Ein weiter Weg

Travelblog für 21.05.2017

Die Reise fängt früh an: Ich stehe um 5 nach 5 auf, sogar noch eine Viertelstunde bevor ich meinen Wecker gestellt habe. Aber ich bin wach, will noch die drei Gläser spülen, die seit gestern angefallen sind, und so erreiche ich vielleicht eine frühere S-Bahn. Knappe eineinhalb Stunden später sitze ich auch in der S-Bahn zum Flughafen. Das ging ohne Stress, aber ich musste auch kaum auf die Bahn warten, es hat gerade so gepasst.

Am Flughafen finde ich heraus, dass es inzwischen ganz schön kompliziert ist, auf einen Flug in die USA zu kommen: Das Gepäck muss ich an einem Extra-Schalter aufgeben, mit der komfortablen Selbstbedienungsgepäckaufgabe der Lufthansa geht es gar nicht. Noch bevor ich mich anstellen darf, werde ich schon gleich mal zu meiner Reise befragt und darf meinen Pass vorzeigen - zum ersten Mal. Die Befragung stellt eigentlich im Wesentlichen dieselben Fragen, die ich schon am Vortag beim Online-Check-in von United Airlines beantworten durfte - auf gefühlt einem Dutzend Web-Formularen. Das Gepäckaufgeben selber ist fix. Bei der Sicherheitskontrolle werfen sie einen kurzen Blick auf Pass und Bordkarte, wie immer, aber sie haben jetzt neue Körperscanner! Der warnt vor meinem Knie, weshalb ich mich da eine halbe Sekunde befummeln lassen muss. Dann geht's zur offiziellen Passkontrolle. Die automatisierte Variante mag es nicht, dass ich jetzt einen Bart habe - im Unterschied zu damals vor neun Jahren, als er ausgestellt wurde. Da hilft es gar nichts, dass ich der einzige Kunde bin. Deswegen darf ich beim Grenzschützer vorsprechen, der froh ist, so früh auch mal was zu tun zu haben.

Im Terminal finde ich heraus, dass es auf dem Weg zum Gate nochmal Sicherheitskontrollen geben wird, also geh ich erst einmal Kaffee trinken. Der erste Laden will mir keinen servieren, schliesslich sind sie ein Restaurant! Da ist zwar Sonntag morgen vor acht auch nicht gerade die Hölle los, aber dann setze ich mich nebenan rein, wo sie weniger kompilziert sind. Nach zwei Caffé latte geh ich dann doch zum Gate, aber nicht ohne bei der Sicherheitssperre meinen Pass noch zweimal begutachten zu lassen. Nachdem ich fünf Mal meinen Pass vorzeigen durfte, sitze ich am Gate und warte aufs Einsteigen.

Das Einsteigen zelebrieren die Amerikaner von United klassenverliebt wie immer: Es gibt Pre-boarding und fünf Boarding Groups, die schön nacheinander kommen. Der Flug selber ist zwar gut elf Stunden lang, aber höchst unspektakulär. "Chicken or Pasta?" wie immer - ich kann mich noch an die Zeiten einnern, als das auch in der Economy Class anders war - und mein Sitznachbar schläft bis zur Hälfte, und später nochmal. Ich muss mir aber zeigen lassen, wie man die Leselampe einschaltet. Es ist mir neu, dass sich der Schalter im Menü des Entertainment-Systems versteckt. Ich habe auch keine einzige eingeschaltet gesehen, bevor meine geleuchtet hat. Die Stewardess muss mich auch auf eine fast versteckte Toilette aufmerksam machen, weil ich nicht noch einmal mehr ums Eck geschaut habe... Später schau ich mir "Passengers" an, wie (un-) passend. Nur die Landung in Houston ist ziemlich ruppig, das schwankt ganz schön und sanft aufsetzen ist anders. Das scheinen die Nachwehen eines Gewitters zu sein.

Der Weg zu Immigration ist lang wie so oft und dann muss man sich am Automaten ausweisen. Das klappt aber bei mir hier trotz Bart anscheinend ziemlich gut, denn ich darf in die Express-Schlange. Da stehen nur zwei Beamte an je einem Pult und es geht ratzfatz, nach ein paar Minuten des Wartens ist das in einer halben Minute durch und ich bin drin in den Staaten. Jetzt also den Koffer holen und durch den Zoll - die interessieren sich irgendwie für niemanden, also auch nicht für mich - und den Koffer gleich wieder abgeben. Es geht zur nächsten Sicherheitskontrolle, aber auf dem Weg dorthin darf mich ein Hund beschnüffeln. Der Securitycheck ist der laxeste seit Jahren: weder Schuhe noch Gürtel ablegen, Tablet und Handy können im Täschchen bleiben und trotzdem komme ich ganz locker unbeanstandet durch. Typisch für einen amerikanischen Flughafen: zum Gate meines Anschlussfluges muss ich eine Bahn nehmen und trotzdem ein Stückchen laufen, aber dann vor allem warten: Es sind fast noch vier Stunden bis zum Abflug.

Aber zum Glück misstraue ich der Zeitangabe, die sich mein Handy geholt hat. Das hätte mich eine Stunde zu lange sitzen lassen. Als ich das sicherheitshalber prüfe, stelle ich erfreut fest, dass Boarding in zehn Minuten beginnt und nicht in über einer Stunde. Natürlich wird die Klassengesellschaft wieder eisern durchgezogen und als ich endlich an meinen Mittelplatz komme, bin ich erst einmal entsetzt: Am Gangplatz sitzt ein gigantischer Fleischberg von einer Frau. Sie ist aber recht nett und als sich das Einstiegen dem Ende nähert, ist der Fensterplatz immer noch frei und ich wechsle auf ihn. Ich sitze beim Abdocken immer noch drauf und so teilen wir uns eine Dreiereihe. Passt. Wie immer geht es beim Inlandsflug enger und unkomfortabler zu und das Mobiliar ist erkennbar abgewohnter, aber es sind nur knapp zwei Stunden Flugzeit und ich kann aus dem Fenster auf die Wolkendecke kucken. Nur die Flugbegleiter müssen wegen Turbulenzen sitzen bleiben und dürfen noch nicht mal Getränke servieren. Nach fast einer Stunde dürfen sie dann doch. Auf beiden Flügen habe ich Probleme mit den Nebenhöhlen, auf dem Transatlantikflug zuerst mit den Stirnhöhlen und mir ist deswegen über zwei Stunden die Nase gelaufen, später hat dann der Druck auf den Kieferhöhlen geschmerzt. Beim Inlandsflug hat "nur" noch der Druck auf Stirn- und Kieferhöhlen etwas weh getan. Daher zieht sich auch der eher kurze Anschlußflug nach Albuquerque nach dem O-Saft noch hin, und das obwohl wir über zwanzig Minuten zu früh landen. Der Flughafen ist am Sonntagabend recht ruhig und alles läuf reibungslos: Gepäck abholen, Shuttlebus zum Mietwagenzentrum.

Die sehr nette und gesprächige Dame an meinem Schalter, bei einer Firma, die ich noch gar nicht kannte, schwatzt mir noch die "Roadside Assistance" auf. Sie hat eh sonst keine Kunden. Dann komme ich auch gleich los und reite in den malerischen Sonnenuntergang. Der SUV ist die absolute Basisausstattung und hat noch nicht einmal eine Gepäckraumabdeckung, geschweige denn Navi. Also verpsasse ich die Abzweigung auf den Freeway und drehe eine Ehrenrunde durch einen Vorort im Nichts am Ende der Strasse. Die siebzig Meilen nach Socorro ziehen sich und es wird dunkel. Um kurz nach neun halte ich am Motel, erst mal am falschen - das heisst auch irgendwie mit "Econo...". Am richtigen dreihundert Meter die Strasse runter ist das Office schon zugesperrt, aber noch bevor ich mich wundern kann, kommt schon der Landlord über den Hof und lässt mich einchecken. Das Zimmer ist gut, aber ich fahre gleich wieder los, noch etwas essen. In dem Brewpub bin ich zwar der einzige Gast ausser einer geschlossenen Gesellschaft, aber ich bekomme trotzdem noch schnell ein Amber Lager und einen kleinen Burger mit extra Mushrooms. Genau richtig - und fix ist es auch. Mir reicht's jetzt wirklich. Hier ist es zehn durch, dass heisst, in München ist es nach sechs Uhr morgens am Montag. Also schnell ins Bett.


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