Im Nebel des Thüringer Waldes

Travelblog für Montag, 25.04.2022

Zum vorigen Tag


Ich bin zur üblichen Zeit wach und als ich aus dem Fenster sehe, sehe ich nichts. Es hat Nebel. Ich lasse mir deswegen extra Zeit, aber Routine bleibt Routine und deswegen bin ich um Viertel vor acht beim Frühstück. Ich bekomme denselben Tisch wie am Vorabend, die haben womöglich eine feste Zimmerzuordnung. Das Buffet ist im Nebenraum, eigentlich auf mehrere Nebenräume verteilt. Es ist nicht nur gut sortiert und groß, sondern auch wirklich recht weit verteilt. Ich muss suchen und um die Ecke finde ich dann Brötchen, nachdem mein Teller schon vollgemacht ist. Später höre ich mit, dass das auch anderen so geht. Hier gibt es auch Lachs, was ich in den letzten Tagen nicht hatte. Klar, dass der auch auf dem Teller landet. Auch die Möglichkeiten, sein Müsli zusammenzustellen, sind besonders vielseitig, wenn man sie mal alle wahrgenommen hat. Ich nehme Rice Pops und Cornflakes mit Milch, etwas Heidelbeersojajoghurt und ein paar eingemachte Sauerkirschen. Eine sehr gute Wahl! Zum Schluss nehme ich sogar noch ein Minicroissant mit Pflaumenmus. Auch dieses umfangreiche Frühstück ist einmal zu Ende. Beim Weg aufs Zimmer fällt mir wieder punktuell ein eigener Geruch auf. Sie verwenden hier wohl teils Putzmittel, die bei mir allein als altmodisch und etwas muffig abgespeichert sind, denn nichts hier gibt echten Anlass zur Kritik, vielmehr ist der umfangreiche Holzeinsatz eine sehr gelungene Besonderheit. Viertel nach acht bin ich wieder auf dem Zimmer, was jede Menge Rüstzeit bedeutet. Es macht gar keinen Sinn, vor neun loszufahren.

Um Punkt neun verlasse ich das Zimmer und fahre los. Es tröpfelt und der Nebel ist sogar recht dicht, was beim Fahren deutlich auffällt: Es sind nur gut fünfzig Meter Sicht. Meine Idee, gleich oben aus Oberhof raus und den Ort auf der Landstraße zu umfahren, stellt sich als Mist heraus. Ich stehe an einer Baustellenampel. Die Baustelle ist dann genau zur anderen Abfahrt nach Oberhof zu Ende. Wenigstens musste ich nicht lange warten. Der Parkplatz beim Rennsteiggarten ist gut ausgeschildert, riesig und praktisch völlig leer. Ich parke beim Parkscheinautomaten, ziehe dann aber keinen, denn es gibt nur Tagestickets und da lass ich es heute drauf ankommen, im Regen und für eine Stunde oder so. Ich hatte schon gestern herausgefunden, dass der Rennsteiggarten, ein eher alpiner botanischer Garten hier auf der Höhe des Thüringer Waldes noch zu ist. Er öffnet erst kommenden Samstag, ich bin ein paar Tage zu früh.

Schützenbergmoor: Im Nebel
Schützenbergmoor: Im Nebel

Aber hier wollte ich auch einen Spaziergang zum Schützenbergmoor machen, wo es auch einen Naturlehrpfad gibt. Das sind nur etwa zwei Kilometer vom Parkplatz, das sollte auch im Regen zu schaffen sein. Ich gehe um Viertel nach neun los, wieder im Anorak mit Wollmütze und Handschuhen, aber heute auch unter dem Regenschirm. Es geht zuerst leicht bergauf den Rennsteig entlang, dann zweige ich ab bei Stein 16, einem Grenzstein, und von da an ist es gut ein Kilometer praktisch eben. Hier oben hat es auch noch Schneereste und ab Stein 16 ist der Weg fast komplett schneebedeckt, aber rechtes Winterfeeling kommt nicht mehr auf. Der Schnee ist hart, verharscht und teils vereist, so dass man schon auch aufpassen muss, nicht auszurutschen. Makellos schneeweiß ist da auch schon lange her. Immerhin die vielleicht letzte Gelegenheit vor dem Sommer, in den Schnee zu pinkeln. Am Start des Naturlehrpfades durch das kleine Moor stehen ein paar Infotafeln über Kreuz unter einem kleinen Dach. Das ist sehr nett gemacht und bei dem Wetter auch praktisch. Neben den Moorthemen gibt es auch eine Info zu dem Holzsteg, der zuerst Mitte der Neunziger gebaut wurde, aber 2010 wegen schlechten Zustands abgerissen werden musste. Zwei Jahre später hatten sie die Finanzierung beisammen, so dass der heutige gebaut werden konnte. Der macht noch einen sehr zuverlässigen Eindruck.

Schützenbergmoor: Schnee am Rand des Moors
Schützenbergmoor: Schnee am Rand des Moors

Dank der Tafeln am Anfang sind auf der Stegrunde nur kleine Täfelchen, die über die Namen einzelner Pflanzenarten informieren, so dass man das Moor schön genießen kann. Irgendwie ist dafür heute auch das richtige Wetter. Nach der Runde auf dem Steg und einem zweiten kleinen Stopp bei den überdachten Tafeln mache ich mich auf den Rückweg, genauso, wie ich hergekommen bin. Nach etwas mehr als einer Stunde bin ich zurück am Parkplatz, gehe aus Neugier zum verschlossenen Tor des Rennsteiggartens, es sind ja nur zweihundert Meter, aber danach fahre ich weiter.

Schützenbergmoor: Holzsteg durch den Wald am Ende der Runde
Schützenbergmoor: Holzsteg durch den Wald am Ende der Runde

Ich will nach Zella-Mehlis, da gibt es ein kleines Technikmuseum. Dafür geht es den Berg runter Richtung Autobahn, aber ich zweige schon zum Bahnhof Oberhof ab. Das müsste eine Abkürzung sein, es ist auf jeden Fall eine kleinere, ruhigere Straße, nur direkt hinter dem Bahnhof ist sie blockiert. Ein Bagger lädt einen Sattelschlepper ab und damit ist die Straße komplett versperrt. Die arbeiten und ich habe Urlaub, also drehe ich um und fahre die andere Route, bei der man unmittelbar vor der Autobahnauffahrt auf die kleine Straße abbiegt. Da ist sie gleich mal einspurig, führt mich aber direkt zum technischen Museum Gesenkschmiede. Ich stelle das Auto ab und versuche reinzukommen. Man muss an einer Schnur ziehen und so klingeln, dann wird einem aufgetan. Der offensichtlich Einzige hier macht mir auf, kassiert und erklärt mir noch fünf Minuten die Grundlagen. Dann schickt er mich allein weiter auf den Rundgang.

Gesenkschmiede: Schmiedeplatz
Gesenkschmiede: Schmiedeplatz

Ich bin der einzige Besucher. Das Gebäude war ursprünglich eine Sägemühle, wurde dann aber im 19. Jahrhundert in eine Schmiede umgebaut. Diese erwarb schon früh sogenannte Brettfallhämmer, die zum Formen von Eisenteilen durch einen fallenden Hammer, der mit einem Brett hochgezogen wird, verwendet werden. Sie haben sechs davon, der älteste von 1867 aus USA importiert. Daneben sind da alle möglichen Maschinen, um die Formen, die in den Hammer kommen, herzustellen. Natürlich sind da auch massig solche Formen und alles weitere, was in einer Schmiede so gebraucht wird, auch für das Freiformschmieden. Es ist so herrlich vollgestopft in einem nicht allzu großen Gebäude, so wie ich es aus vielen kleinen Museen kenne. Dazu klärt dann die kleine Ausstellung über viele Aspekte des Schmiedens und der Metallverarbeitung und ihrer Geschichte in Zella-Mehlis auf. Am Schluss wartet ein kleiner Film, der hervorragend gemacht ist. Eigentlich mag ich sowas nicht, er ist mit etwa zwanzig Minuten recht lang, aber ich sehe ihn mir trotzdem ganz an. Er ist etwas zwischen einem Imagefilm für Zella-Mehlis und einer soliden Dokumentation über speziell die Industriegeschichte der Stadt, besonders auch der Metallverarbeitung und was aus dieser Stadt stammt, von Firmen und Produkten über Erfindungen bis zu Personen der Industriegeschichte. Das ist nicht nur interessant, sondern auch toll aufbereitet und nicht zu anbiedernd.

Gesenkschmiede: Brettfallhämmer
Gesenkschmiede: Brettfallhämmer

Als ich das Haus verlasse, gebe ich dem Mann vom Dienst auch entsprechend positives Feedback. Da ich trotzdem auf die Schnelle kein weiteres Ziel für mich in Zella-Mehlis identifizieren konnte, fahre ich zurück nach Oberhof. In der Hoffnung, dass sie den Sattelschlepper abgeladen haben, nehme ich die Route über den Bahnhof. Meine Hoffnung wird erfüllt und ich komme durch. Nun stehen sie hintereinander, anscheinend versuchen sie, den Bagger wieder auf einen anderen Sattelschlepper aufzuladen. Da komm ich durch. Hier rund um den Bahnhof hat die kleine Straße aber noch mehr Schlaglöcher, als auf dem Anstieg zur Landstraße. Dort kommt mir noch ein Linienbus entgegen, den ich brav zuerst durchlasse. Und auch oben am Berg vor der Baustelle komme ich gut runter in die erste Abfahrt nach Oberhof rein. Die Ampelschlange ist so kurz, dass sie nicht die Abzweigung blockiert, was durchaus drin wäre.

Gesenkschmiede: Riemenantriebe hinter den Brettfallhämmern
Gesenkschmiede: Riemenantriebe hinter den Brettfallhämmern

Zehn nach zwölf bin ich am Hotel, hole mir an der Rezeption gegen kleine Gebühr eine Badetasche für die Sauna und gehe erst einmal wieder los. Es hat aufgehört zu regnen, da ist noch ein kleiner Waldspaziergang drin. Erneut im Anorak mit Strickmütze und Handschuhen, aber noch wird der Regenschirm nicht aufgespannt. Ich gehe direkt vom Hotel hoch zum Waldlehrpfad am Schloßbergkopf, folge diesem aber nicht, sondern gehe parallel zum Ortsrand auf die Landstraße zu, die ich bei einer Brücke unterquere. Dort muss ich bei der Auswahl an Wegen den richtigen zum Löffelbühlfelsen heraussuchen, wo mein aktueller Plan endet. Es regnet nicht, aber damit ist das Wetter gar nicht so schlimm für einen Waldspaziergang. Der Nebel ist auch lichter, die Sicht ist etwas besser, aber alles ist nass und steht im Saft. Den Löffelbühlfelsen finde ich auch ganz locker, die Aussicht ist aber dennoch sehr verhangen, man sieht nur dreihundert Meter weit. Die Schneise im Wald vom Felsen aus dürfte bei anderem Wetter einen Blick auf den Schneekopf bieten. Ich schau auf der Handykarte, was ein sinnvoller Rückweg wäre und sehe einen Weg parallel unterhalb zurückgehen, der bei der südlichen Abfahrt von der Landstraße in den Ort rauskommt. Damit kann ich zu Fuß durch den Ort und nach Gelegenheiten zum Abendessen schauen. Auch dieser Weg ist leicht zu finden, und ich komme über die Allee der Kinder zur Landstraße, kann direkt bei der Baustellenampel rüber und gehe gemütlich durch den Ort hoch zum Hotel. Dabei stelle ich fest, dass es ohne Regen weitaus weniger trostlos ist, als ich gestern dachte. Es gibt auch deutlich mehr Bewirtungsbetriebe, als ich gestern wahrgenommen habe, doch ein Teil sind Cafés, die um sechs schließen, manche haben Montag Ruhetag, so dass am Ende drei Kandidaten übrigbleiben: schick, italienisch oder bodenständig regional. Das entscheide ich, wenn ich später losziehe. Erst gehe ich ins Hotel und mach mich direkt saunafertig, wozu habe ich mir ein Wellness-Hotel ausgesucht?

Thüringer Wald: Panorama im feuchten Wald
Thüringer Wald: Panorama im feuchten Wald

Ich gehe um zehn nach zwei hinunter in den Wellnessbereich, brauche für Einlass meinen Zimmerchip und versuche, mich zu orientieren. Der Nacktbereich mit den verschiedensten Saunen ist schnell gefunden, aber der hat keinen direkten Zugang zu einem Ruhebereich. Egal, erst mal kurz den Schweiß abduschen und ein erster Saunagang. Da bleibe ich volle fünfzehn Minuten in der finnischen Sauna, dann kalt abduschen, abtrocknen und den Ruhebereich suchen. Der ist auch gleich gefunden und noch angenehm leer. Er ist aber sehr viel kleiner als der von dem Hotel im Bayerischen Wald letzten Herbst. Hier ist auch noch eine finnische Aufguss-Sauna. Ich nehme mir eine Liege und fange an, weiter in meinem Buch zu lesen. Nach einem Kapitel gehe ich auf einen zweiten Gang in die finnische Sauna von vorhin. Buch und Badetasche lasse ich zurück bei der Liege. Ich bin Deutscher, da reserviert man Liegen. Wieder in der finnischen Sauna starte ich die andere Sanduhr, aber irgendwann fällt mir auf, dass die bei fünf Minuten hängen blieb. Ich starte die zweite Sanduhr, schließlich bin ich auch beim zweiten Gang wieder allein in der Sauna. Die macht ihren Job, nach drei Minuten mache ich einen Aufguss und nach so sieben Minuten gehe ich raus, beides auf der zweiten Sanduhr. Damit war ich wohl auch so knapp fünfzehn Minuten beim zweiten Gang drin. Nach dem Duschen zurück im Ruheraum ist das nächste Kapitel dran. Ich unterbreche es kurz, weil ich das Aromadampfbad anstellen möchte, aber das hat schon jemand getan und die Tür schließt nicht richtig. Komisch, vorhin war sie zu. Nach dem Kapitel gehe ich wieder in den Nacktbereich, jetzt steht die Tür vom Aromadampfbad richtig offen. Ich mache sie mit etwas Druck richtig zu, aber an reingehen ist so nicht zu denken. Also gehe ich in die Bio-Sauna, die nur fünfzig Grad, aber eine hohe Luftfeuchtigkeit von 60 Prozent hat. Da kommt man auch ins Schwitzen. Hier funktioniert die Sanduhr gleich und nach gut zehn Minuten gehe ich raus, dusche zuerst kalt und dann ein bisschen wärmer mit Einseifen. Danach kommt noch eine kleine Ruhephase, in der ich mich am Handy um die Organisation für morgen kümmere und dann geht es hoch aufs Zimmer. Da bin ich dann nach zwei Stunden Wellness ein Stückchen nach vier. Ich hole mir gleich im Reinkommen einen Tee, ziehen mir frische Sachen an und räume schon etwas am Gepäck herum. Kurz vor halb fünf fange ich an, am Travelblog zu schreiben, und kurz nach sechs ist es auf aktuellem Stand.

Als ich um Viertel nach sechs losgehe, ist es draußen trocken, eine Premiere für heute. Ich habe trotzdem Lust auf bodenständig regional. Das ist zufälligerweise auch das nächstliegende, was mir beim aktuellen Wetter eigentlich egal wäre. Ich kriege sofort einen Tisch, der gerade sauber gemacht wird. Das regionale Pils ist nach einem Blick in die Karte gesetzt und beim Essen wird es auch besonders typisch: Zwei Thüringer Bratwürste. Sie hatten mich bei der Info, dass eine vom Schwein, die andere aber vom Wildschwein aus eigener Produktion ist. Es dauert ein kleines bisschen, es wird also alles frisch zubereitet. Zu den Bratwürsten gibt es ein traumhaftes Sauerkraut, so wie Pommes frittierte Streifen von Thüringer Klößen und, fast ein Wunder, wirklich genug Senf. Fast unnötig zu sagen, dass alles davon traumhaft gut ist. Die vom Wildschwein schmeckt mir wirklich am besten. Während ich esse, sehe ich durch die halb abgeklebten Fenster raus, und meine zu sehen, dass die Sonne scheint. Danach gibt es einen Hausbrand, einen sehr weichen, milden Waldbeerenbrand, so süßlich, dass ich meine, er ist mit Honig versetzt. Die Farbe legt das aber nicht nahe, die sind ja oft gelblich. Egal, auch der Service passt, das gibt ein schönes Trinkgeld. Um zwanzig nach sieben stehe ich wieder auf der Straße und sehe, das mit der Sonne vorhin kann schon stimmen. Ein guter Teil des Himmels ist jetzt blau und man kann deutlich erkennen, in welcher Richtung die Sonne untergeht. Da kann sie auch mal ein paar Minuten durchgekommen sein. Ich gehe aufs Zimmer, bringe noch schnell meine Badetasche zurück zur Rezeption und hole mir einen Früchtetee. Anschließend wird das Travelblog fertig geschrieben und nach der Tagesschau ist Star Trek Abend auf Tele 5 mit Discovery.


Zum nächsten Tag

Zur Übersicht