Eine (un-)bestreitbare Wirklichkeit

Warum es aller Wahrscheinlichkeit nach eine objektive Realität gibt

(Thomas Schall, März 2017)

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Abstract

Die Vorstellung, dass es eine objektive Realität außerhalb unseres Bewusstseins gibt, wird wenigstens von radikalen Konstruktivisten gern in Zweifel gezogen. Ein einfaches Wirklichkeitskonzept hat in solchen Diskussionen oft keinen Bestand. Der Text zeigt drei verschiedene Ebenen von Realität auf, die das Individuum überschreiten und die dafür sprechen, dass der radikale Zweifel an der Realität fehlgeleitet ist. Die Beziehungen zwischen diesen Ebenen werden aufgezeigt, warum und in welchem Grad sie Objektivität beanspruchen können, aber auch die Grenzen der menschlichen Erkenntnis über die objektive Wirklichkeit. Ihre Existenz ist nach dieser Darstellung nicht bloß die beste Arbeitshypothese, um in der wahrgenommenen Welt zurecht zu kommen, sondern der sinnvollste Schluss aus den Erkenntnissen, welche die Menschheit und besonders die Naturwissenschaften bisher erzielt haben.


Wenn Descartes sagt "Ich denke, also bin ich", dann hat er zwar zunächst recht, dass unser Bewusstsein sich nur seiner selbst, seines Denkens absolut sicher sein kann, da ihm alles andere vermittelt ist. Denn alles andere fußt auf unserer Wahrnehmung und die kann getäuscht werden. Konstruktivisten gehen sogar noch weiter und sagen, selbst die Begriffe unseres Denkens sind nur aus unserer Auseinandersetzung mit dem, was wir wahrnehmen, abgeleitet worden. Sowohl die zahllosen Belege für die Sapir-Whorf-Hypothese als auch die Erkenntnisse aus dem kindlichen Spracherwerb scheinen ihnen Recht zu geben. Aber der Schluss, dass es deshalb keine Realität geben mag, ist dennoch zu simpel. Auch wenn es immer eine mentale Repräsentation ist, was wir verarbeiten, so ist die Annahme, dass sie für alle auf derselben Wirklichkeit beruht, sinnvoll und vermutlich richtig.

Es mögen zwar keine Kategorie und kein Begriff universal sein, deswegen greift diese Beschreibung dennoch nicht: "Wenn es draußen regnet, wird der Rasen nass, egal ob wir das erkennen oder nicht, ja selbst wenn wir noch nicht einmal wüssten, was Regen ist." Regen, Rasen oder Boden und nass sind nicht zwingend in einem Umfeld und der jeweiligen Kultur darin relevante Kategorien so wie in unserer. In einer arktischen Umgebung gibt es vielleicht keinen Regen oder in einer dortigen Kultur gibt es nur Schneefall als Kategorie und der extrem seltene Regen ist darin subsumiert. Oder in einem immerfeuchten Regenwald mag es immer tropfen, der Boden ist also immer nass und es ist nur ein gradueller Unterschied, ob es oberhalb des Blätterdachs regnet. Wenn man auf die menschenzentrierte Sichtweise verzichtet, wird schnell klar, dass diese keine universalen Kategorien sind. Für Mücken sind die Regentropfen vermutlich Einzelereignisse, kein Massenphänomen. Für alle Bodenbewohner im oben genannten immerfeuchten Regenwald ist der Boden immer nass unabhängig von Regen. Ein kausaler Zusammenhang und die Kategorien wie eben beschrieben sind also von der Weltsicht abhängig. Schon innerhalb einer Kultur und ihrer spezifischen Weltsicht schaffen wir durch die Kommunikation und den damit weitergegebenen kulturellen Traditionen und Narrativen eine kulturell vermittelte bzw. kommunikativ verhandelte intersubjektive Realität, was in der jeweiligen Kultur einer objektiven sozialen Realität entspricht.

Darüber hinaus legt unsere persönliche Erfahrung nahe, dass es eine objektive Realität gibt, die über ein kulturell vermitteltes gemeinsames Kategoriensystem hinaus geht. Wir nehmen an ihrem Verhalten wahr, dass andere Menschen in grundsätzlich gleicher Weise mit der Welt interagieren und sie diese vermutlich daher auch in grundsätzlich gleicher Weise wahrnehmen. Kulturelle Unterschiede sind unter dieser etwas abstrakteren Betrachtungsweise nur Details bei gleichartigem Verhalten. Das ist aber auch eine zutiefst menschliche Realität, denn schon Ähnlichkeiten bei tierischem Verhalten amüsieren uns mehr, als dass uns das zum Anlass dient, deren in Teilen andere Realität zu untersuchen. Diese menschliche Realität - und hier zerfällt der Schluss der Konstruktivisten auf Basis von Descartes Erkenntnis - ist bestimmt durch unsere Biologie. Unsere Wahrnehmung mit ihren Sinnesorganen und der Verschaltung unseres Gehirns ist gleichförmig genug, dass wir unsere Umwelt in vergleichbarer Weise wahrnehmen und dass unser mentaler Apparat, diese zu verarbeiten und beispielsweise Kategorien zu bilden, ebenso vergleichbar wird. Dieser geistige Apparat wird jedoch auch nicht völlig uniform sein, was wieder Raum für die kulturellen Variationen zulässt.

Die Möglichkeiten der biologischen Ausstattung bilden die Grenze dessen, was wir mit unserer unmittelbaren Wahrnehmung an Zugang zu objektiver Realität haben. Es ist aber nicht der maximale Grad an Objektivität, der uns zugänglich ist. Hier kommen die Naturwissenschaften ins Spiel, die nur Methoden zulassen, die durch Wiederholbarkeit und Vergleichbarkeit einen höheren Grad Objektivierung erreichen. Das wird allerdings je nach Disziplin unterschiedlich gut erreicht, Physiker sind hierbei meist am besten, Mediziner und Sozialwissenschaftler oft weniger gut. Damit können sie auch auf früheren Erkenntnissen aufbauen und so das Wissen über eine objektive Wirklichkeit immer weiter ausbauen. Diese objektive, naturwissenschaftlich beschriebene, materielle Realität ist nicht nur die einzig sinnvolle Arbeitshypothese, es ist die einzig vernünftige Sichtweise. Die Alternative wäre die Vorstellung von radikalen Religionsanhängern, dass es eine Macht gäbe, die uns gezielt täuscht und beispielsweise Fossilien quasi gefälscht und vergraben, also manipuliert hat, so dass wir zu falschen Schlüssen gelangen. Die Vorgehensweise der Naturwissenschaften hat sich immer weiter entwickelt, mit dem Ziel, objektive Erkenntnisse zu erzielen, und sie hat dabei hohe Maßstäbe entwickelt. Wissen, dass nach den heutigen Maßstäben gültig ist, ist weitestgehend unabhängig von individueller Wahrnehmung und damit eine für uns maximal objektive Darstellung der Welt außerhalb unseres Bewusstseins. Die Ergebnisse moderner Naturwissenschaften verlassen sich seit Galileo nicht mehr rein auf die menschliche Wahrnehmung, sondern nutzen immer stärker technische Geräte, die Messungen vornehmen, welche prinzipiell losgelöst sind von unseren Sinneserfahrungen. Selbstverständlich müssen wir die Werte noch ablesen und die Messgrößen sind Kategorien, die wir zuvor mit unserem menschlichen Bewusstsein erschlossen haben. Jedoch hat die Messgröße eine konkrete Entsprechung in einer Wirklichkeit außerhalb unseres Bewusstseins. Andernfalls wäre sie nicht reproduzierbar, was ein zentraler Maßstab naturwissenschaftlichen Arbeitens ist. Dieser Rückgriff auf technische Messungen ist ein großer Schritt in Richtung Objektivität und nicht, wie den Naturwissenschaften auch heute noch vorgeworfen wird, ein Schritt, der in die Irrelevanz führt. Einwände mit dem Verweis auf die Quantenmechanik beruhen auch auf einem Missverständnis: Dort ist es nicht der Beobachter als menschliches Individuum, der bei einer Messung die Messgröße unausweichlich verändert, es ist die Messung selbst, die die angestrebte Messgröße beeinflusst. Die Abhängigkeit ist hier rein im Umfeld des zu Messenden, nicht im Umfeld desjenigen, der einen Messwert abliest. Da die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse auf wiederholbaren Messungen und Experimenten beruhen, sind sie wie beschrieben damit unabhängig und weitestgehend von unserer Wahrnehmung entkoppelt. Dadurch wissen wir heute mehr über diese wirklich objektive Realität als je zuvor, aber es gibt auch große Lücken, von denen wir früher gar nichts wussten. Dunkle Materie und dunkle Energie sind im kosmischen Maßstab noch Rätsel der Realität, Phänomene jenseits des Standardmodells sind momentan die Rätsel im subatomaren Bereich.

Mit dem bisher Gesagten wird hoffentlich illustriert, warum eine undifferenzierte - und nicht klar umrissene - Vorstellung von objektiver Realität in einer Argumentation bzw. Diskussion problematisch sein kann und evtl. von einem Gegenüber mit konstruktivistischer Herangehensweise demontiert wird. Ich habe hier bisher im Wesentlichen drei Ebenen entwickelt: eine intersubjektiv kulturell bestimmte, eine von unserer biologischen Ausstattung definierte und eine wirklich weitgehend vom Menschen unabhängige. Letztere ist uns von allen am schwersten zugänglich. Der Grad - oder wenigstens der Bezugsrahmen - von Objektivität ist für diese drei jeweils unterschiedlich, was natürlich auch die Nutzung in Argumenten für jede beschränkt, aber nicht ihre prinzipielle Gültigkeit im jeweiligen Zusammenhang.

So verschieden diese Realitätsebenen sind, so bauen sie doch aufeinander auf: Sozial vermittelte Realität verlässt sich auf die vergleichbare menschliche Wahrnehmung und unser prinzipiell ähnliches Denken, die nicht mehr von der Gesellschaft und Kultur vermittelt werden, sondern nur noch die biologische Ausstattung des Menschen voraussetzen. Diese wiederum stützen sich auf die physische Realität, deren Objektivität sich nicht auf trügerische Wahrnehmung bezieht, sondern durch reproduzierbare technische Messungen von menschlichen Beschränkungen prinzipiell frei ist. Es ist also ziemlich sicher, dass es jenseits unserer inneren mentalen Repräsentation eine objektive Wirklichkeit gibt, über die wir heute auch mehr wissen, als jemals zuvor. Einerseits müssen wir uns jedoch bewusst sein, dass wir in unserem Denken immer nur mit mentalen Repräsentationen arbeiten. Andererseits dürfen uns auch alle wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir auch vieles in dieser Wirklichkeit noch nicht kennen.

Das bisher Gesagte zeigt darüber hinaus auch die Grenzen unserer Erkenntnis über die Realität auf. Einerseits sind uns große Teile der bekannten Wirklichkeit nicht direkt mit unserer Sinneserfahrung zugänglich, da wir keinerlei geeignete Wahrnehmungsorgane für die Phänomene haben. Das sind beispielsweise elektrische Felder oder Magnetfelder, aber auch alle Objekte, die auf zu großen kosmischen oder zu kleinen mikroskopischen Skalen existieren. Niemand hat je ein Virus, ein Molekül, ein Quark oder aber einen Galaxienhaufen bzw. ein noch größere Superstruktur ohne Hilfsmittel gesehen, geschweige denn das Higgs-Feld, schwarze Löcher, dunkle Materie oder dunkle Energie. Doch auch jenseits der Objekte gibt es die Grenze dessen, was wir mit unseren Gehirnstrukturen überhaupt mental erfassen können. Auch in dieser Beziehung sind wir durch die Biologie, welche die Verschaltungen und Möglichkeiten unseres Gehirns festlegt, beschränkt darauf, was wir als Kategorien erkennen können und wie komplex diese für uns interagieren können. Selbst die Hoffnung, mit künstlicher Intelligenz diese Grenzen zu sprengen, trügt. Wenn eine solche künstliche Intelligenz wirkliche Erkenntnisse erzielt, die jenseits unserer Fähigkeiten liegen, sie zu verstehen, dann sind sie für uns irrelevant und wertlos, da wir sie eben nicht verstehen können. Wir werden also vermutlich niemals in der Lage sein, alles - also die Realität in ihrer Gänze - zu erkennen, sondern nur maximal alles zu erkennen, wozu wir mit unserer biologischen Ausstattung in der Lage sind, es zu erkennen. Selbst dabei ist zu erwarten, dass wir bedingt durch unsere Gehirnstrukturen Kategorien schaffen, die aus einer anderen Warte, die andere intelligente Wesen haben mögen, nicht zwingend sind, auch wenn sie uns durch unsere Perspektive natürlich erscheinen mögen. Es gibt also fast sicher eine objektive Realität, aber der Zugang dazu wird für uns als Menschen immer beschränkt bleiben. Die Wirklichkeit ist wohl auch ohne uns existent und vermutlich noch viel reicher, als wir es uns vorstellen können.

Sie ist aber da.


Anmerkung: Dieser Text entstand im Wesentlichen im Verlauf einer E-Mail Diskussion mit einem befreundeten Autor.