder nur tolerierte Entwicklung durch die engstirnige Ideologie vorbestimmt ist, kann es somit keine echten Innovationen geben, sondern nur ein Hineinpressen der Realität in das Korsett der Ideologie. Die Erfahrungen mit der Wirklichkeit lehren jedoch, dass sich allem Streben zum Trotz diese nicht in einmal gelegten Schienen auf ein erwünschtes Ziel hin bewegt, sondern immer wieder unkalkulierbar wandelt. So eine dynamische und ergebnisoffene Evolution ist aber prinzipiell nicht mit einer Kleine-Welt-Ideologie vereinbar, sondern erfordert eine Offenheit und Flexibilität, zu der deren Anhänger nicht bereit sein wollen. Deren Wunsch, Erreichtes zu bewahren oder eine begrenzte vordefinierte Realität zu schaffen, sei es auch nur durch ideologische Filterung, resultiert auch in dieser Hinsicht wieder in der Ausgrenzung dessen, was über diese lediglich erwünschte, künstlich beschränkte, aber vermeintlich zu bewahrende Realität hinaus geht, auch wenn es fraglos der größeren und viel reicheren objektiven Realität angehört. Auch diese Argumentationslinie führt damit letztendlich zu Diskriminierung und Unterdrückung. Nebenbei verhindert dieser stark verengte Fortschrittsbegriff Kreativität beim Schaffen neuer origineller und innovativer Dinge aller Art in der weiten Realität. Die einzige tolerierte Art von Kreativität ist eine solche, die (weitere) Methoden zur Umsetzung der kleinen Welt erfindet. Tolerierte Innovationen können nur Detailverbesserungen sein oder Veränderungen in Bereichen, die von der Kleine-Welt-Ideologie nicht berührt werden.

Nachweislich haben Kleine-Welt-Ideologien, die Abgrenzung praktizieren, in der Geschichte immer nur begrenzte Zeit funktioniert, auch wenn zeitweise große Gebilde entstanden sind. Die Geschichte lehrt allerdings immer wieder, dass auch bloßer Erhalt, das Bewahren des Erreichten ohne Wandel nur scheitern kann. Die Arroganz, andere Lebens- und Denkweisen geringzuschätzen, nach Möglichkeit anderen die eigene Vorstellung vom Leben aufzuzwingen und Fremdes zu unterdrücken, ist ein Element einer Kleine-Welt-Ideologie. Dies steht im klaren im Gegensatz zu Offenheit, Toleranz und Respekt, wie sie aufklärerische Werte sind, die heute - wenigstens nominell - Grundlage der westlichen Demokratien sind. Aggressive Kleine-Welt-Ideologien haben den Unterdrückten stets eine fremddefinierte Lebensweise aufgezwungen und, als sie nach ihrem Scheitern verschwanden, konnten die Zurückgelassenen ihren Lebensstil wieder aufnehmen, falls nicht nachfolgende, neue Unterdrücker ihre jeweilige Ideologie durchsetzten, was sicher der häufigere Fall war. Mit den nun folgenden Beispielen möchte ich daher große, weltgeschichtlich bedeutsame Zusammenhänge hier in den teils manchmal etwas losen Zusammenhang mit Kleine-Welt Ideologien bringen. Es sind teils nur einzelne Aspekte der kleinen Welt präsent, wie etwa das unrealistische Bewahren-Wollen oder eine beschränkte Weltsicht, welche die Möglichkeiten, mit der Realität umzugehen, zu stark beschränkt. Sicher sind in keinem Fall die Spezifika der Kleine-Welt-Ideologien der einzige Grund des Scheitern oder Niedergangs.

Schon Alexander der Große etablierte ein sehr kurzlebiges Weltreich und brachte damit den im diesen Gebieten lebenden Menschen zweimal ungefragt einen gewaltsamen Wandel. Zuerst durch seinen jeweiligen Eroberungsfeldzug und dann durch den späteren Zerfall seines Reiches nach seinem Ableben. Schon sein Anspruch, seinen Herrschaftsbereich bis in damals unfassbare Entfernungen von seinem Stammland auszudehnen, spricht für eine Ideologie der eigenen Überlegenheit, die andere Weltsichten ignorieren oder herabwürdigen musste.

Selbst Rom schuf ein zwar relativ langlebiges Reich, aber dessen Außengrenzen waren einem steten Wandel unterworfen. Damit wurde auch die Welt der dort lebenden Menschen wiederholt massiv verändert, wobei man davon ausgehen kann, dass dies gegen deren Willen geschah und normalerweise von umfassender Gewalt geprägt war. Rom als Herrschaftsmacht vollbrachte durchaus in Teilen Integrationsleistungen, hatte aber immer einen absoluten Herrschaftsanspruch, der nicht unwidersprochen bleiben konnte. Hinsichtlich der Staatsstrukturen gab es keine Toleranz für die Entwürfe der eroberten Gebiete, sondern die eigene Weltordnung wurde mit allen Mitteln durchgesetzt. Dessen Strukturen wurden in großen Teilen Europas endgültig durch die Völkerwanderung zerstört, die auch die ethnischen Strukturen in ganz Europa dauerhaft veränderte. Die Invasoren hatten nach heutigem Wissen keinerlei Interesse an den Errungenschaften in den eroberten Gebieten, sondern wollten ihre Tradition an die Stelle der vormaligen setzen.

Ein Gegenbeispiel ist de facto die Aufklärung, da sie Vorherrschaft der Kirche langfristig brach und andere Weltentwürfe in Europa erst ermöglichte. Diese wurden zwar zunächst aus der christlichen Tradition heraus entwickelt, emanzipierten sich im Laufe der Zeit aber immer weiter davon. Sie führten zu aufklärerischen Werten und Humanismus, Toleranz, Freiheiten und freiem Denken, aber in der gewonnenen Freiheit bildeten sich unter den neuen Weltsichten auch die zahlreichen Varianten von Kleine-Welt-Ideologien heraus, die heute in den westlichen Ländern existieren.

Ein typisches Beispiel für Kleine-Welt-Ideologien ist der Kolonialismus, der ähnlich wie die ersten Beispiele (mindestens) zweimal lokal ungewollte Umwälzungen bedeutete und sich ideologisch ähnlich darstellt wie das alte Rom. Auch hier wurde in den unterdrückten Gebieten eine neue Elite etabliert, welche die dortigen Traditionen geringschätzte und eigene Strukturen gewaltsam überstülpte. Doch auch isolationistisch denkende "unzivilisierte" Völker, die in diesem Kontext heute noch gefunden werden können, sind in ihrem Bild einer kleinen Welt gefangen. Solche auch heute noch aktuellen Ausnahmen wie einzelne Inselvölker auf den Adamanen funktionieren nur wegen des von außen durchgesetzten Respekts vor deren Lebensweise, was quasi eine "Schutzgebietsregelung" seitens des Umfelds bedeutet. Kontakt zu erzwingen wäre dagegen eine kolonialistische Aggression: der lokalen Kleine-Welt-Ideologie entgegenzutreten wäre somit Ausdruck einer ebensolchen Ideologie mit weitergehendem Anspruch. Die Situation ist ähnlich bei kleinen christlichen Gemeinden, die bewusst technikfern leben, z.B. die Amish in USA oder andere ähnliche Gemeinden in Nord- und Südamerika. Die Kommunen der 70er Jahre sind bei einem solchen Versuch gescheitert, da ihre kleine Welt inmitten der anders gestalteten westlichen Länder sich nicht verbreitete, sondern dem Druck von außen nicht dauerhaft standhalten konnte. Sobald eine Gruppe, ein Stamm oder ein Lager nicht mehr in (fast) vollständiger Isolation leben kann, ist der Druck vorhanden, der eine Kleine-Welt-Ideologie früher oder später zusammenbrechen lässt. Die Beschränktheit der Ideologie ist im Sozialismus sowjetischer Prägung ebenfalls an der Wirklichkeit, speziell dem wirtschaftlichen und militärischen Druck des kapitalistischen Westens, der Pluralismus propagierte, gescheitert. Es war dieser Ausprägung des Sozialismus nicht möglich, im Rahmen seiner beschränkten Ideologie Mittel zu entwickeln, mit dem Rest der Welt Schritt zu halten.

Folglich ist der Ansatz von Kleine-Welt-Ideologien im Leben generell nicht praktikabel, sicher aber nicht dauerhaft konsequent (durch-) haltbar. Denn es muss die Unveränderbarkeit der kleinen Welt - wenigstens als Zielvorstellung - eine zentrale Eigenschaft sein, damit das Sehnen und Streben danach einen Wert bekommen können und somit für deren Anhänger ein Ziel darstellen können. Es ist also so, dass sie eine gezielte Selbsttäuschung begehen, da bei genauer Betrachtung schon die Grundlage ihrer Ideologie nicht haltbar ist. Dies impliziert jedoch nicht, dass der Selbstbetrug bewußt ist.

Gesellschaftliche Gefahr geht also stets vom Wunsch nach einer kleinen Welt aus, einerseits wegen der - wie gezeigt mehrfach motivierten - Ausgrenzungsideologie, andererseits wegen der Tendenz zur Selbsttäuschung und zur Verleugnung umfassenderer Realitäten. Die Folge dessen ist, wie schon beschrieben, Menschen, die der eigenen Ideologie folgen, einen höheren Wert zuzugestehen als den anderen und speziell als den gezielt Ausgegrenzten. Wenn gemäß dieser Einstellung auch noch gehandelt wird, kann innerhalb der Ideologie und der Gruppe, die diese vertritt, ohne weiteres Gewalt gegen vorgeblich Minderwertige gerechtfertigt werden. Mit dieser Rechtfertigung lassen sich somit Anhänger einer solchen Kleine-Welt-Ideologie zur Anwendung von Gewalt motivieren. Schon die Verteidigung einer Kleine-Welt-Ideologie gegen externen Druck kann direkt ohne den Umweg über den immanenten Ausgrenzungsmechanismus zu Gewalt führen. Dies kann passieren, wenn die Anhänger in ausreichendem Umfang die Mittel haben, ihre Ansichten mit Gewalt durchzusetzen und ihre Weltanschauung von anderen Standpunkten unter großen Rechtfertigungsdruck gesetzt wird, der nicht mehr leicht mit Argumenten zu kontern ist. Letzteres ist aber eine Situation, in die Kleine-Welt-Ideologien durch ihre Eigenschaften schnell geraten. Diese Mechanismen der Rechtfertigung von Gewalt treten in voller Ausprägung bei Terroristen jeder Couleur auf. Die folgenreichen Ergebnisse solcher Motivationsketten lassen sich heute und in der Geschichte an deren Terrorakten beobachten. Die vorgebliche ideologische Ausrichtung ist dabei unerheblich, es ist egal, ob eine linke, rechte, nationale, völkische oder religiöse Gesinnung bei der Rechtfertigung vorgegeben wird. Aktuell ist es in der extremsten Form beim flächendeckenden Terror des sogenannten islamischen Staats im Nahen Osten zu sehen. Dies soll jedoch nicht den in der Geschichte häufigen Staatsterrorismus sekundär erscheinen lassen. Auch dabei sind die Argumentationsmuster stets dieselben, ob es die nationalsozialistische Ausprägung in Deutschland, die stalinistische Form in der Sowjetunion, im Rumänien Ceausescus oder heute in Nordkorea sind, oder die islamistische in verschiedenen Staaten des Nahen Ostens. Politische Ideologien mit einer engen Vision oder religiöse Fanatiker an der Macht suchen fast zwangsläufig eine gewaltsame Durchsetzung ihrer jeweiligen Kleine-Welt-Ideologie.

Diese Denk- und Handlungsmuster sind notwendigerweise in allen Varianten der Ideologien wenigstens angelegt, die eine kleine Welt auch nur wünschen. Das heißt, wenn aus beliebigen Gründen, evtl. wegen wirtschaftlichen Drucks, soziale Hemmschwellen überschritten werden, kann jede Kleine-Welt-Ideologie in vorgeblich gerechtfertigter Gewalt resultieren. In diesen Weltsichten ist auch schon vor Gewalthandlungen stets die Diskriminierung und Herabwürdigung von Allem und Allen angelegt, das/die außerhalb der kleinen Welt stehen (oft auch ohne es selbst überhaupt zu wissen). Die Ablehnung der reichen, "großen" Realität ist generell ein Kennzeichen einer solch gefährlichen Einstellung.

3. Wider den Selbstbetrug

Das bisher Gesagte macht unmissverständlich deutlich, dass der Wunsch nach einer kleinen Welt eine Abkehr von humanistischen Idealen der Aufklärung wie Offenheit, Respekt, Toleranz und Pluralismus bedeutet und die reale Vielfalt ablehnt. Der Umgang damit kann nur sein, den Versuch zu unternehmen, Anhängern von Kleine-Welt-Ideologien klarzumachen, dass sie mit ihrem Sehnen nach einer einfachen Welt die Realität leugnen und sich potentiell für Gewalthandlungen öffnen. Die ersehnte kleine Welt wird nie dauerhaft Wirklichkeit werden und, dort wo sie vorübergehend in definierten Grenzen vermeintlich existiert, wird sie stets von der vielfältigen sozialen Wirklichkeit bedrängt sein, allein schon dadurch, dass es diese andere Realität gibt und sie in Kontakt stehen. Schon die Verteidigungshaltung des sich der vielfältigen Realität Erwehrens hat bereits Gewaltpotential und ist zwangsläufig längerfristig zum Scheitern verurteilt.

Es kann nur das Ziel sein, zu überzeugen, dass diese Haltung der Realitätsflucht im Prinzip Gewalt und Hass in der Welt vermehrt, und nicht die Anhänger derartiger Ideologien davor wie auch vor anderen Bedrohungen schützt. Denn vielen Anhängern, die romantisierend eine kleine Welt wünschen, ist die Bedrohlichkeit ihres Wunsches womöglich gar nicht klar. Viele wenden sich heute den rechten und nationalistischen Strömungen zu, weil sie fürchten, zu den Globalisierungsverlierern in ihrem lokalen Kontext zu gehören. Dies resultierte 2016 in den Vereinigten Staaten in einem Wahlergebnis, das durch Ausgrenzungspropaganda erzielt wurde, es führte in Großbritannien mit vergleichbarer Propaganda zu einer folgenschweren Entscheidung für die Isolation, die alle zugehörigen Hoffnungen enttäuschen dürfte, und es droht 2017 in Frankreich Ähnliches. Dies sind nur die prominentesten Beispiele in der westlichen Welt. Stets wird dabei eine lokale Selbstbesinnung auf die kleine Welt des eigenen Landes idealisiert, meist sogar beschränkt auf bestimmte Bevölkerungsgruppen, welche allerdings im Kontext der jeweiligen Staaten nicht lange tragfähig sein kann. Die nähere Zukunft wird zeigen, in welcher Weise diese falschen Hoffnungen enttäuscht werden.

Außer Frage steht, dass man denjenigen Anhängern von Kleine-Welt-Ideologien, die bereits zur Gewaltausübung übergegangen sind, mit adäquaten Mitteln die Stirn bieten muss, was im Bedarfsfall auch Gegengewalt einschließen muss. Es ist wohl meist nicht anders möglich, dem islamistischen Terror religiöser Fanatiker im Nahen Osten wie auch im Westen so entgegenzutreten.

Freilich ist und bleibt es schwer, Menschen zu überzeugen, die vor der vielfältigen und komplexen Realität, wie sie heute existiert, kapitulieren und in eine Ideologie der kleinen Welt mit einer simplen Wirklichkeit fliehen. Dies kann langfristig nur recht umfassend gelingen, wenn die Gesellschaft möglichst gerechte Strukturen für alle schafft, so dass die Lebensführung des Einzelnen möglichst einfach und abgesichert ist. Diese Zielsetzung habe ich bereits in dem Essay "Ein neuer Konsens" ausführlich dargestellt. Solange von vielen Menschen auf der ganzen Welt die Lebensbewältigung als überkomplex und nicht durchschaubar wahrgenommen wird, ist es nur zwangsläufig, dass die trügerische und gefährliche Sehnsucht nach einer einfachen kleinen Welt allenthalben wächst. Den idealisierten Kleine-Welt-Ideologien sollte man als humanistisch denkender, aufgeklärter, moderner Mensch jedoch entgegentreten, da sie nicht nur diesen Idealen, auf welche die westlichen Demokratien aufbauen, widersprechen, sondern auch das friedliche Zusammenleben in der jeweiligen Gesellschaft bedrohen. Die Gefahren müssen, wie im gesamten Text hier geschehen, offen aufgezeigt werden, so dass sie auch bewusst wahrgenommen werden können, von den Gegnern genauso wie von den Anhängern solcher Ideologien. Das wenigste, was wir tun können, ist solch gefährliche Wünsche nicht unwidersprochen zu lassen.