Autowandern vom Feinsten: Ins Überetsch

Travelblog für 17.07.2018

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Ich fahre nach dem Frühstück schon um halb neun los, denn ich habe vor meinem ersten längeren Spaziergang eine ausgedehnte Etappe Autowandern eingeplant. Ich will über den Gampenpass ins Nonstal und von dort über den Mendelpass ins Überetsch, das bekannteste Weinanbaugebiet in Südtirol. Auf der Passhöhe des Mendelpasses habe ich noch einen Abstecher auf den Penegal geplant, bevor es dann ganz hinunter geht nach St. Michael, das zu Eppan gehört. Soweit der Plan. Wissend, dass mein Tank nur noch zu weniger als einem Viertel voll ist, fahre ich trotzdem los und in Lana auf die Gampenpassstrasse. Nach zwei Dritteln des Aufstiegs meckert mich das Auto an wegen einer nur noch begrenzten Reichweite von 80 Kilometern. Auf der Passhöhe fünf Kilometer weiter sind das schon nur noch gut 60 Kilometer Reichweite. Ich beschliesse, nicht erst in Eppan sondern schon vor dem Mendelpass in Fondo zu tanken, nicht dass ich auf den Penegal verzichten muss. Den recht einfachen Abstieg vom Gampenpass nach Fondo brauche ich erwartungsgemäß fast keinen Sprit. Aber ich muss ja noch auf den Mendelpass und will noch dreihundert Höhenmeter weiter hinauf, also lasse ich volltanken. Die Auffahrt zum Mendelpass aus dem Nonstal ist eine leicht steigende Strasse durch den Wald, auffällig harmlos. Dieses Tal ist vergleichsweise flach, aber sehr schön, eine Gegend, die sicher einen ausführlicheren Besuch wert ist. Kurz vor der Passhöhe ist die Abzweigung zum Penegal, und da bin ich wieder auf einer dieser besonderen, kleinen und herausfordernden Bergstrassen. Sie ist schmal, eng, immer nur eine bis eineinhalb Fahrspuren breit, teils in mäßigem Zustand und führt dabei steil und in engen, teils unübersichtlichen Kurven durch den Wald den Berg hinauf. Weiter oben besteht der Wald überwiegend aus Lärchen und die Strasse wird flacher, dann ist man bald da. Der Penegal ist ein Aussichtspunkt auf über 1700 Metern Höhe auf einer senkrechten Felswand bis zu 1500 Meter über dem Etschtal. Dort steht schon seit dem 19. Jahrhundert ein großes Hotel, das aber heute in die Jahre gekommen ist. Es ist erkennbar wohl zuletzt in den 60ern auf den neuesten Stand gebracht worden. Der Ausblick aber ist grandios. Im Norden das Etschtal bis Bozen und von dort weiter das Eisacktal hinauf geht der Blick, geradeaus über die Etsch die Bletterbachschlucht hinauf und hinter all dem die Dolomiten, nach Süden das Etschtal die halbe Strecke bis Trento, bis das Tal einen Bogen macht.

Penegal: Ausblick Richtung Kaltern
Penegal: Ausblick Richtung Kaltern

Im Rücken nach Westen hat man einen Blick über das sanft hügelige Nonstal mit der Brenta-Gruppe im Hintergrund. Ein beeindruckender Ort, schade, dass es sich heute nicht mehr so gut vermarkten lässt. Nach einer ausgiebigen Würdigung dieses unglaublichen Ausblickes fahre ich wieder hinunter (!) auf die Passhöhe des Mendelpasses. Und von dort wird der Abstieg ins Etschtal absolut spektakulär. War schon beim Gampenpass die Ostseite die aufregendere, so ist dieser Unterschied beim Mendelpass ein Vielfaches. Die Seite ins Nonstal ist regelrecht langweilig, die Seite ins Etschtal dagegen eine Passtrasse vom Allerfeinsten, in gutem Zustand, teils an Felswänden entlang, teils durch den Wald, mit einigen schönen Serpentinen, einfach alles, was dazu gehört, und noch dazu schön abwechslungsreich. Ich geniesse den Abstieg nach St. Michael, wo ich einen Spaziergang geplant habe.

Unten angekommen bin ich in St. Michael zu ungeduldig und biege zu früh in ein Wohngebiet ab, kreisel ein wenig verwirrt da hindurch den Hang hinauf und als ich auf einem Parkplatz das Navi und meine Handykarte abgleiche, stellt sich heraus, dass ich zufällig nur hundert Meter entfernt von einem viel besseren Ausgangspunkt für mein nächstes Ziel bin, als es mein ursrpünglicher Plan war. Dann mache ich meinen Spaziergang von diesem kleinen, aber nahen Wanderparkplatz aus. Der Wanderweg ist dort auch hervorragend ausgeschildert, es sind etwa 20 Minuten zu den Eislöchern, ein sehr schöner leichter Pfad auf und ab durch den Wald. Kurz vorher fürchte ich schon, dort von einem Klassenausflug umringt zu sein, aber die Kinder waren schon dort und es sind noch hundert Meter hin. Dort gehe ich erst einmal durch und etwas weiter, das ist eine der unspektakulärsten spektakulären Sehenswürdigkeiten und ein beeindruckendes Phänomen.

Eislöcher: Überblick
Eislöcher: Überblick

Aus Löchern zwischen den Felsen strömt richtig kalte Luft, die diesen Bereich des Waldes fünf bis zehn Grad kühler als die weitere Umgebung macht. Im Frühling und im Herbst muss der Effekt so stark sein, dass sich an den Löchern Eis bildet, obwohl es rundum weit über Frosttemperaturen hat. Das ist heute nicht zu beobachten, nach vielen Tagen mit Temperaturen über 30 Grad hat sich auch an den Eislöchern kein Eis gehalten. Die Kälte entstreht durch einen Kondensationseffekt, da dies die Ausgänge eines langen, viel weiter oben beginnenden Höhlensystems sind, durch das die Luft hinabfällt und abkühlt, dabei Wasser verdunstet und weiter abkühlt. Auch das ist nach ausgiebiger Betrachtung genug, heute ist es optisch ein wenig unspektakulär, und ich mache mich auf einem anderen Weg zurück zum Parkplatz.

Eislöcher: Detail
Eislöcher: Detail

Der nächste Stopp ist nicht weit. Ich möchte in Kaltern, das mit dem Kalterer See, ins Weinmuseum. Dort sehe ich auch einen Wegweiser, biege ab und bin gleich verloren, denn nach 300 Metern ohne weiteren Hinweis auf das Weinmuseum muss ich wieder zurück auf die Durchgangsstrasse, die Südtiroler Weinstrasse übrigens. Also nochmal, parken und zu Fuß weiter. Ich sehe auf einem Ortsplan, dass es gegen Ende des verkehrsberuhigten Zentrums liegt. So bekomme ich auch einen Eindruck von Kaltern, dass ein sehr nettes Örtchen zu sein scheint. Das Weinmuseum ist sehr nett aufbereitet, mit der schönen Systematik nach der Entstehung des Weins und endet in einem kleinen Rebgarten, in dem viele, vor allem auch lokale und heute kaum noch gebräuchliche Sorten wachsen. Dort mache ich kurz Pause und verschicke eine Geburtstags-SMS an einen Freund. Insgesamt ein sehr nettes und empfehlenswertes Museum.

Kaltern: Weinmuseum
Kaltern: Weinmuseum

Ich gehe danach zurück zum Auto und mache mich auf die Suche nach meinem nächsten Ziel, einem ganz bestimmten Weingut. Auf dem Weg sehe ich, dass es ganz sicher der effektivere Zugang zum Weinmuseum von der Südseite des Zentrums gewesen wäre. Es hat mir aber nicht geschadet. Das Weingut finde ich sofort auf Anhieb ohne jedes Problem, obwohl es wirklich ein wenig versteckt liegt. Die gute Vorbereitung zahlt sich aus. Das dortige "Rebstock-Museum" ist offen und frei zugänglich. Es sind vier Reihen Rebstöcke in zwei Gängen. Dabei ist praktisch jeder Rebstock eine andere Sorte, es müssen mindestens dreihundert Sorten aus aller Welt sein. Da sind sehr viele aus Deutschland, Frankreich, Italien, Ungarn und dem Rest Europas, beispielweise auch Tschechien und England, wobei man von den allermeisten noch nie etwas gehört hat. Da sind aber auch neue Kreuzungen aus den USA, alte Sorten aus Armenien und sogar eine aus dem Libanon sehe ich, dabei habe ich betimmt nicht alle Schilder gelesen... Der Laden für den Weinverkauf ist allerdings geschlossen, regelrecht verrammelt und es sieht nicht einladend aus, um zu klingeln. Das lasse ich auch bleiben, denn ich wäre zwar willens, etwas zu kaufen, bin aber nicht sicher, ob mir auch etwas zusagt. Für schlimmstenfalls gar keinen Umsatz will ich niemanden aufscheuchen. Vielleicht kaufe ich später bei einer der Vinotheken an der Weinstrasse, zunächst fahre ich aber den Feldweg zurück auf die Nebenstrasse, der ich auch weiter folgen möchte. Ein Zwischenziel soll direkt an dieser Strasse liegen: St. Jakob in Kastelaz auf dem Weg nach Tramin, wo der Gewürztraminer herkommt. Leider ist diese Kirche mit ihren Fresken nicht zu finden, ich sehe noch nicht einmal einen Hinweis auf den Ort Kastelaz und bin dann plötzlich in Tramin, nachdem die Straße kurz einspurig wurde und steil ins Tal hinabstieg. Leider verloren, dann halt zu meinem nächsten Ziel, dem letzten meines Plans für diesen Tag Autowandern. Eine spätere Suche mit Google zeigt mir, dass es wider Erwarten praktisch erst in Tramin gewesen wäre und ich wirklich in maximal einhundert Metern Entfernung vorbeigefahren bin. Das waren schlechte Vorbereitung und falsche Erwartungen meinerseits.

Ich fahre nach Truden in den Bergen auf der anderen Seite des Etschtals. In Auer finde ich die Strasse hinauf sofort und es geht wieder bergauf. In Truden ist das Naturparkhaus, das zentrale Besucherzentrum für den Naturpark Trudner Horn und ich will sehen, ob ich dort eine Kleinigkeit von maximal einer Stunde machen kann. Auch wenn meine Ungeduld mich schon wieder nervös werden lässt, finde ich in Kaltenbrunn die Abzweigung nach Truden sofort und bin bald oben in diesem Bergdorf. Da fahre ich einmal durch und finde keinen Hinweis auf das Naturparkhaus. Also wieder zurück auf den Parkplatz ganz oben am Ortseingang und da sehe ich einen Wegweiser, der von der Strasse aus nicht zu sehen ist. Ich gehe zweihundert Meter diesen Weg in den Ort hinunter, finde aber keinen weiteren Hinweis, also gehe ich zurück und nehme das Auto. Mit maximaler Aufmerksamkeit finde ich es dann, aber das nächste Problem ist dann, dort auch legal zu parken. Das schaffe ich dann etwa zweihundert Meter entfernt, etwas weiter unten, oberhalb der Kirche, gehe wieder zu Fuß los zum Naturparkhaus, nur um dort dann zu sehen, dass es erst in über einer halben Stunde wieder öffnet. Die Frage, ob ich hier warte, um vielleicht dann noch eine Mini-Aktivität unterzubringen, oder ob ich entspannt ein bisschen Wein in Kaltern kaufe, ist sehr schnell entschieden. Ratzfatz bin ich im Auto und fahre die Nebenstrasse hinunter ins Etschtal, im Freestyle mit Unterstützng der Navikarte geht es nach Neumarkt und weiter nach Tramin und Kaltern, wo ich nach zwei Runden in der großen Vinothek lande. Dort kann ich einen Kerner und einen Gewürztraminer probieren, natürlich mit ausspucken, denn ich muss ja noch fahren. Und ich bekomme den Tipp, dass zwei Häuser weiter ein Goldmuskateller angeboten wird, der nicht lieblich, sondern trocken ist. Den Kerner hier nehme ich ich mit, verstaue ihn in meinem Auto und suche nach dem Tipp. Dort ist allerdings noch Mittagspause, die eigentlich jetzt, um genau drei, enden sollte. Ich gebe ihnen fünf Minuten, spaziere ein wenig herum und schon ist wieder geöffnet. Den Wein gibt es da wirklich, ich darf ihn probieren und nehme auch davon drei Flaschen mit.

Dann geht es zurück nach Meran, da ich aber schon den ganzen Tag autowandere und Zeit habe, fahre ich ab etwa Eppan, genauer ab St. Paul im Freestyle mit Navikartenunterstützung auf Nebenstrassen zurück. Ich möchte einfach auf der anderen Talseite als die Hauptstrassen bleiben. Das klappt so leidlich, denn ich gerate etwas den Hang hinauf und komme am Ende wieder auf der Gampenpasstrasse fünf Kilometer oberhalb von Lana heraus. Das passt aber hervorragend, so kann ich noch eine Limo in einem Supermarkt in Lana kaufen. Von da geht es zurück ins Hotel, wo schon gleich einmal ein guter Teil der Limo dran glauben muss. Bei so viel Fahren habe ich eigenltich nichts getrunken und auf einmal spüre ich den Durst. Und ich muss mich ein bisschen erholen, bevor ich um halb sieben wieder hinunter ins Zentrum von Meran zum Essen gehe. Mein Ziel steht fest: Heute will ich in den Burger-Joint, den ich schon am ersten Abend gesehen habe. Burger, Fries und Salat sind gut, das alkoholfreie Weizen ist wieder einmal nicht ausreichend gekühlt, schade. Da die Bedienung schwanger ist, bin ich trotzdem nett beim Trinkgeld. Zurück gehe ich durch die Laubengasse, wobei mir zwei potentielle Restaurants für meinen morgigen letzten Abend in Meran auffallen. Ein versöhnliches Ende, nachdem heute ein paar Programmpunkte ausfielen und es damit noch mehr Autowandern wurde als geplant. Vor acht bin ich zurück im Hotel, genug Zeit zum Travelblog-Schreiben.


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