Endspiel in Meran

Travelblog für 15.07.2018

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Mit Tricks und Mittelchen konnte ich den Schnupfen über Nacht im Zaum halten und daher war die Nacht sehr erholsam. Weg ist der Schnupfen aber nicht. Also gehe ich kurz vor halb neun ganz gemütlich los Richtung Schloss Trautmannsdorf. Eine Nebenstrasse führt eben am Hang entlang direkt dorthin von der Kreuzung unterhalb meines Hotels. Und trotz aller Ruhe beim Anmarsch bin ich fast zehn Minuten vor der Öffnung um neun am Eingang. Dort wartet eine kleine, anscheinend französische Reisegruppe schon auf den Einlass. Ich sehe mal nach, ob sich da was fotografieren lässt, und bald öffnen sie. Da sich die Gruppe erst sortieren muss, nachdem endlich die Toiletten zugänglich sind, bin ich an der Kasse Zweiter hinter einem Pärchen. Die beiden müssen sich aber auch erst einmal orientieren, als sie ihre Tickets haben und so gehe ich als erster hinein. Zuerst kommt eine sehr nett aufbereitete Sonderaustellung zur touristischen Nutzung von Alpenpässen, dann die Daueraustellung zum Tourismus speziell in der Region und dann noch ein paar historische Räume, schliesslich war dieses das Schloss, in dem Kaiserin Sissi residierte, wenn sie in Meran war.

Meran: Schloss Trautmannsdorff
Meran: Schloss Trautmannsdorff

Danach gehe ich in die Gärten, zuerst in Serpentinen den Hang hinauf zum Garten für Verliebte und der spektakulären Aussichtsplattform, dann ganz hinunter in den pädagogischen Teil mit einem Bienenstock um Aufklappen, einer geologischen Terrasse, die eine Karte von Tirol und Südtirol darstellt, bestehend aus den jeweiligen dominierenden Gesteinen. Sie ist mit Felsen an den Hauptgebieten besetzt, die beschriftet und meistens an einer kleinen Stelle auch poliert sind. Dann gehe ich im unteren Teil wieder Richtung Schloss durch die Nutzgarten-, Wasser- und Terrassengartenabschnitte, zwischendurch in die Show zur unterirdischen Botanik in einem Tunnel mit verschiedenen Stationen und schliesslich über den Sommergarten durch den Waldbereich und das Terrarium auf der anderen Seite des Schlosses. Da ist es dann fast Mittag und ich kehre im Restaurant im Schloss ein. Die Lasagne ist ordentlich, die Panna cotta sehr lecker, der Service ist schnell und die Prese sind fair. Danach schau ich mir noch ein bisschen den Sommergarten genauer an, genau wie einen kleinen Bereich am Eingang und gehe fast genau um eins, nach etwa vier Stunden, wieder raus. Es ist ein wirklich aussergewöhnlich beeindruckender botanischer Garten, nicht besonders groß, aber äußerst abwechlungsreich.

Meran: Blüte auf Schloss Trautmannsdorff
Meran: Blüte auf Schloss Trautmannsdorff

Vom Schloß führt ein Spazierweg in das Zentrum Merans, und da ihn angeblich die Kaiserin bevorzugt hat, heisst er heute Sissi-Weg. Den muss ich hinuter ins Zentrum nehmen! Witzigerweise sind die Angaben auf den Wegweisern in beiden Richtungen immer minutengenau - und noch viel schräger ist, dass ich in exakt dieser Geschwindigkeit den Weg entlang spaziere, mit meinem Schnupfen-gebremsten Schritt.

Meran: Pfarrkirche St. Nikolaus, Kirchenschiff
Meran: Pfarrkirche St. Nikolaus, Kirchenschiff

Im Zentrum will ich die touristischen Ziele abklappern und ein wenig fotografieren, kehre aber erst einmal durstig ein in einem Café an der Passerpromenade neben der Wandelhalle. Dann geht es zur Pfarrkirche St. Nikolaus, die zum Sonntag auch zugänglich ist, die Laubengasse entlang, in der ich einen offenen Supermarkt entdecke und weiter.

Meran: Laubengang
Meran: Laubengang

Ein Stück hinter der Altstadt ziehe ich den Bogen an die Passer und gehe entlang der Uferpromenade zurück. Da kann ich auch die evangelische Kirche besuchen.

Meran: Evangelische Christuskirche
Meran: Evangelische Christuskirche

Ich schwenke noch einmal in die Laubengasse ein, um im Supermarkt ein paar Getränke mitzunehmen. Dann mache ich mich auf den Rückweg, nicht ohne die Spitalkirche zum Heiligen Geist anzusehen. Da drin scheint ein Mann in Not zu sein, der in der Kirchenbank umfällt. Als ich ihm wieder aufhelfe, wird klar, dass es nichts Körperliches ist. Er tischt eine Geschichte auf und gibt dabei so hervorragend den leidenden, gebrochenen Mann, dass es fast überzeugt. Leider passt er die Geschichte ständig an, so dass er am Ende effektiv Geld erbetteln möchte. So gut er das macht, so sehr kommt es bei mir als schauspielerische Leistung an. Mehr als seine Geschichte und eine Halskrause ist es nicht. Ich bin mir spätestens im Nachhinein völlig sicher, dass es ein sehr aufwendiger Versuch zu betteln ist. Er bricht theatralisch in der Kirchenbank zusammen und als ich ihm aufhelfe, erzählt er zuerst, dass Frau und Tochter tot seien. Meinen Vorschlag, dass es ein Unfall war, bestätigt er. Die Frage, ob er Hilfe bekomme, beantwortet er mit einem Psychologen, zu dem er gehe, betont aber seine unermessliche Verzweiflung. Als das mich zu keiner barmherzigen Gabe verleitet, legt er nach. Er habe noch einen Sohn, der liege in Innsbruck im Krankenhaus im Koma und er könne ihn nicht besuchen. Als er immer noch nur Zuspruch bekommt, macht er sein Anliegen konkret: Er könne seine Stromrechnung von 96,00 Euro nicht bezahlen und sie würden ihm morgen den Strom abstellen, wenn er nicht bezahlt. Als ich ihm immer noch keinen Hunderter in die Hand drücken will, wird er bescheidener: Er habe heute vom Pfarrer schon fünfzig Euro bekommen und brauche nur noch den Rest. Ich sage ihm nur noch, er solle sich Hilfe beim Psychologen und der Gemeinde holen und mache mich davon. Ich war ein wenig gewarnt, hat mich doch in Bozen ein Bettler bis in eine Kirche verfolgt und als ich hier das Portal fotografieren wollte, stand eine Touristin mehrere Minuten in der Tür und kam nicht weg, vermutlich aus Höflichkeit gegenüber diesem hervorragend schauspielernden Scharlatan.

Meran: Spitalkirche zum Hl. Geist, Portal
Meran: Spitalkirche zum Hl. Geist, Portal

Dann geht es zurück ins Hotel, kurz ein bisschen schwimmen und dann ist es auch bald Zeit für das WM-Finale, das ich mir im Zimmer ansehe. Ich sympathisiere mit den Kroaten, die viel überzeugender sind, aber dank der teils zweifelhaften Schiedsrichterentscheidungen und der Abgebrühtheit der Franzosen verlieren sie leider. Danach habe ich buchstäblich auf nichts mehr Lust an diesem Tag.


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