Verregnet und verrechnet

Travelblog für 30.05.2017

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Gegen sieben stehe ich auf, dusche, packe in aller Ruhe und hole mir im Office noch einen Kaffee. Etwa Viertel nach acht geht es los, weiter auf dem US-Highway 180, auf dem ich ja seit Deming bin. Heute ist vor allem Weiterkommen angesagt, denn ich will - alles auf diesem Highway - in die Nähe des Petrified Forest National Park kommen. Aber ich habe auch Stopps unterwegs geplant, damit es nicht zur blossen Fahrerei verkommt. Doch schon allein die Strecke ist so schön und abwechslungsreich, dass auch Fahren eine Freude ist. Der erste Stopp ist um zehn erreicht: Der Whitewater Canyon Catwalk.

Whitewater Canyon Catwalk
Whitewater Canyon Catwalk

Das war ursprünglich eine Rohrkonstruktion, die Wasser oben am Fluss für den Betrieb einer Minenmühle unterhalb der Schlucht abzweigt und fünf Meter über dem Boden durch den Canyon führte. Weil man zur Wartung darauf balancieren musste, hieß es Catwalk. Geraume Zeit nach Ende des Minenbetriebs wurde in den Dreissigern anstelle dessen ein hölzerner Steg errichtet. Der wurde in den Sechzigern durch einen stählernen Steg ersetzt, der erst kürzlich zu großen Teilen erneuert wurde, da eine extreme Flash Flood 2013 vieles davon wegriss.

Whitewater Canyon Catwalk - Ende des Stegs
Whitewater Canyon Catwalk - Ende des Stegs

Ich gehe also den Catwalk bis zum Ende und will auch den anschliessenden Wanderweg weitergehen, doch schon nach der ersten Brücke hinter dem Catwalk ist er gesperrt. Ich gehe trotzdem weiter, denn zunächst ist der Weg begehbar, wenn auch öfters von der Flut beschädigt, teils sogar schwer. Aber irgendann muss ich ins Flussbett wechseln und den Fluss auch auf Steinen überqueren. Als ich dann oberhalb eines Findlings herum muss, kehre ich um. Der Abstieg würde durch eine ganze Menge angespültes Holz führen. Ich will es nicht riskieren, denn falls ich hier umknicken sollte, könnte es etwas dauern, bis Hilfe kommt. Die üblichen Schlappen- und Sneaker-Amerikaner haben hier schon lange aufgegeben. Also gehe ich in aller Ruhe, ein paar Fotos machend, zurück.

Whitewater Canyon Catwalk - Weg durch das Flussbett
Whitewater Canyon Catwalk - Weg durch das Flussbett

Am Ende des Catwalk stauen sich gerade mehrere solche typisch amerikanischer Familien. Es wird aber auch wieder ruhiger am Rückweg, denn kurz vor dem Parkplatz ist vor mir auf dem Wege eine Rotte Javelinas am Grasen. Die sehen so aus wie kleine Wildschweine, sind aber nur entfernt mit diesen verwandt. Ich fange an, Geräusche zu machen, und sie werden nach und nach aufmerksam und flüchten behende ins Unterholz.

Es geht auf Mittag zu, als ich weiterfahre zu meinem nächsten Ziel ganz in der Nähe, also etwa fünfundzwanzig Meilen entfernt. Mogollon soll eine minimal wiederbelebte Geisterstadt in den Bergen sein. An der Abzweigung ist ein Leuchtschild, dass besagt, die Strasse sei zwischen sieben Uhr morgens und halb sechs abends gesperrt. Da steht aber auch ein Schild, dass sie ab der Schranke zwölf Meilen weiter geschlossen sei. Das würde ja passen, denn Mogollon soll nur neun Meilen die Strasse hoch sein, also versuche ich mein Glück und fahre hoch in die Berge. Leider ist die Strasse nach vier Meilen schon wegen Bauarbeiten gesperrt. Das bestätigt mir auch der Bauarbeiter, der da Wache steht. Mit einem "Road closed after 4 miles" unten wäre da echt geholfen gewesen, aber selber denken ist ja aus der Mode.

Ich mache mich also wieder auf die 180, um weiterzufahren. Blöderweise habe ich jetzt keine Ziele mehr auf meiner Liste und ebenso wenig habe ich Lust, die zahlreichen Campingplätze hier abzuklappern, ob einer davon mehr hergibt, als nur ein kleines Picknick. Die Landschaft allerdings ist weiterhin eine Schau und erweist sich auch noch als sehr abwechslungsreich.

Ich fahre durch bis in den ersten Ort in Arizona, Alpine. Da halte ich am Country Store an und kaufe mir eine Lemonade. Die Kassiererin fragt nach dem Pflaster auf meinem Arm, sie findet die heutigen Pandas lustig. Ich erzähle ihr die Geschichte, warum ich es trage. Der Ort Alpine macht seinem Namen alle Ehre, er liegt auf 2400m in einem Hochtal und dessen Talgrund sind saftig grüne Wiesen.

Danach fahre ich über eine kleine Wasserscheide und sehe, dass ich jetzt auf dunkle Regenwolken zufahre - und ich bin erkennbar schneller. In genau dieser Gegend wäre auch die Wanderung gewesen, die ich aus Risikoerwägungen fallen lassen habe. Ich fahre also wieder hinunter, wobei sich die Landschaft weiter wandelt und auch unter grauen Wolke unglaublich schön ist. Es tröpfelt ein bisschen und ich freue mich, dass die Scheibenwischer gleich gut funktionieren. Das hätte ich nicht erwartet. Als ich nach Eagar und Springerville komme, regnet es. Hier werde ich also auch nicht anhalten. Auf dem restlichen Stück nach St. John's, meinem Tagesziel, wäre ich zuerst beinahe falsch abgebogen, dann bremst mich eine Baustelle ein wenig aus, aber der Rollsplit ist auf der Gegenfahrbahn. Ich komme damit gut durch nach St. John's, wo ich erst einmal tanke und dann ein paar Getränke kaufe.

Hier im Ort gibt es genau zwei Motels und genau zwei Restaurants für das Abendessen. Als ich im Motel einchecke ist es halb vier, aber die Uhr an der Wand im Office sagt halb drei. Logisch, denn hier in Arizona ist schon wieder eine andere Zeit. Ich bin also befremdlich früh dran, das ist mir aber egal. Ich mache es mir im Zimmer gemütlich und bin mir sicher, ich habe das beste Haus am Platz erwischt. Ich schreibe ein bisschen am Travelblog und dann lese ich etwas Camus.

Es ist halb sieben hiesiger Zeit, als ich zum Essen fahre, die Auswahl ist Familiy Kitchen oder Mexikaner. Letzterer gewinnt - fast zwangsläufig, denn beim Familiy Kitchen sehe ich nicht nur schon von draussen schlecht drapierte Plastiktischdecken, sondern auch, dass sie nur bis um sieben geöffnet haben. Der Mexikaner ist auch sehr schlicht, mit blanken Tischen und auch sonst eher simpel und karg, aber er hat wenigstens bis acht auf. Ich bekomme eine mexikanische Pizza, was eine kunsprige Tortilla mit Bohnen, Beef, Käse und Salat drauf ist, dazu je ein Klecks Sour Cream und Guacamole. Die kleine Variante wird auf einem Salatteller serviert, macht mich aber trotzdem satt. Das war's dann für heute. Zeit für ein Bier vor dem Fernseher, auch wenn der bloss ein paar wenige analoge, verrauschte Programme hat. Das passt zum kaum nutzbaren, sehr langsamen Internet. Backwater town.


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