Die Zukunftsunfähigkeit der Konservativen

(Thomas Schall, Juni 2021)

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Abstract

Dieser Essay betrachtet die bewahrende Grundeinstellung Konservativer. Diese wird gemeinhin als besondere Tugend präsentiert. Hier wird dieser Ansatz analysiert und neben der systematischen Betrachtung auch in Beziehung zu der Frage nach Zuwanderung als nicht zukunftsträchtig erkannt. Die Rückwärtsgewandtheit wird konsequent zu Ende gedacht und mit dem teils naiven Utopismus Linker kontrastiert, wie es beide Seiten auch selbst machen. Es zeigt sich, dass die Linke oft unrealistische Ansätze propagieren mag, die Konservativen aber mindestens genauso oft prinzipiell zukunftsunfähig sind.


Konservative stellen sich idealisiert als Bewahrer des Guten, Erprobten dar, des Althergebrachten, das sich seit langem bewährt hat. Allein das enthält schon eine Ablehnung von Veränderung, da gern argumentiert wird, dass der angeblich stabile Status quo sich eben lange bewährt hat. So werden gern negative Seiten der gegenwärtigen Situation häufig argumentativ übertüncht. Bewahren bedeutet allerdings eigentlich Stillstand, Stagnation, in letzter Konsequenz auch Verfall. Denn Veränderungen, die permanent von außen herangetragen werden, sind unausweichlich. Dieser sich stetig aufbauende Veränderungsdruck setzt das beharrende System unter Druck und greift es wenigstens implizit an. Das zu starke, nachgerade störrische Beharren lässt diesen Druck immer weiter steigen, bis er sich an einem nicht vorhersehbaren Punkt unkontrolliert entlädt und Veränderung einfach stattfindet. Dabei sind dann die Gestaltungsmöglichkeiten stark limitiert. In einem anderen Szenario zehrt das Bewahren gegen den Veränderungsdruck die Kräfte auf, die der Gegenwartsbewältigung gewidmet werden müssten. Dies führt eine Gesellschaft zunächst in die Kraftlosigkeit des Verfalls, so dass sie irgendwann von äußeren Einflüssen umgeformt wird, wiederum ohne eigene Gestaltungsmöglichkeit.

Dieser Zusammenhang ist zwar so manchem Konservativen mehr oder weniger bewusst, so dass sie zumindest vorgeblich offen für Reformen sind. Modernisieren ist für den Konservativen aber dennoch das Rosinenpicken unter den möglichen, drängenden Veränderungen. So eine gezielte Auswahl der Anpassungen verfolgt freilich vor allem das Ziel, mit der geringsten Änderung möglichst viel des aktuellen Zustands zu erhalten, um die eigene als vorteilhaft empfundene Lage so umfassend wie möglich zu erhalten.

Es sind diejenigen die vehementesten Verteidiger des Status Quo, die meinen, durch Veränderungen Verluste zu erleiden. Sie haben in den extremeren Fällen ein vielleicht sogar unbewusstes Gefühl, dass sie im Status Quo mehr haben oder erhalten, als sie auf Grund ihrer Fähigkeiten und ihres Engagements verdienen würden. Die Mitglieder konservativer Eliten fürchten um den Verlust von Gütern und Privilegien, bei denen durch Veränderungen in Frage gestellt werden könnte, ob sie diese zu Recht genießen. Dabei fürchten sie besonders schlechtere Bedingungen für sich selbst, um ihren Wohlstand und Einfluss erhalten und vermehren zu können. Es ist plausibel anzunehmen, dass die Fortschrittsverweigerer jenseits der Eliten sich dagegen schlecht gerüstet fühlen für eine veränderte Welt, die ihnen komplizierter vorkommen mag, dass sie also Angst vor Überforderung haben. Dabei ist diese Sehnsucht nach einer einfacheren Welt, so wie sie vermeintlich noch besteht oder erreichbar scheint, eine Illusion, egal ob man Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft betrachtet. Nur entsprechende Aufklärung, Bildung und gesellschaftliche Gerechtigkeit können dagegen gesetzt werden, wie ich im Essay Eine gefährliche Illusion dargelegt habe. Die Ablehnung von Veränderung ist auch unabhängig davon, ob die Angst vor Überforderung eine realistische Einschätzung ist oder eine unbegründete Emotion. Letztlich ist dabei auch die Art oder Richtung der Veränderung ohne jede Bedeutung für ihre Ablehnung, so lange dieser Wandel nicht den Status Quo zementiert, dessen vermeintlich gute Seite stabilisiert und darüber zwangsläufig gesellschaftliche Trennlinien weiter verschärft. Die Gruppen, die ein Bewahren propagieren, profitieren zumindest vermeintlich von gesellschaftlicher Trennung und von Segregationen. Da Veränderungen im Sinne des sozialen Fortschritts prinzipiell aber Pluralität, Menschenrechte und generell die rechtliche Gleichheit fördern, werden sie meist von konservativer Seite generell abgelehnt und bekämpft. Konservativ steht damit grundsätzlich in direktem Kontrast zu einer Offenheit für Neues, Anderes.

Jegliche Form von Zuwanderung, die nicht (vorgebliche) Volksgenossen heim ins Reich holt oder eine minderwertige und rechtlose Klasse von Sklavenarbeitern zur Sicherung der wirtschaftlichen Prosperität schafft, wird abgelehnt, da die Zuwanderer einerseits fremd sind, andererseits ihnen aber (gleiche) Rechte gewährt werden müssten. Zuwanderer, die sich gesellschaftlich und rechtlich auf Augenhöhe mit der alteingesessenen Bevölkerung befinden, stellen eine Konkurrenz dar, die anscheinend den Druck auf diejenigen erhöht, die vorher da waren. Es ist unerheblich, ob dieser Eindruck der Realität entspricht oder nicht. Deutschland braucht Zuwanderung, um wirtschaftlich und sozial in Zukunft bestehen zu können und dennoch wird von Konservativen jede Art von Zuwanderung in Frage gestellt, sogar bekämpft. In den USA sind es manchmal sogar selbst Zuwanderer der ersten Generation, die weitere Zuwanderung bekämpfen, auch aus ihrem eigenen Herkunftsland. Die Mobilität der Menschen hin zu Regionen, die bessere Lebensbedingungen versprechen, ist allerdings seit prähistorischen Zeiten universell. Sie wird sich nicht durch Gewalt abstellen lassen, sondern nur durch das Schaffen von akzeptablen Bedingungen vor Ort, so dass Migration unnötig wird. Dazu müssten aber Konservative Veränderung zulassen, die einen globalen Ausgleich vorantreibt und ihre hiesigen Privilegien beschneidet. Es sind also Veränderungen nötig, um Veränderungen zu verhindern. Die Aufgabe von Vorteilen, um andere zu bewahren, mag plausibel sein, doch ist sie auch ein Opfer, das für die Bewahrer mit ihrem Fetisch des Status quo außerordentlich groß erscheint. Viele Konservative sind nicht bereit, solch ein Opfer zu bringen.

Veränderung ist allerdings unausweichlich, da eine vollständige Abschottung einer Gesellschaft schlichtweg unmöglich ist, solange man nicht auf einen prätechnischen Stand zurückfallen möchte. Der Großteil der technischen, organisatorischen, sozialen Innovationen, auf denen moderne Gesellschaften beruhen, stammt von jeweils außen oder von vermeintlich Fremden. Schon der Verzicht auf die Übernahme weiterer externer Innovationen bedeutet Stagnation und Zurückfallen gegenüber anderen. Die Verweigerung aller externen Innovationen, auch früherer, führt dazu, dass man sich zu einer prätechnischen Agrargesellschaft zurück entwickelt. Dazu sind aber auch Konservative nicht bereit, die wiederum die Rosinen unter den Innovationen herauspicken wollen. Selbst eine extreme Form von Abschottung kann nicht dauerhaft sein, da Veränderungen der natürlichen Lebensumgebung wie der Klimawandel nicht an künstlichen Grenzen halt machen. Während die Konservativen uneingeschränkt von der Industrialisierung, Technisierung, Globalisierung und evtl. sogar von der Digitalisierung profitieren wollen, versuchen sie gesellschaftliche Veränderungen zu verhindern, die dadurch ermöglicht und ausgelöst werden. Dieser Ansatz ist aber auf Dauer nicht haltbar, denn er folgt dem Mantra der Unvereinbarkeit: "Wasch mich, aber mach mich nicht nass." Das ist erkennbar Realitätsverweigerung, versuchtes Rosinenpicken und eine sehr einseitige Einschränkung bei den Möglichkeiten, aktiv die Zukunft der eigenen Welt zu gestalten. Es ist nicht der pragmatische Realismus, den sie gerne zur Schau stellen, sondern ideologisch fundierte Zukunftsunfähigkeit. Die Mär vom pragmatischen Herangehen an Zukunftsthemen lässt sich nur aufrecht erhalten im Kontrast zu den naiv-romantisch idealistischen und teils ebenso ideologisch verblendeten Zukunftsträumen der Linken und ihren oft nicht nachvollziehbaren Wegen, wie eine linke Utopie erreicht werden soll.

Die Aufgabe, aktiv eine offene, tolerante und respektvolle Zukunft mit Perspektiven für alle zu gestalten, die in nachhaltiger Weise funktioniert, kann von erklärten Konservativen nicht erfolgreich erfüllt werden. Das kann nur auf einem echten Mittelweg erfolgen, der auch nicht den unrealisierbaren Forderungen folgt, die Linke oft im Kontrast zu Konservativen aufstellen. Deren radikale Änderungsansätze unterliegen oft einer fehlgeleiteten Zukunftsromantik, die viel zu schnell einfache, radikale Wege propagiert, die in der Praxis nicht gangbar sind. Während die Linken eine imaginierte Zukunft romantisieren, wird von Konservativen eine idealisierte Vergangenheit romantisiert. Die Extreme, in die beide Seiten sich im gezielten Kontrast zu der jeweils anderen Seite flüchten, sind dabei sehr effektiv darin, die gemeinsame produktive Gestaltung der Zukunft zu verhindern. Allerdings hat sich die Linke zum Ziel gesetzt, die Zukunft gerecht für alle zu gestalten, auch wenn ihre Ansätze zur Umsetzung teils Realismus vermissen lassen. Ein wirklich offener Diskurs und Weg in die Zukunft kann in jedem Fall nur funktionieren, wenn man bereit ist, sich von der Vergangenheit zu lösen, bei Bedarf von jedem Aspekt der Vergangenheit. Diese Offenheit lassen die meisten erklärten Konservativen eindeutig vermissen. Sie sind zukunftsunfähig.