Vom Kerker in die Schlucht

Travelblog für 26.09.2016

Zum vorigen Tag


Wie so oft komme ich um neun in Biarritz los, ich habe dieses Hotel mit dem eigenen Parkplatz mitten in der Stadt sehr zu schätzen gelernt. Es ist jeden Cent wert, auch wenn das Zimmer minimal muffig war, wenn den ganzen Tag das Fenster zu war, aber das ist hierzulande bei den meisten bezahlbaren Hotels in älteren Gebäuden so. Und es kamen nachts bei offenem Fenster einzelne Stechmücken rein. Das hatte so drei bis vier Mückenstiche pro Nacht zur Folge, aber die waren oft klein und juckten meist nicht. Auch das kann man streng genommen dem Hotel nicht anlasten.

Saint Jean Pied de Port
Saint Jean Pied de Port

Das ist jetzt Geschichte und ich bin auf dem Weg nach Saint Jean Pied de Port, einem Ort am Fuß eines der leichtesten Pyrenäenübergänge - zu früheren Zeiten, als man auf Motorunterstützung verzichten musste. Wieder einmal ein mittelalterliches Städtchen an einem Flüsschen mit einer Zitadelle, die über allem thront. Letztere ist ein Schule, also für Erwachsene geschlossen. Man kommt nur bis zur Tür. Dort kommt aber auch der Rundweg vorbei, der zu großen Teilen auf der Stadtmauer verläuft. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Wieder unten drehe ich noch ein paar Runden auf der Suche nach dem Bischofspalast mit dem früheren Gefängnis, aber ich finde das nicht. Immerhin komme ich mehrfach durch den Kirchturm, der gleichzeitig als Brückentor fungiert. Darauf brauche ich einen Kaffee - und die zugehörige Toilette. Danach gebe ich klein bei und frage im Office de Tourisme nach, wo man mir bereitwillig Auskunft gibt. Ich bin schon einmal vorne am Eingang und ein weiteres Mal auf der Stadtmauer auf der Rückseite des Gefängnisses vorbeigelaufen. Von der Stadtmauer habe ich es sogar als interessantes Gebäude wahrgenommen. Also nichts wie rein, im Eingangsgeschoß ist eine etwas bemühte Ausstellung zu der Geschichte der Jakobswegwallfahrten, schließlich kommt der Jakobsweg hier vorbei. Da lerne ich auch, dass es eigentlich ein europaweites Netz von Pilgerwegen nach Compostella gibt. Logisch, wenn man darüber nachdenkt. Und einige der Wanderer auf der Straße waren offensichtlich am Jakobsweg unterwegs. Mich interessiert aber mehr das ehemalige Gefängnis. Das ist allerdings sehr simpel: ein großes dunkles Kellergewölbe mit nur einem kleinen Schlitz hoch in der Wand als einzigem Lichteinlass. In einer Ecke neben der steilen Treppe, die von oben herab führt ist, quasi eine gemauerte Einzelzelle mit einem eigenen kleinen Gewölbe. Dort drinnen in der Ecke und auf der anderen Seite der Treppe sind noch ein paar grobe alte Ketten in die Wand eingelassen. Abgesehen von einer ganzen Reihe Infotafeln war‘s das mit dem Kerker. Der geringe Eintritt ist gerechtfertigt, hätte aber nicht höher sein dürfen.

Saint Jean Pied de Port, Kerker im alten Bischofspalast
Saint Jean Pied de Port, Kerker im alten Bischofspalast

Danach geht es weiter über den Col d‘Osquich, immerhin 495 Meter über Normalnull. Noch ganz unten kommt mir eine Schafherde entgegen. Die sind aber zackig unterwegs und kurz stehenbleiben reicht aus. Am Ende fährt die Schäferin im Auto und scheint das so gut zu steuern. Der Abstieg vom Pass auf der Ostseite bietet dann auch noch spektakuläre Panoramen ins Flachland und in die Pyrenäen. Mein Ziel ist Mauléon, wo angeblich die meisten in Frankreich gefertigten Espandrilles herkommen. Dort sind aber die Bürgersteige hochgeklappt. Aber als ich mich nach der Runde durch den Ort mit dem Auto schon auf mein nächstes Ziel orientiere und durch das Gewerbegebiet komme, sehe ich noch einen Direktverkauf. Kurz und schmerzlos suche ich mir zwei Paar aus und habe das auch abgehakt. Der junge Mann, der mich abkassiert hat, macht dann auch erst mal Mittag und sperrt zu, als ich raus bin.

Gorges de Kakouetta
Gorges de Kakouetta

Jetzt kann ich zu den Gorges de Kakuoetta fahren. Diese Schlucht kostet Eintritt. Es ist zwar für anscheinend jeden zweifelhaft, ob der Weg vom Parkplatz zum Eingang auch der richtige ist, aber das haut schon hin. Das Billet gibt es in der Snackbar an der Theke und die Chancen, sich ohne durchzumogeln, wären wohl groß gewesen. Aber der Weg ist sicher aufwändig zu erhalten, da kann man seinen Beitrag leisten. Die Schlucht erfordert erst einmal einen steilen Hügel zu überwinden und ein paar hundert Meter danach geht es in einen unbeleuchteten Tunnel, das Licht von beiden Enden muss ausreichen. Raus kommt man in den engsten Teil der Gorges, der schon ziemlich eine Klamm ist. Da geht es an der Felswand auf einem Holzsteg durch. Von den Holzstegen kommen später noch mehrere. Nach der Klamm wird es ein wenig breiter, aber schon bald ist es wieder eng und man ist froh um die Holzstege. Weiter nach hinten ist die Schlucht wieder weiter, da sind die Wegabschnitte aber teils auch noch aus dem Fels gehauen. Ohne feste Schuhe ist man hier fehl am Platz, da es fast überall nass und glitschig ist und der Weg meist Felsboden hat. Gegen Ende des Weges ist ein recht spektakulärer Wasserfall, der aus einem kleinen Höhlenausgang in etwa zehn Metern Höhe aus der Felswand herausfällt - ein traumhaftes Fotomotiv, dem ich mich auch intensiv widme. Der Weg endet dann bald danach bei einer Grotte, aus der auch ein Bach herausfließt. Immerhin kann man etwa zehn Meter in die Grotte hinein gehen, dann ist sie gesperrt. Dort ist es zwar wunderbar kühl, aber die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, dass durch die moderate Anstrengung, diese wenigen Meter nach oben zu steigen, mir der Schweiß in dicken Tropfen über das Gesicht rinnt. Zurück muss man denselben Weg gehen, was aber angesichts der herausragenden Perspektiven, die man in dieser Schlucht bekommt, leicht zu verschmerzen ist: Wasserfall, Schlucht und Klamm sind auch am Rückweg noch beeindruckend.

Gorges de Kakouetta, Wasserfall
Gorges de Kakouetta, Wasserfall

Schon die Fahrt zu den Gorges ist beeindruckend: die Straße hat zwar immer einen Mittelstreifen, über ganze Strecken fragt man sich jedoch, wozu der den Belag schmückt. Es ist definitiv nur einspurig. Das macht aber nichts, denn beim Hinweg hatte ich überhaupt keinen Gegenverkehr und am Rückweg kamen mir genau zwei Autos entgegen, immer da, wo es wirklich zweispurig war. Es geht also nach Oloron-Sainte Marie, meinem heutigen Etappenziel. Da besuche ich zuerst einen sehr großen Supermarkt, denn ich will morgen wandern. Da will ich etwas Brotzeit einkaufen. Und endlich - zum ersten Mal - finde ich ein eingeschweißtes Stück Bayonnaiser Schinken, in einer Größe, die für mich auch gerade noch Sinn macht, ein echter Jackpot. Mit ein klein wenig Kreiseln finde ich auch das Hotel, das ich von Biarritz aus reserviert habe, checke ein und gehe sofort die Stadt erkunden. Der Reiseführer hatte recht, dass dieses Städtchen nicht viel zu bieten hat. Aber auf dem Berg ist eine kleine, aber für mich sehenswerte romanische Kirche, und auf der anderen Seite der Gave d‘Aspe ist die Kathedrale, die innen nur recht nett ist, aber ein wirklich herausragendes Portal mit zwei Figurenbögen hat, das abgesehen von der Darstellung mittelalterlicher Handwerke durch sehr drastische Darstellungen glänzt. Hier an der Kathedrale sehe ich auch das erste wirklich schöne Restaurant im Ort. Dem werde ich hoffentlich noch einen Besuch abstatten, denn ansonsten habe ich bisher nur Pizzaangebote gesehen und darauf habe ich nicht schon wieder Lust. Ich versuche, auf dem Rückweg noch durch Centre Ville zu laufen, aber immer, wenn ich ein paar Wegweisern gefolgt bin, zeigt bald einer in die Richtung, aus der ich kam. Das Zentrum ist hier wohl etwas eher Fließendes. Dann halt zurück ins Hotel und endlich geduscht.

Oloron Sainte Marie, Kathedrale, Portal
Oloron Sainte Marie, Kathedrale, Portal

Das Dinieren bei der Kathedrale klappt und ich bleibe zum Essen draußen sitzen. Ich habe zwar geringe Verständigungsschwierigkeiten mit der jungen Bedienung, aber am Ende klappt es dann doch jedesmal. Es gibt endlich einmal den berühmten typisch baskischen Eintopf als Entrée, dann Entenbruststücke von einem kleinen Spieß über einem Miniweinbrandfeuer in einem kleinen Eisengestell bzw. -trog auf einem Holzbrett und danach eine Blaubeer-Tarte. Nach einer kleinen Wartezeit bekomme ich auch noch einen Izarra, so heisst der giftgrüne Kräuterschnaps, der mich an Escorial grün erinnert. Ein traumhaftes Diner und danach wird es wirklich Zeit, zurück ins Hotel zu gehen, es ist auch inzwischen ein bisschen frisch geworden.


Zum nächsten Tag

Zur Übersicht