Anreise Teil 1: Müstair

Travelblog für 19.06.2019

Morgens bereite ich daheim noch eine gefühlte Million Kleinigkeiten vor, packe fertig, spüle die letzten Gläser, setze des Excel für meine Reisebuchhaltung auf und räume ein wenig auf. Etwa um halb zehn gehe ich los, den Mietwagen abholen, und bringe dabei den Müll runter. Das Auto bekomme ich reibungslos, ein gut ausgestatteter Seat Ibiza. Daheim belade ich ihn fix und wäre so kurz vor halb elf abfahrbereit. Jetzt heißt es warten, bis meine Eltern erscheinen, denn am frühen Nachmittag sollen in meiner Wohnung die Rauchmelder geprüft werden. Ich möchte nicht vier Stunden vertrödeln, also habe ich sie gefragt, ob sie das für mich machen, was sie auch gern tun. Um Viertel vor elf sind sie auch da, ich instruiere sie kurz und kurz vor elf geht es los für mich.

Da ich über den Reschenpass fahren will, muss ich einmal quer durch München auf die Garmischer Autobahn, das dauert allein schon eine halbe Stunde, weil es sich beim Anfang der Salzburger Autobahn staut. Dank zahlreicher Baustellen und dem obligatorischen Stau in Oberau sind schon mal zwei Stunden um, als ich kurz vor Ehrwald mein Pickerl kaufe. Auch über den Fernpass geht es zäh bis ich in Imst auf die Autobahn fahre. Im Landecker Tunnel ist es seltsam dunstig, was einem kein Vertrauen einflößt, wenn man aus einem strahlenden Sonnentag in einen Tunnel voller Dunst einfährt, der noch dazu sieben Kilometer lang ist. Es wird etwas klarer nach ein paar hundert Metern, aber ganz klar ist es den ganzen Tunnel lang nicht. Der Verkehr auch weiter hoch auf den Reschenpass hält sich in Grenzen, kein Wunder, ist doch eine Sperre angeschrieben. Zwischen Pfunds und Nauders gibt es eine Umleitung, die nur für PKW geeignet ist. Da geht es erst einmal noch so zehn Kilometer den Inn hoch in die Schweiz Richtung St. Moritz und direkt nach der sehr oberflächlichen Schweizer Grenzkontrolle wieder in Österreich über einen kleinen Verbindungspass, die Norbertshöhe, nach Nauders. Soviel Verkehr hat dieser Pass lange nicht gesehen, und fast alles ist vielfach vertreten: PKW, Motorräder, Fahrradfahrer und so manches Wohnmobil. Das Potenzial dieser Passtrasse lässt sich so freilich nicht ausschöpfen, es geht gemächlich zu. Danach bin ich recht fix in Italien und es geht gut, aber nicht allzu schnell, voran durch das Vinschgau. Der Kirchturm im Reschensee ist wegen des auffällig niedrigen Wasserstandes sehr gut zu sehen, auch von der Straße aus. In Mals biege ich ab, wieder in Richtung Schweiz, diesmal aber geplant zu meinem ersten Ziel in Müstair. Zur Grenze sind es etwa zehn Kilometer und einen Kilometer hinter der Grenze ist mein Ziel. Zuerst fahre ich aber in Italien hinter einem Schweizer Postbus her, dem ein italienisches Taxi folgt, dahinter ich in einem deutschen Mietwagen. Die Schweizer Grenzer interessieren sich erneut wenig für meinen deutschen Personalausweis und mein Ziel und der dazugehörige Parkplatz liegen direkt beiderseits an der Straße:

Kloster St. Johann in Müstair. Für den Eintritt kann ich fast meine kompletten übrigen Schweizer Franken ausgeben und dann stehe ich in der karolingischen Kirche mit teils ebensolchen Fresken. Diese sind extrem selten und der größte Zyklus karolingischer Fresken in Europa, nicht umsonst UNESCO Welterbe.

Kloster Müstair: Fresko in der Apsis
Kloster Müstair: Fresko in der Apsis

Ich fotografiere sie ausgiebig und kann anschließend spontan an einer Führung durch die Kirche und das Klostermuseum teilnehmen. Dabei werden die Fresken, karolingische und romanische ausgiebig besprochen, aber auch die Geschichte und das Klosterleben kommen nicht zu kurz. Am Ende gibt es abgelöste romanische Fresken auf gewölbtem Beton zu sehen, die andernfalls abgefallen wären. In der Kirche sind jetzt die darunter gelegenen karolingischen Fresken zu sehen. Interessanterweise haben sie bei dieser Modernisierung um 1200 die Thematiken erhalten und nur im modernen Stil neu drübergemalt. Ich mache nach der Führung noch ein paar Außenaufnahmen.

Kloster Müstair: Außenansicht
Kloster Müstair: Außenansicht

Schon bei meiner Ankunft was klar, dass mein Zweitziel für diesen Anreisetag ausfallen wird, denn ich hatte fast viereinhalb Stunden von daheim bis Müstair gebraucht, kam also gegen halb vier an. St. Prokulus in Naturns ist noch 60 Kilometer weit weg und schließt um fünf Uhr. Als die Führung zu Ende ist, ist es aber schon nach fünf und ich fahre erst gegen halb sechs weiter. Es ist Viertel nach sechs, als ich an Naturns vorbeifahre, doch dieser Programmpunkt lässt sich gut auf morgen verschieben, denn das sind keine fünfzehn Kilometer von Meran.

Ich finde den Weg nach Meran hinein und mein Hotel auch auf Anhieb, kann das aber nicht glauben, weil nur sehr dezent „Grand Hotel“ dransteht. Später auf dem Weg zum Essen sehe ich, dass ich die großen goldenen Lettern mit dem „Bellevue“ darüber einfach nicht wahrgenommen habe. Ich kreisele also einmal ungläubig um den Block, fahre nochmal dran vorbei, wende ein Stück weiter und halte dann vor dem Eingang. Drinnen erfahre ich, dass ich richtig bin und dass ich noch einmal um den Block muss, um auf den Parkplatz zu kommen. Diesmal klappt das sofort, und das schwere Tor öffnet sich auch nach meinem Klingeln. Ich kann also ausladen und einchecken. Auf dem Zimmer wird auch klar, warum es hier auch bezahlbare Übernachtungen gibt. Hinter dem pompösen Treppenhaus und den nostalgischen Doppeltüren für das Zimmer ist ein zwar sehr gut ausgestattetes Zimmer, aber eben nicht perfekt. Das Waschbecken ist im Zimmer und im Badezimmer riecht es ein wenig nach altmodischem Putzmittel, vermutlich weil die Lüftung nicht optimal ist. Bei dem schwülen Wetter merkt man auch das Fehlen einer Klimaanlage. Die noblen Doppeltüren sind an den Kanten auch teils ein wenig abgestoßen, aber andererseits bin ich mir vollkommen sicher, dass es auch sehr viel bessere und auch teurere Zimmer geben wird, in denen all dies kein Thema ist. Ich habe schließlich die Schnäppchen-Kategorie reserviert. Das ist mir aber alles erst einmal egal, ich mache mich frisch und gehe Essen.

Grand Hotel: Treppenhaus
Grand Hotel: Treppenhaus

Ich steuere direkt auf das Brauhaus der Forst Brauerei zu und bekomme einen Tisch im Biergarten. Der Kellner, der meine Bestellungen aufnimmt, ist etwas langsam, aber das ist sicher dem vollen Garten geschuldet, und die Auslieferung erfolgt immer schnell. Zu alkoholfreiem Bier gibt es einen wirklich wie bestellt englisch gebratenen Zwiebelrostbraten mit Spätzle und später als Dessert eine kalte Mandelsuppe mit zwei Kugeln Bacio. Das ist alles wirklich hervorragend und der Kellner bekommt sein Trinkgeld auf jeden Fall zu Recht. Ich mache nur noch eine kleine Runde zur Verdauung an der Passeier, es hat auch im Verlauf des Nachmittags und des Abends immer mehr zugezogen, blieb aber abgesehen von ein paar einzelnen versprengten Tropfen trocken. Ich gehe also recht bald zurück ins Hotel, lasse mich an der Rezeption, als ich meinen Zimmerschlüssel hole, noch schnell beraten, wo ich für den Bauernmarkt am Samstag am besten parke, und gehe auf mein Zimmer. Das Travelblog dieser Reise will ja auch angefangen werden.


Zum nächsten Tag

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