Lücken im System (sind nicht schlimm)

Warum dennoch die Wissenschaft die Welt am besten erklärt

(Thomas Schall, August 2019)

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Abstract

Wissenschaft kann nicht alles erklären und wird das nie können. Religion dagegen gibt zwar vor, alles zu erfassen, erklärt aber bei genauem Hinsehen sehr viel weniger als aufgeklärte Wissenschaft, verlangt vielmehr blinden Glauben. Dieser wird besonders bei ihrer Welterklärung und den sachlichen Schwächen davon verlangt. Demgegenüber geht die Wissenschaft offen mit den Lücken in ihren Möglichkeiten der Welterklärung um. Dieser Essay erläutert derartige Lücken an einer Reihe von Beispielen aus verschiedenen Disziplinen, die schrittweise abstrakter werden, um zu unserem alltäglichen Leben zurückzukehren und erläutert schließlich, warum trotz der bestehenden und teils nie zu schließenden Lücken eine wissenschaftliche Welterklärung generell einer anderen, meist religiösen, überlegen ist.


Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung: "Übergänge"
  2. Bewusstsein: "Erwachen"
  3. Evolution: "Nichts fehlt"
  4. Leben: "Der zündende Funke"
  5. Die Welt der Physik: "Groß und klein"
  6. Grenzen der Erkenntnis: "Bis hierher und nicht weiter"
  7. Unser Lebensumfeld: "Ungeschlagener Champion"
  8. Fazit: "Kein Grund zur Unruhe"

Wissenschaft kann nicht alles erklären und wird das nie können. Religion dagegen gibt vor, alles zu erfassen und für alles in der Realität eine Erklärung zu haben. Allerdings erklären diese Narrative bei genauem Hinsehen sehr viel weniger als die Modelle der aufgeklärten Wissenschaft. Religion verlangt vielmehr blinden Glauben bei den Detailfragen der Welt und ihrer Wirklichkeit. Dieser unhinterfragte Glaube wird tatsächlich besonders bei ihrer Welterklärung und den sachlichen Schwächen davon verlangt, wobei Hinterfragen dieser Schwächen teils sogar als Blasphemie quasi strafbewehrt ist. Lücken im System werden dabei verleugnet.

Im Kontrast dazu geht die wissenschaftliche Welterklärung offen mit den zweifellos vorhandenen Lücken um. Dieser Essay beschäftigt sich zunächst mit einer Reihe der bedeutendsten dieser Lücken, um dann am Ende zu erläutern, dass diese keinen Grund bieten, den wissenschaftlichen Ansatz zu verwerfen und andere vorzuziehen.

Einleitung: "Übergänge"

Der Erfolg der Wissenschaften liegt zu einem überwiegenden Teil in ihrer Methode begründet. Ein elementarer Bestandteil, neben der offen gelegten, systematischen und nachvollziehbaren Vorgehensweise, ist eine eindeutige Eingrenzung des jeweiligen Untersuchungsbereichs, die auch in einer klaren Abgrenzung der Fachgebiete in den Wissenschaften resultiert. Daher sind aber auch Verknüpfungen der Fachbereiche und ganzheitliche Erklärungen oft nicht möglich, da sich Modelle, Grundlagen, Fokus und Methoden unterscheiden und so eine Beziehbarkeit der Ergebnisse aus verschiedenen Bereichen unmöglich machen. In Abschnitt 5 wird eines der prominentesten Beispiele aus der Wissenschaft diskutiert. Lücken im System entstehen also zwangsläufig daraus, die beste Erklärung für einen definierten Teil der Wirklichkeit zu finden. Dabei entsteht eine optimale Erklärung, die dann nicht auf einen anderen Teil der Realität übertragen werden kann, da spezifische Aspekte des einen Bereichs nicht zu einem anderen Bereich passen. Weil diese Erkenntnisse folglich häufig keine nahtlosen Übergänge haben können, gibt es zwangsläufig Erklärungslücken. Diese werden aber nicht verleugnet, sondern von seriösen Wissenschaftlern anerkannt, entweder als systemisch oder, falls sie nicht als systemisch anerkannt sind, als zukünftiges Forschungsgebiet.

Es ist nicht verwunderlich, dass Kritiker der Wissenschaften speziell derartige Übergänge zu elementaren Themen erklären. Sie machen dies auch, weil sie diese Punkte als zentral in ihren Ideologien erkennen, besonders als Quellen aus denen ihren Anhängern Wert zuteil wird. Daher ist es für sie klar von Vorteil, Schwächen konkurrierender Weltsichten in genau diesen Fragen auszuschlachten. Dieser Versuch, Diskurse zu steuern, ist nachvollziehbar, kann aber ebenso als eine Art ideologischen Marketings oder als Propaganda angesehen werden.

Im weiteren Kontext ideologischer Propaganda habe ich meine Position bereits früher dargestellt. In den Essays Allein auf der Welt und Eine (un-)bestreitbare Wirklichkeit habe ich für die Nichtexistenz eines Gottes und die Existenz einer objektiven Realität argumentiert, was auch hier eine Grundlage meiner Darstellung bildet.

Die oben genannten Übergänge als vorgebliche Schwächen der wissenschaftlichen Sichtweise sollen aber Thema der folgenden Abschnitte sein und daran wird erkennbar werden, dass der wissenschaftliche Ansatz dennoch anderen überlegen ist. Die vermeintlichen Lücken werden von anderen Sichtweisen nicht wirklich überzeugend gefüllt, weshalb ein transparenter Umgang mit derartigen Fragen stets zu bevorzugen ist.

Bewusstsein: "Erwachen"

Eine der prominentesten vermeintlichen Erklärungslücken der Wissenschaften betrifft die Entstehung des menschlichen Bewusstseins. Die jenseits der Wissenschaften angebotenen Alternativen sind meist, dass es sich um das Geschenk einer höheren Macht handelt, was gleichzeitig noch die Verpflichtung zu einem bestimmten Verhalten mit sich bringt. Die plakative Erklärung zu einem Gottesgeschenk erklärt jedoch weder, was das Bewusstsein ist, noch wie es zustande kommt bzw. entsteht.

Die bedeutsame Frage ist aber genau, wie Bewusstsein entsteht, und ob es wirklich eine Art binäre Eigenschaft ist, die wie mit einem Schalter aktiviert wird. Ein Wesen hätte demnach ein Bewusstsein oder nicht, es gäbe keine Abstufungen. Eine solche Einschätzung wird von Forschern in diesem Gebiet heute nicht mehr geteilt. Die binäre Sicht ist also vermutlich nicht haltbar und bei Anerkennen verschiedener Grade von Bewusstsein wird die Frage umso bedeutsamer, wie es entsteht und sich entwickelt. Die Frage, wie es auftritt, wird dadurch eher trivial und irrelevant. Dagegen tritt die Frage in den Mittelpunkt des Interesses, wie sich die konstituierenden Eigenschaften von Bewusstsein entwickeln und was diese Entwicklung auslöst. Es geht folglich darum, welche evolutionären Vorteile zur Entwicklung von Teilen eines Bewusstseins führen, also einzelne Eigenschaften dessen, und auch welche Vorteile zu seiner Gesamtheit in allen uns bekannten Teilen führen. In der Forschung herrscht mittlerweile die Vermutung vor, dass Bewusstsein insgesamt aus hoher Komplexität bei der Verarbeitung von Wahrnehmungen zu motorischen Reaktionen als eine Art Nebenprodukt entsteht. Sein Vorliegen stellt einen evolutionären Vorteil dar, da es flexiblere Reaktionen ermöglicht. Damit kann es entstehen und sich auch entwickeln, das Bestimmen eines "Grenzwerts", ab dem man vom Vorhandensein eines Bewusstsein ausgeht, ist dann vermutlich eher eine Interpretationsfrage.

Für uns als Menschen ist allerdings nur eine Art von Bewusstsein vorstellbar -- genau die unsere -- und wir stellen uns Fragen über Teile bzw. Eigenschaften oder unvollständige, niedere Ausprägungen davon. Die Frage, ob es andere Arten von Bewusstsein gibt, erscheint uns rein theoretisch, denn sie übersteigt unsere Vorstellungskraft.

Die präsentierte Argumentationslinie legt nahe, dass ein singuläres menschliches Bewusstsein, das es kein zweites Mal jenseits des Menschen gibt, ein aus heutiger Sicht ideologisches Konstrukt ist, mit dem die Einzigartigkeit der Spezies Homo Sapiens gerechtfertigt werden soll. Eine Lücke in der wissenschaftlichen Erklärung liegt hier gar nicht vor, sondern sie wird nur als rhetorischer Trick aus einer bestimmten ideologischen Sichtweise heraus konstruiert. Wohl aber gilt es seitens der Forschung zu diesem Thema noch zahlreiche Fragen im Detail zu beantworten.

Evolution: "Nichts fehlt"

Die Gegner der Evolutionstheorie führen gerne ein sogenanntes "missing link" als die ultimative Lücke wissenschaftlicher Erklärung der Menschwerdung ins Feld. Abgesehen davon, dass die Evolution in der Wissenschaft lange schon als Tatsache betrachtet wird und Dispute nur noch über die Details und ihre Ausgestaltung geführt werden, liegen diesem eigentlich haltlosen Vorwurf gleich mehrere Missverständnisse zugrunde.

Der Vorwurf, es klaffe eine Lücke bei den fossilen Beweisen der Entwicklung zum Menschen hin, beruht auf dem Denkfehler, dass es ein Kontinuum von Funden geben müsse, um die Abstammungslinie zu "beweisen". Jeder Fund ist allerdings nur ein Punkt in einem erschlossenen Stammbaum und ebenso, wie ein großer Abstand zwischen zwei Funden auf verschiedenen Ästen davon nicht den Stammbaum als Ganzes obsolet macht, macht ein großer zeitlicher und evolutionärer Abstand zwischen zwei Funden auf demselben Ast dies genauso wenig. Zwei unterschiedliche Funde sind nie ein guter oder schlechter Beweis für die Entwicklungslinie, egal ob es dazwischen weitere, sie verbindende Funde gibt, oder nicht. Es sind immer punktuelle Elemente im Stammbaum und ein vermeintliches Kontinuum ist nur eine gedachte Verbindung. Das bedeutet, es gibt nur Lücken zwischen Funden, die eben jeweils unterschiedliche zeitliche und evolutionäre Abstände markieren können. Dem Vorwurf des "missing link" liegt also ein ganz grundsätzliches Missverständnis zugrunde, wie Paläontologie arbeiten kann, und hebt einzelne der zahllosen Lücken besonders heraus und gibt diesen eine quasi mystische Bedeutung, die ihnen aus einer wissenschaftlichen Perspektive nicht zusteht. Zudem werden stetig neue Entdeckungen gemacht, die Übergänge klarer machen und solche vorgeblich unüberbrückbaren Lücken kleiner werden lassen.

Doch auch der Vereinfachung, "der Mensch stamme vom Affen ab", die in einer derartigen Diskussion gern angeführt wird, liegt ein falsches Verständnis zugrunde. Heutige Menschen und Affen haben gemeinsame evolutionäre Vorfahren, über welche ihre Verwandtschaft definiert ist, es gibt aber keine direkte Verbindung. Dieser reale Zusammenhang ist inzwischen auch ohne Zweifel durch genetische Vergleiche zwischen Menschenaffen einschließlich des Homo sapiens belegt.

Gerade in diesem Themenbereich der Diskussion treten auch die naivsten Verständnisfehler offen zu Tage. So ist zur Evolution zu hören, dies sei "nur eine Theorie", also nach diesem Verständnis ein reines Gedankenkonstrukt. Dies zeigt ein reines Alltagsverständnis des Konzeptes von Theorie, die im alltäglichen Leben den Kontrast zur praktischen Umsetzung bildet. Demgegenüber ist, übrigens bei genauer Betrachtung sachlich völlig parallel dazu, ein Theorie in wissenschaftlichen Sinne ein Modell, das maximal durch Belege und eine offen beschriebene Methode der Erstellung abgesichert ist. Dieses Gedankenkonstrukt ist also ein Modell, das seinen Bereich der Wirklichkeit bestmöglich und nachvollziehbar mit sachlichen Nachweisen beschreibt, etwa durch fossile Funde oder Ergebnisse von Experimenten. Hier liegt der Unterschied zur Alltagstheorie, die auch ein reines Fabulieren sein kann. Eine wissenschaftliche Theorie ist genau das nicht.

Die klassischen Fälle, in denen der Evolutionstheorie für den Menschen oder allgemein Erklärungslücken angekreidet werden, sind also demnach gar keine Lücken, sondern beruhen auf ein oder mehreren fundamentalen Missverständnissen wissenschaftlicher Erklärungen und Arbeitsweisen.

Leben: "Der zündende Funke"

Einen weiteren großen Schritt weiter zurück auf der Entwicklungslinie liegt die Frage nach der Entstehung des Lebens als solches. Es gibt zum einen eine oft genannte Definition mit den Eigenschaften des Selbsterhalts und der Selbstreplikation, zum anderen liegen aber eigentlich verschiedene Vorstellungen vor.

Religion akzeptiert eigentlich erst höheres, menschliches Leben wirklich als relevant. Zudem werden von ihr häufig verquere Definitionen vom Menschsein propagiert wie die Abtreibungsdebatten zeigen: Ein abhängiger Keim wird zum Menschen erklärt, obwohl dieser nicht allein lebensfähig ist, kein Bewusstsein mangels Gehirnstrukturen haben kann und noch keinerlei Fähigkeit zur Selbstreplikation hat. Er besitzt nur ein zukünftig voraussichtlich realisierbares Potenzial dazu, ein Mensch zu werden. Dieses wird schon als ausreichend ausgerufen, Mensch zu sein. So ein Potenzial, etwas Respektiertes zu werden, wird aber an anderer Stelle verleugnet. Das beste Beispiel dafür ist die Evolution, die unter allen rational argumentierenden Menschen als Tatsache anerkannt ist. Evolution und damit die (Fort-) Entwicklung von Leben mit der Veränderung der Arten einschließlich des Menschen wird von zahlreichen Anhängern der großen Weltreligionen nicht akzeptiert. Niederes Leben, wozu schon Tiere gehören, entstand für manche Religionen unveränderlich einfach per Diktum, was freilich noch weiter von einer befriedigenden Erklärung entfernt ist als jene für die Entstehung des Menschen. Protozellen oder Vorstufen von Leben würden von diesem Begriff von Leben mutmaßlich ohnehin ausgeschlossen, da zahlreiche religiöse Menschen evolutionäre Veränderung rundheraus verleugnen. Die Entwicklung eines Fötus kann jedoch angesichts der sichtbaren und nicht von der Hand zu weisenden Evidenzen nicht geleugnet werden. Aus ideologischen Gründen, die eigene Anhängerschaft zu beherrschen und zu vergrößern, wird hier die Menschwerdung ohne sachliche Rechtfertigung auf den frühestmöglichen Zeitpunkt dieser Entwicklung gelegt. Statt diese problematische Position kritisch zu hinterfragen wird sie vielmehr benutzt, um regelrechten Terror derer zu rechtfertigen, die aufgrund einer eigenen, abweichenden weltanschaulichen Position nicht konform handeln.

Wir können aber demgegenüber zweifelsfrei sagen, sofern wir Entwicklung auch bei den Arten als gegeben voraussetzen, dass der Übergang zu etwas Lebendigem mindestens einmal auf der Erde stattgefunden hat, da wir selbst und zahllose Wesen, die in unserem Umfeld leben, dieser Definition entsprechen und es außer Frage steht, dass dies nicht schon seit Anbeginn der Welt so war. Das "ob" der Entstehung von Leben ist also zweifellos entschieden, nur das "wie" ist offen. Das religiöse Bild des Lebensfunkens oder Lebenshauchs, wiederum ein Gottesgeschenk, ist nur ein Narrativ ohne jeden Erkenntnisgewinn und ohne jede Erklärungskraft, das aber von überzeugten Anhängern eben nicht als Metapher gesehen wird. Es bezieht sich normalerweise nicht auf primitives Leben, sondern auf eine ansonsten fertige menschliche Hülle, einen Körper ohne Geist, der nur von Gott zu einem bewussten Leben erweckt werden konnte. Dies ist aus evolutionärer Sicht der Wissenschaft absurd und inhaltsleer und eine derartige strenge Trennung von Geist und Körper, die Religionen für ihre Heilsversprechen brauchen, wird in der Wissenschaft heute überwiegend abgelehnt.

Andererseits ist es anzuerkennen, dass jenes "missing link" noch nicht bekannt ist, das den Übergang kennzeichnet von toter Materie, die nur chemischen Prozessen unterliegt, zu lebenden Organismen, die in der Lage sind, sich selbst zu erhalten und zu replizieren. Das Fehlen dieses Wissens ist aber Ansporn für die Wissenschaft, neue Erkenntnisse anzustreben und somit Motivation, produktiv Fortschritte zu erzielen. In diesem Fall ist die anerkannte Lücke wissenschaftlicher Erkenntnis also der Anlass, weiter zu forschen, um die Lücke zu schließen.

Die Welt der Physik: "Groß und klein"

Eine Reihe weiterer prominenter Lücken in den aktuellen Welterklärungen der Wissenschaft finden sich in der Physik, teils in der Kosmologie mit der Allgemeinen Relativitätstheorie und teils im Standardmodell der Teilchenphysik einschließlich der Quantenmechanik. Erstere beschreibt mit unglaublicher Genauigkeit die Verhältnisse im Universum auf der großen Ebene von kleinen alltäglichen Objekten unserer irdischen Umwelt über Planeten und Sterne bis hin zu Galaxien und ihren Superstrukturen. Das Standardmodell dagegen beschreibt die Mikrostrukturen der Stoffe und Energien, welche die Elementarteilchen und Felder in ihrem Zusammenwirken darstellen. Spezifischere Bereiche sollen im Rahmen dieses Essays nicht diskutiert werden.

Ein ungelöste Frage der Teilchenphysik ist die, an welcher Stelle im Modell die Eindeutigkeit einer realweltlichen Situation entsteht. Auf der Mikroebene der Quantenwelt sind in den meisten Fällen Zustände undefiniert und existieren alle gleichzeitig nebeneinander und ein konkreter Zustand wird erst dann festgelegt, wenn dies nicht anders möglich ist, beispielsweise bei einer Messung. Diese Situation ist sehr gut experimentell belegt. Die berühmteste Illustration dafür ist das Gedankenexperiment mit Schrödingers Katze, die in einer geschlossenen Kiste, abhängig von einem radioaktiven Zerfall, einem Quantenereignis, solange quasi gleichzeitig lebendig und tot ist, bis nachgesehen wird, welcher Zustand zu diesem Zeitpunkt herrscht. Ebenso ist es unter normalen Umständen nicht möglich, gleichzeitig Ort und Impuls (Energie) eines Elektrons in einem Atom zu messen, da die Messung der einen Größe die Messung der anderen ungenauer macht, je genauer die erste wird. Dieses Phänomen ist als Heisenbergsche Unschärferelation bekannt. Derartige Unbestimmtheiten sind in der alltäglichen Welt hingegen unbekannt: Eine reale Katze ist entweder tot oder lebendig und für beliebige reale Körper lassen sich sowohl ihre Größe als auch die Geschwindigkeit (Energie) unabhängig voneinander mit hoher Genauigkeit bestimmen. Es ist aber unklar, auf welcher Ebene und in welcher Weise die Unbestimmtheit von Quantenzuständen in die Eindeutigkeit der Objekte übergeht, mit der wir in unserem Leben gewohnt sind umzugehen. Dies ist zweifellos eine Erklärungslücke der aktuellen physikalischen Theorie, die aber Gegenstand intensiver Forschung ist.

Zudem steht es in Frage, ob wir jemals technisch in der Lage sein werden, noch bedeutend kleinere Strukturen als die jetzt bekannten Quantensubstrukturen zu messen. Möglicherweise ist in der Planck-Größe selbst der Raum quantifiziert, doch dies kann nicht überprüft werden, denn diese Größe ist im Vergleich zu Quanten so klein wie es Quanten im Vergleich zu unserem Sonnensystem sind. Die Energien und die Größe der Apparaturen, die für derartige Messungen theoretisch nötig sind, können kaum jemals erreicht werden. Hier sind wir als Menschheit vermutlich generell in den Möglichkeiten, wissenschaftliche Hypothesen zu prüfen, beschränkt. Hier handelt es sich um eine Lücke, vielmehr um ein Grenze, die wir ganz prinzipiell nicht bewältigen können.

Eine weitere, sehr prominente offene Frage der Physik ist die (momentane) Unvereinbarkeit von Allgemeiner Relativitätstheorie der Kosmologie und Standardmodell der Teilchenphysik mit der Quantenmechanik. Es gibt keine Theorie, welche die Beschreibung der Allgemeinen Relativitätstheorie mit der Gravitation, die das Universum auf der kosmischen Skala erfasst, mit dem Standardmodell für die Mikroskala vereinen kann. Diese Weltformel ist Gegenstand intensiver Forschung, aber so erfolgreich beide Theorien in ihrem Bereich überprüfte Voraussagen machen, so wenig ist eine vereinte Theorie in Sicht, auch wenn eine derartige, klaffende Lücke in der Wissenschaft unerwünscht ist. Dies ist aber auch der Grund für weitere Forschung, die Modelle sucht, welche beide verbinden, diese Lücke schließen und dabei Voraussagen machen, die in Experimenten überprüft werden können. Dabei handelt es sich dennoch zweifellos um eine der meistdiskutierten Lücken in der physikalischen Erklärung der Welt. Jedoch sind beide Theorien beste Beispiele von erfolgreicher Wissenschaft als erklärungsstarke Theorien mit nachgewiesenen Anwendungen.

Die beiden Bereiche haben -- auch wenn sie beide Berührungspunkte dazu haben -- jeweils keine detaillierte Beschreibung der Konzepte von dunkler Materie und dunkler Energie, deren Existenz seitens der Kosmologie auf Basis der Beobachtung des Universums sehr gut abgesichert ist. Dunkle Materie macht die überwiegende Menge an Materie im Universum aus, kann aber momentan nicht im Detail nachgewiesen werden, da sie nicht in einer bekannten Weise mit der für uns normalen Materie interagiert. Damit ist keine Möglichkeit bekannt, mit der sie gemessen werden könnte. Während es sich bei dunkler Materie um etwas grundsätzlich Ähnliches wie bekannte Materie handeln muss, ist selbst die Natur dunkler Energie noch unbekannt. Lediglich die Effekte lassen sich zweifellos beobachten. Beide Themen sind Forschungsgegenstände, sie könnten aber ebenso wie die Erforschung von Vorgängen auf der Planck-Ebene auch auf prinzipielle Grenzen stoßen.

Auch die Kosmologie stößt in ihrem Kernbereich an nicht zu überwindende Grenzen. Es ist beispielsweise nicht möglich, zeitlich weiter zurückzugehen als bis zum Urknall bzw. in bestimmten Theorievarianten Bruchteile von Mikrosekunden davor. Gleichzeitig ist es nicht möglich, weiter hinaus in das Universum zu sehen, als sich das Licht seit dem Urknall ausbreiten konnte, eigentlich genauer seitdem das Universum transparent wurde. Es steht jedoch weitgehend außer Frage, dass das Universum ein Vielfaches größer ist als der beobachtbare Anteil. Zudem ist es durchaus möglich, dass es nur eines von vielen Universen und möglicherweise eingebettet in einer übergeordneten Struktur ist. Derartige Außenstrukturen sind mit großer Sicherheit prinzipiell niemals für uns Menschen wirklich zu erkennen. Diese Ausdehnungen sind freilich ein krasser Kontrast zu religiöser Welterklärung für das Universum, die im Wesentlichen geozentrisch auf den Menschen fokussiert ist und sich wenig um die Erklärung der Strukturen außerhalb der Erde kümmert, außer diese der göttlichen Sphäre zuzuweisen. Die Reichweite der Beschreibung und die Mächtigkeit der religiösen Erklärung sind dabei gering und können in keiner Weise mit den physikalischen Theorien konkurrieren, die wenigstens im jeweiligen Untersuchungsbereich überprüfbare Voraussagen machen. Auch angesichts der zeitlichen Skala kann dies beobachtet werden, was besonders deutlich an der Fraktion der "Young Earthers" erkennbar ist, die ein Alter von nur wenigen tausend Jahren für die Welt annehmen. Der Urknall wird in den gängigen physikalischen Erklärungen auf vor etwa 13,8 Milliarden Jahren datiert.

Diese hier präsentierten Lücken in den Erklärungen physikalischer Theorien sind in der Physik von großer Bedeutung, sie mögen auch philosophische Implikationen haben, sind aber nicht dazu geeignet, die Physik oder die Wissenschaften allgemein zu diskreditieren. Zum einen sind sie meist Anlass intensiver Forschungsaktivitäten und zum anderen haben die aktuellen Theorien eine unübertroffene Erklärungskraft mit großer Tragweite und vielen technischen Anwendungen, die im Kern des technologischen, gesellschaftlichen und philosophischen Fortschrittes stehen. Außerdem liefert die Theoriebildung teils selbst die Erklärung, wo wir aus prinzipiellen Gründen an die Grenzen möglicher Erkenntnis stoßen. Darüber hinaus sind bekannte Lücken, die nicht prinzipieller Natur sind, stets Ansporn für weitere Forschung, die dann freilich meist bis auf weiteres Grundlagenforschung ist, möglicherweise aber später neue Anwendungen eröffnet. Demgegenüber befassen sich religiöse Erklärungsmodelle gar nicht explizit mit den ganz kleinen Skalen wie das Standardmodell und die Quantenphysik oder den ganz großen Skalen wie der Kosmologie, geschweige denn mit schwer greifbaren Konzepten wie Dunkler Materie und Dunkler Energie.

Grenzen der Erkenntnis: "Bis hierher und nicht weiter"

Nach dem Ausflug in die Physik kehren wir zurück zur Biologie des Menschen an der Stelle, wo sie eine Verbindung zur Philosophie hat. Schon bei der Diskussion des Bewusstseins in Abschnitt 2 ist indirekt mit der Bindung der Informationsverarbeitung an den menschlichen Körper die mittlerweile unleugbar belegbare Tatsache angeklungen, dass unser menschliches Denken physisch an unser Gehirn und das gesamte in den Körper eingebettete Nervensystem gebunden ist.

Diese körperliche Grundlage menschlicher Erkenntnis bringt in wenigstens zweierlei Hinsicht auch Beschränkungen, also Grenzen für ebendiese Erkenntnis mit sich. Wir sind limitiert auf das, was wir mit unserem Gehirn überhaupt verstehen können. Einerseits bedeutet das, dass wir nur Strukturen verstehen können, die wir in unserer mentalen Repräsentation nachbilden können, welche eben begrenzt wird durch die Strukturen des Gehirns und was es "abzubilden" vermag. In dieser Hinsicht ist das Gehirn sehr leistungsfähig und anpassbar, doch leider nicht ohne Grenzen. Andererseits speist sich unser Denken zuallererst aus unserer Wahrnehmung, die stets auf unsere Sinne beschränkt ist. Das Verstehbare bezieht sich zuerst auf Teile der Realität, die sich direkt wahrnehmen lassen. Andere Bereiche, die sich nicht irgendwie auf etwas abbilden lassen, das wir wahrnehmen können, sind uns unverständlich. Solange wir keine solche Abbildung finden, liegen sie jenseits unseres Verstehens. Viele, vielleicht die meisten Arten von Messungen -- besonders auch in der wissenschaftlichen Forschung -- dienen genau dazu, das Nicht-Wahrnehmbare auf etwas Wahrnehmbares beispielsweise in einer Visualisierung oder einem Messwert abzubilden. So weitet die Wissenschaft das menschliche Verständnis immer weiter über unsere unmittelbare Wahrnehmung hinaus aus. Die Naivität der Menschen, die behaupten, nur zu glauben, was sie sehen, allen voran sogenannte "Flat Earthers", die eine ebene Erdscheibe postulieren, ist beachtlich, denn sie präsentieren diese lächerliche Koketterie in Medien und Internet, die auf zahlreichen Erkenntnissen zu Phänomenen beruhen, die man nicht einfach sehen kann.

Der mit höchster Wahrscheinlichkeit unlösbare Bezug zur Wahrnehmung zeigt allerdings auch, dass die häufig strapazierte Computermetapher für den (menschlichen) Geist dagegen irreführend ist. Geist und Gehirn sind eben genau keine rein abstrakten informationsverarbeitenden Systeme ohne Verwurzelung in die Realität, sondern stehen eben in fester Bindung an diese Wirklichkeit. Sie können nicht ohne diese Verknüpfung funktionieren. Diese Metapher entsteht aus verständlicherweise aus unserer besonders hohen Abstraktionsfähigkeit und geistigen Flexibilität. Diese Leistungen sind aber trotzdem nicht wirklich loslösbar von der Wahrnehmung und sie haben freilich auch ihre Grenzen: Das klassische Beispiel dafür ist es, sich eine neue Farbe vorzustellen, die es noch nicht gibt, keine Nuance, sondern ein völlig neue Grundfarbe. Schon in Abschnitt 4 wurde darauf verwiesen, dass eine dichotomische strenge Trennung von Körper und Geist eine unhaltbare Position ist und das Konzept des Geistes sich nur auf eine bestimmte menschliche Leistung im konkreten Kontext eines Fachbereichs wie der Philosophie sinnvoll beziehen kann.

Die Grenzen der (menschlichen) Erkenntnis entstehen also weniger aus (bekannten und unbekannten) Einschränkungen der objektiven Realität insgesamt, sondern vielmehr aus den biologischen Grenzen des Verstehens mit unserem Gehirn und dessen begrenzten Strukturen, was auch durch die Möglichkeiten unserer Wahrnehmung wenigstens in Teilen beschränkt wird. Leider sind auch alle Hoffnungen, diese Grenzen mittels künstlicher Intelligenz zu überwinden, unrealistisch, denn wenn mit diesen die menschlichen Grenzen der Erkenntnisfähigkeit überschritten werden, dann können wir das Ergebnis einfach nicht mehr verstehen. Diese Resultate sind also bestenfalls irrelevant für Menschen, fordern aber schlimmstenfalls blinden Glauben und Unterwerfung unter diese künstlich geschaffene angeblich höhere Macht, wenn ihr in naiver Weise auch physische Kontrolle überantwortet wird.

Letztendlich schafft die biologische Beschränkung unseres Gehirns, das dennoch so viel ermöglicht, eine unüberwindliche Grenze für unser Verstehen, so dass es eine potentiell unendlich große Lücke für wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, nämlich alles, was wir nicht mehr verstehen können. Die Grenze, die unsere Wahrnehmungsfähigkeit schafft, spielt dabei kaum eine Rolle, denn in der unglaubliche Kreativität, die Menschen haben, finden sie Wege, die Dinge, die wir zwar nicht wahrnehmen, aber verstehen können, abzubilden in einer Weise, dass sie zugänglich werden, etwa durch ausgefeilte Messungen. Der Umgang mit dieser Tatsache jedoch ist grundverschieden bei aufgeklärter Wissenschaft und Religionen. Während erstere dies akzeptiert und in letzter Konsequenz sagen kann, dass die Teile der Realität, die uns unzugänglich und unverstehbar sind, für den Menschen und sein Leben irrelevant sind und immer bleiben werden, triumphiert die Religion vermeintlich ob der vorgeblichen Unzulänglichkeit der wissenschaftlichen Welterklärung mit solch immensen Lücken. Dieser Triumph jedoch ist leider keiner, denn die Sphäre des Unverstehbaren dem Göttlichen zuzuschreiben ist kaum mehr als ein Trost dafür, dass dieses Unverstehbare existiert. Erkenntnisgewinn ergibt sich aus dieser reinen Zuweisung überhaupt keiner.

Unser Lebensumfeld: "Ungeschlagener Champion"

Das andere Ende Skala der Grenzen menschlichen Verstehens kann in der praktischen Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse und ihrer technischen Verwertung gesehen werden, bei der die Nutzung des bereits erworbenen Wissens zum konkreten Vorteil das Ziel ist.

Ohne wissenschaftliche Modelle mit klarem Bezug zur Wirklichkeit wäre alle moderne Technik nicht existent, die über mittelalterliches Handwerk hinausgeht. Technische Geräte werden vielleicht verachtet, sie werden aber auch von den Leugnern jederzeit genutzt, egal ob es sich um moderne Gebäude aus Stahlbeton handelt, um Computer, Internet und Handys, Navigationssysteme, Verkehrsmittel wie Autos, Eisenbahn, moderne Schiffe oder Flugzeuge, Elektrizität mit allen daraus folgenden Annehmlichkeiten wie (sicheres) Licht, Kühlung in Kühlschränken und durch Klimaanlagen, Waschmaschinen und Wäschetrockner usw. Nicht zuletzt die gesamte moderne Medizin mit ihren Diagnosemöglichkeiten und Behandlungen für viele Leiden, die früher tödlich, lebensbedrohlich oder lebensverändernd waren, wäre undenkbar, da sie direkt auf der Forschung aufbaut. Alles, was unsere moderne Gesellschaft mit ihrer Lebenserwartung, dem recht friedlichen Zusammenleben und dem in der ersten Welt immensen Komfort ausmacht, wurde ganz oder in Teilen erst möglich durch wissenschaftliche Erkenntnisse und ihre Anwendung, direkt oder indirekt.

Selbst ein aktuell modischer Naturromantizismus will nicht wirklich konsequent in frühere Jahrhunderte zurückfallen, sondern er träumt von einer komfortablen Erste-Welt-Natürlichkeit, die sich vorhandene wissenschaftliche Erkenntnisse zu Nutze macht und fortschreibt, aber Nachteile von Technologien eliminiert.

Dem umfassenden Erfolg bei der Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse stehen freilich auch neu geschaffene Risiken gegenüber, was Klimawandel, zivile und militärische atomare Bedrohung, Waffentechnologien und zahlreiche andere Probleme belegen, deren Ursprung in der Nutzung von Technik oder deren Produktion liegt.

Allerdings zeigen die Probleme in gleicher Weise wie die Fortschritte, dass die heutige globale Gesellschaft durch wissenschaftliche Erkenntnisse in ihrem Kern geformt wurde und deren Verwendung effektiv unverzichtbar geworden ist. Die weitere Entwicklung ist ohne sie auch in der Praxis undenkbar, denn ein Zurück vom Wissen wird nicht die bisherigen Folgen wundersamerweise aus der Welt tilgen. Auch wenn es den Leugnern nicht gefallen kann, es ist uns als Menschheit insgesamt nicht möglich, darauf zu verzichten, weitere wissenschaftliche Erkenntnisse anzustreben.

Die Probleme, die aus der Anwendung erwachsen, stammen nicht von den wissenschaftlichen Erkenntnissen selbst, sondern resultieren aus einer bedenkenlosen Anwendung ohne Risikomanagement und Folgenabschätzung, bzw. dem Ignorieren dessen. Die vorschnelle Anwendung geschieht aus Streben nach Vorteilen und Gier bei der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verwertung. Es liegt also primär eine Lücke bei der verantwortungsvollen gesellschaftlichen Nutzung der Ergebnisse der Wissenschaften vor, nicht eine Erklärungslücke hinsichtlich der Realität.

Diese Faktenlage zeigt darüber hinaus, dass es unbedeutend ist, ob sich alle denkbaren Aspekte unserer Lebensrealität lückenlos wissenschaftlich erklären lassen. Die gesellschaftliche Relevanz der Erkenntnisse zeigt sich in ihrer Anwendung, Fragen ohne realweltliche Anwendung bleiben dagegen unter Umständen ein Glasperlenspiel. Dennoch ist Grundlagenforschung, die keine spezifische Anwendung im Blick hat, von zentraler Bedeutung. Diese kann sich eben den bekannten Lücken im Wissenskanon widmen und sogar helfen, neue Lücken und Fragen aufzudecken, deren Beantwortung womöglich ungeahnte Anwendungsmöglichkeiten eröffnet. Daneben gibt es auch hinreichend Beispiele für Grundlagenforschung, die nach Jahren doch in Anwendungen resultierte oder wenigstens die Grundlagen (sic!) dafür lieferte.

Fazit: "Kein Grund zur Unruhe"

Die gesamte Diskussion bisher zeigt, wie bei unbefangener Herangehensweise Wissenslücken bei der wissenschaftlichen Erkenntnis in produktiver Weise zu einem Erkenntnisfortschritt beitragen können.

Unwissen zu einzelnen Fragen ist kein Problem. Vielmehr sind die fälschlichen Behauptungen manipulativ, Erklärungen für diese Fragen zu haben, die aber bei genauer Analyse in keiner Hinsicht valide sind, welche von nicht-wissenschaftlichen, meist religiösen Diskursteilnehmern stammen. Die gesellschaftliche Relevanz der jeweils dahinterstehenden Frage jenseits der Ideologie derjenigen, die sie propagieren, ist ohnehin unabhängig von diesen Diskursteilnehmern zu bewerten und dieses Urteil wird oft vernichtend ausfallen. Auch aus Gründen der Transparenz und Ehrlichkeit ist das Eingestehen von Lücken im System der offenere Umgang mit dem eigenen Wissen über die Welt und verdient den höheren Respekt. Das Delegieren jedweder Erklärungen an genannte Ideologen, das etwa Religion verlangt, ist ein blindes Nachbeten, anders als das (zumindest prinzipiell) kontrollierbare Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnisse. Leugnen kanonischen Wissens, wie es beispielsweise in den Fragen des Klimawandels oder der Evolution gang und gäbe ist, zeugt nur vom unreflektierten Anhängen an Ideologien wider ein besseres Wissen, das jedem zugänglich und überprüfbar wäre. Der Anspruch, mit solchen ideologischen Wunschträumen die Realität umfassend und lückenlos zu erklären, ist nachgerade lächerlich überzogen und naiv.

Ein bescheidenerer, aber realistischer Standpunkt ist der Folgende: Keine Erkenntnis kann jemals die vollständige Realität beschreiben, allein schon weil wir als Menschen dazu nicht in der Lage sind, jeden Aspekt zu erkennen und zu verstehen. Diese Beschränkung der Erkenntnisfähigkeit gilt aber für jedes Wesen, auch für solche, die wir für gottgleich halten. Die Hoffnung auf technische Hilfsmittel, um bei der geistigen Entwicklung unsere Grenzen zu sprengen, ist jedoch ebenso naiv und führt schlimmstenfalls dazu, diese technischen Artefakte auf einen gottgleichen Status zu heben. Demgegenüber zeugt es von pragmatischem Realitätssinn, Wissenslücken zu akzeptieren und einen offenen Umgang damit zu pflegen, auch wenn sie systemischer Natur sind.

Es ist also nur folgerichtig, sich als aufgeklärter Mensch einer solchen Haltung anzuschließen. Lücken im System sind nicht schlimm, sondern normal und ein Zeichen von gesundem Realismus. Auch und gerade wegen diesen Umgangs damit ist die wissenschaftliche Welterklärung vorzuziehen.