Wilde Ilse

Travelblog für Samstag, 23.04.2022

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In der Nacht habe ich immer noch die Nieren gespürt, daher habe ich mitten in der Nacht ein Ibuprofen genommen. Die Nacht blieb trotzdem unruhig. Daher lasse ich mir auch etwas Zeit, bis ich morgens aus dem Bett steige. Das kann ich mir leisten, denn ich habe gestern beschlossen, heute den Druck raus zunehmen und mit dem Museum für DDR-Design zu beginnen. Das ist in Wernigerode, öffnet aber nur am Samstag und Sonntag zwischen 10 und 14 Uhr. Es könnte eng werden, wenn ich die geplante Wanderung vorher machen will, also gehe ich zuerst dort hin und wandere danach, was bedeutet, ich muss erst um zehn da sein. Ich bin trotzdem nach der Dusche zur üblichen Zeit beim Frühstück. Dort bekomme ich erst einmal eine Warnung, dass ich heute zum Samstag für ein Abendessen unbedingt eine Reservierung brauche, egal wo. Ich bedanke mich, mache aber keine. Ich werde es trotzdem drauf ankommen lassen und erst recht spät losziehen. Zur Not gibt es wieder Döner. Wieder am Zimmer kann ich mich vorbereiten, habe dann aber noch immer eine Stunde Zeit, bis ich los muss. Eine Gelegenheit, mal etwas zu lesen.

Kurz nach halb zehn mache ich los, hole das Auto und fahre zum Luftfahrtmuseum, denn das Design-Museum ist direkt gegenüber. Ich parke auch beim Luftfahrtmuseum, denn nur da gibt es Parkplätze. Auch da bin ich der erste, denn auch das öffnet erst um zehn und es ist noch zehn Minuten vorher. Also spaziere ich auf der Straße rum und fotografiere die von der Straße einsehbaren Exponate des Luftfahrtmuseums. Zwei Minuten nach zehn gehe ich in die Ausstellung Form und Gestaltung in der DDR, wie sie streng genommen heißt. Mit dem freundlichen Herren an der Tür komme ich sofort ins Gespräch und es ist interessant. Wir reden über Design am Modell, den früher viel handwerklicheren Gestaltungsprozess und die geschichtliche Einordnung. Die gesamte Ausstellung sind nur zwei kleine Räume, die aber bis unter die Decke vollgepackt sind mit Alltagsgegenständen und Kleintechnik aus DDR-Zeiten. Als noch ein Pärchen reinkommt, sehe ich mir die Ausstellung allein weiter an. Er spricht auch mit denen ausführlich. Sie tragen Masken, wobei ich darauf verzichtet hatte, und dann trägt plötzlich auch der Mann vom Museum eine. Ich lass es erst einmal. Da Fotografieren unerwünscht ist, auch wegen Problemen des Urhaberrechtsschutzes, wenn Bilder ins Internet geraten, halte ich mich stark zurück und mache nur einzelne Bilder für mein persönliches Archiv. Am Ende führen wir unser Gespräch weiter, z.B. über Materialien und ihre Beschränkungen für den Designer oder die (Massen-) Produktion und das zugehörige Engineering, die ihm ebenso Einschränkungen auferlegen. Ich frage nach einem Katalog oder einer Spende, um diese Initiative zu unterstützen, und kann etwas in eine säulenförmige Spendenkasse stecken. Der Eintritt ist nämlich frei gewesen. Nach einer halben Stunde stehe ich wieder auf der Straße, es ist nun einmal klein.

Ilsetal: Ilse gegen Talausgang
Ilsetal: Ilse gegen Talausgang

Ich fahre nach Ilsenburg zum Nationalparkhaus und lande auch direkt auf dem gewünschten Parkplatz. Hier ist freilich ziemlich was los, immerhin ist es fast elf und wir haben Wochenende. Heute strahlt auch wieder die Sonne, als gäbe es kein Morgen. Ich mache mich wanderfertig und muss dann am Kassenautomat für das Parkticket erst einmal ein bisschen Schlange stehen. Es ist dann Punkt elf, als ich loskomme. Ich schaue auf der Handykarte, ob es Alternativen zur Fahrstraße das Ilsetal hinauf gibt und finde so einen Weg, der trotz allem recht ruhig ist. Außerdem bin ich da gleich mal an der Ilse, dem Fluss in diesem Tal, der oben am Brocken entspringt, in der Nähe der Brockenkinder, wo ich am Mittwoch war. Das mit der Ruhe wird sehr bald anders, als dieser Weg auf der Straße heraus kommt und der Pfad kurz danach erneut abzweigt. Von nun an treffe ich in kurzer Folge auf Wandergruppen, was auch keine Überraschung ist. Es geht die Ilse hinauf, die auch hier unten ein recht wilder Bergfluss ist und das mit jedem Stück zu den Ilsefällen ein bisschen mehr wird.

Ilsetal: Ilse auf halbem Weg zu den Ilsefällen
Ilsetal: Ilse auf halbem Weg zu den Ilsefällen

Ich kreuze erneut die Forststraße und kann in den Bremer Weg einbiegen, der zur Bremer Hütte etwas oberhalb der Fälle führt. Nicht jeder nimmt den. Es bleibt gut besucht, ist aber zeitweise auch etwas ruhiger. Eine Familie bleibt an einer Stelle hängen, wo viele schon Steinpyramiden aufgebaut und ausbalanciert haben. Da der Fluss recht wild ist, geht es erkennbar bergauf, auch wenn der Weg im Flusstal bleibt. Es gibt in diesem malerischen Tal schon immer kleinere Stufen, über die das Wasser hinab fällt, was von mir freilich auch fotografisch festgehalten wird. So komme ich zuerst am Heinrich-Heine-Gedenkstein vorbei und später an den Oberen Ilsefällen, wo der inzwischen erkennbar schmälere Fluss ca. fünf Meter fällt.

Ilsetal: Ilsetal: Obere Ilsefälle, oberster Teil
Ilsetal: Obere Ilsefälle, oberster Teil

Oberhalb sind "nur" noch kleinere Stufen, die aber wegen der breiteren, waagrechten Ausrichtung eine eigene Anmutung entwickeln, gerade auch weil hier ober der Wald fehlt, vermutlich wegen Schäden. Es erinnert entfernt an den Yosemite, wo es auch ganz verschiedene Anmutungen im tiefen Tal und auf der Hochebene von Tulomne Meadows sind, hier hat es freilich viel kleinere Dimensionen. Im Tal war es hier Buchenmischwald, während es hier oben auf über 500 Metern viel offener ist. Sehr bald nach den Fällen komme ich zur Bremer Hütte, die nur eine Schutzhütte ist. Hier machen einige Wandergruppen Brotzeit, ich biege nur ab und verlasse den Weg, der eben auch Aufstieg zum Brocken ist. Der Brocken bietet von dieser Kreuzung aus zudem einen hervorragenden Anblick. Hier im Offenen merkt man auch, dass der kalte Wind, der talabwärts oft südlich vom Brocken her wehte, eigentlich ein kalter Wind aus Nordost ist. Inzwischen spüre ich die rechte Niere auch schon etwas wieder deutlich, die linke gibt Ruhe. Mein jetziger Weg ist eine Forststraße, aber viel ruhiger, anscheinend orientieren sich viele zum Brocken hin. Auch für mich geht es noch ein Stückchen hinauf, bevor es recht eben weiter geht. Als man hier am Unteren Gebbertsberg einen Aussichtspunkt auf einer kleinen Felsklippe ersteigen kann, nehme ich die Gelegenheit freilich war, Nierenschmerzen hin oder her.

Ilsetal: Brockenblick vom Unteren Gebbertsberg
Ilsetal: Brockenblick vom Unteren Gebbertsberg

Als ich aufsteige, kommen mir zwei Frauen mit einem Hund entgegen, der sich trotz seiner Größe anscheinend noch in Erziehung befindet. Hier ist das Altholz von den Schäden teils einen Meter hoch am Boden, doch der Pfad zur Aussicht ist gut frei gemacht. Hier oben sind es oft Lärchenwälder, so dass manche Bäume, die noch stehen, gerade in Schadensbereichen, wie Skelette aussehen, auch wenn sie noch gesund sind. Man sieht an vielen davon, wie sie gerade eben die neuen Nadeln der Saison austreiben, was man bei den jungen Bäumen am Wegrand aus der Nähe betrachten kann.

Ilsetal: Junge, austreibende Lärche
Ilsetal: Junge, austreibende Lärche

Ich genieße erst den Ausblick von der Klippe auf den Brocken und gehe dann die Forststraße, die Jägerstieg heißt, weiter. An einer Abzweigung treffe ich die Damen mit Hund wieder und gehe an ihnen vorbei. Nach hundert Metern merke ich, dass ich mit dem Verbleib auf dem Forstweg auf den Krummen Weg gekommen bin, einen Abstieg, den ich nicht nehmen wollte. Also wieder zurück hoch und den Abzweig genommen, der weiter der Jägerstieg ist und auch mehr die Anmutung eines Wanderpfades hat. Ich werfe auch ein Aspirin ein, in der Hoffnung, den Schmerz etwas zu mildern. Nach kurzer Zeit hole ich die Damen erneut ein und überhole sie. Bald darauf bin ich am Waldgasthaus Plessenburg, wo ich überrascht feststelle, dass es draußen und drinnen einige freie Plätze hat. Ich hätte nichts gegen eine Einkehr. Als ich die Karte der Selbstbedienung sehe, stelle ich auch fest, dass mich vom Angebot nichts anmacht, also gehe ich doch weiter.

Ilsetal: Blick über die Paternosterklippe nach Norden aus dem Harz hinaus
Ilsetal: Blick über die Paternosterklippe nach Norden aus dem Harz hinaus

Es ist zunächst wieder ein offener Bereich, klar erkennbar wegen Schäden und geht recht schnurstracks zur Paternosterklippe. Da auch so mancher unterwegs ist, finde ich keine Gelegenheit, mich einmal zu erleichtern. Dafür entschädigt ein wunderbarer Brockenblick.

Ilsetal: Blick über die Paternosterklippe nach Süden auf den Brocken
Ilsetal: Blick über die Paternosterklippe nach Süden auf den Brocken

Noch eine lange Kehre durch ein Seitental und ich bin am Ilsestein. Die dortige Verpflegungsstation hat gar nicht erst auf, es ist vielleicht für sie noch Vorsaison. Der Ilsestein selbst ist ein langgezogener Felsrücken mit vielen Aussichtsgelegenheiten, teils sogar etwas abgesetzten Bänken, von dem aus man in der einen Richtung den Brocken, in der anderen Ilseburg mit der dahinter liegenden Ebene sieht. Kein Wunder, dass hier gerne Leute herkommen. Die Felsformation oberhalb heißt wohl Adlerklippe. Ich gehe also weiter, den Forstweg hinab. Leider kann ich nicht den Eselsstieg, der parallel oberhalb verläuft, nehmen, weil es keine Verbindung zu meinem geplanten Abstieg gibt. Mein Weg ist jedoch auch ganz erträglich und ich habe hier im Buchenwald endlich Gelegenheit, mich zu erleichtern. Es ist wieder in einem offenen Geländebereich mit Schäden, wo der Pfad meines Abstiegs abzweigt, doch er ist sauber freigemacht, so dass er wirklich gut begehbar ist, auch wenn schon mal einiges Holz rumliegt. Ich navigiere jetzt mit der Handykarte kleinteilig, aber erfolgreich, denn ein kleines Stück ist dort als mittelschwerer, schlecht erkennbarer Pfad vermerkt. Der Abschnitt ist aber wichtig, damit ich keinen Umweg zum Parkplatz machen muss. Die Abzweigung finde ich auch ganz leicht und der Weg ist eigentlich ganz gut. Nur der letzte Abschnitt den Hang direkt hinunter bis ans Flussufer ist etwas steiler und schwieriger, aber kein Problem. Ich denke, diese Kategorisierung soll auch Leute davon abhalten, den Weg zu nehmen. Nicht weit ist eine kleine Brücke über die Ilse und dann bin ich schnell auf der Straße vor dem Nationalparkhaus, wo es nur noch zweihundert Meter zum Parkplatz sind.

Ilsetal: Panorama am Ilsestein
Ilsetal: Panorama am Ilsestein

Ich rüste ab, schon in dem Wissen, dass ich morgen wieder mein ganzes Gepäck in den kleinen Kofferraum vom Corsa packen muss. Das waren jetzt dreieinhalb Stunden Wanderung, es hätte also auch mein ursprünglicher Plan geklappt, erst morgens früh diese Wanderung zu machen und dann ins Design-Museum zu gehen. Dann wäre es vielleicht ruhiger gewesen, sicher aber auch kälter. Es hat schon alles gepasst, außer der Niere. Ich fahre mit eingeschalteter Sitzheizung los. Nach wenigen hundert Metern sehe ich eine Gaststätte, deren Name derselbe ist wie der Titel des heutigen Blogeintrags. Den Titel hatte ich mir allerdings schon zu Anfang der Wanderung überlegt, ohne die Gaststätte auf der Anfahrt wahrgenommen zu haben. Es geht direkt zurück nach Wernigerode und bin kurz vor drei am Zimmer. Das ist erfreulicherweise schon gemacht, also rasiere ich mir den Schädel erst einmal mit einem der gestern erstandenen Einwegrasierer. Mit einem neuen Gerät mit scharfen Klingen wuppt das super, ich muss nur besser aufpassen, mich nicht zu schneiden, Schnittwunden am Kopf sehen immer sehr brutal aus. Danach gibt es eine ausgiebige heiße Dusche, was der Niere gut tut. Dann leg ich mich ein bisschen hin, nicht mehr in verschwitzten Sachen, was ihr auch sehr gut tut. Als ich wieder aufstehe, ist es etwa halb sechs, ich räume eine Zeit lang lustlos an meinem Gepäck herum und fange dann an, am Travelblog zu schreiben. Als ich damit für den Tag durch bin, ist es halb acht durch. Da mache ich mich in aller Ruhe fertig und ziehe los, in der Hoffnung auch ohne Reservierung ein Abendessen zu bekommen.

Ich habe im Kopf eine ganze Liste von möglichen Places to eat, aber die schrumpft. Der Asia-Bowl-Laden hat abends oder samstags wohl zu, ein anderes erscheint mir zu schnieke, so dass ich noch nicht mal frage. Ich erinnere mich an einen Italiener, finde den aber nicht da, wo ich meine. Da fällt mir ein, dass er evtl. in der Parallelstraße ist, und ich gehe da hin. Da finde ich ihn auch, frage nach einem Tisch und bekomme sofort einen. Punkt acht sitze ich am Tisch. Es geht zwar alles nicht total superfix, funktioniert aber trotzdem von Anfang bis Ende gut. Die Pizza Diavolo ist gut, recht groß, hat etwas viel Mozzarella und etwas wenig scharf. Sie ist aber wirklich lecker. Selbst der Grappa und Zahlen danach klappt gut. Um Viertel nach neun bin ich am Rückweg und bekomme noch ein schönes Bild vom Schloss mit dem Handy hin, mit der Nachtaufnahmefunktion und Digitalzoom. Es ist noch nicht lange her, dass so etwas völlig undenkbar war. Um halb zehn sitze ich schon wieder am Zimmer und schreibe das Travelblog für den Tag fertig. Im Fernseher läuft "Bad Moms".


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