Anreise Teil 2: Dorf Tirol

Travelblog für 20.06.2019

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Mir fiel es schwer, einzuschlafen, was sicher an dem schwülen Wetter lag, denn gegen Morgen habe ich herrlich erholsam geschlafen. Nach einer heißen Dusche bin ich schon kurz nach halb acht beim Frühstück in einem regelrecht herrschaftlichen großen Saal mit Stuck und Kronleuchtern über samtrotem Teppich. Das Frühstücksbuffet lässt keine Wünsche offen, ich erwische nur leider die Karaffe mit Cefrisch statt Orangensaft. Es gibt aber wirklich nichts zu beklagen, denn es ist alles da, was man sich in Europa von einem solchen Buffet wünschen kann. Der Obstsalat ist recht klein geschnitten, so dass ich vermute, er ist fertig zugekauft und nicht frisch in der Küche gemacht, aber er ist dennoch sehr gut. Schon um acht bin ich wieder am Zimmer, jede Menge Zeit, um wieder einzupacken, da ich nicht vor neun los will. Wegen der Öffnungszeiten von St. Prokulus würde ein früherer Start nichts bringen. Da kann ich noch kurz über das Frühstück schreiben.

Das Auto wird kurz vor neun beladen, die Doppeltüren des Zimmers schließen sich zum letzten Mal und der Checkout geht ohne Wartezeit sehr schnell. Kurz nach neun bin ich unterwegs und komme fix raus aus Meran, das flutscht heute. Kurz vor halb zehn bin ich am Parkplatz von St. Prokulus in Naturns. Kurz nach halb stehe ich vor dem Museum und finde heraus, dass nicht das Museum, sondern die Kapelle eine halbe Stunde eher aufmacht. Das Museum öffnet um zehn, die Kapelle sollte schon zugänglich sein. Nur muss ich noch ein wenig herumschleichen, denn der alte Herr, der den Eintritt einsammelt, hat zehn Minuten Verspätung. Aber dann ist sie auf und ich kann die Fresken bewundern. Die untere Reihe ist sogar noch vor-karolingisch, die darüber stammt aus gotischer Zeit, als das Kirchendach höher gesetzt wurde.

St. Prokulus: Fresken
St. Prokulus: Fresken

Der alte Herr an der Kasse erzählt viel über die Fresken, wenn man ihn fragt, so wie die beiden deutschen Radler und ich es tun. Er illustriert aber auch aus seinem Leben, wenn er sagt, früher waren diese Bilder für das Volk die wichtigsten und meist einzigen Darstellungen, da sie nicht herumkamen. Er sagt, als Kind war er selbst im Sommer in den Ferien nur auf einem Hof oben in den Bergen und das war schon das weiteste, wohin er als Kind kam. Nichts von wegen Bilderflut oder gar neuen Medien - oder überhaupt Medien außer Schulbüchern! Kurz nach zehn gehe ich rüber ins Museum, das wirklich empfehlenswert ist, da es auf sehr schöne Weise den ganzen Kontext des Kirchleins aufbereitet. Dort sind auch die abgelösten gotischen Fresken ausgestellt, die über den heute sichtbaren vor-karolingischen waren und diese bis 1923 sozusagen konservierten. Manchmal hat ein Tapetenwechsel langfristig auch Vorteile... Nach einem kurzen Besuch der Museumstoilette, die sich hinter Schiebetüren versteckt, geht es wieder zurück nach Meran, eigentlich nach Dorf Tirol auf der anderen Seite von Meran. Um diese Zeit ist viel Verkehr und es läuft durch die Stadt ein wenig zäh, doch in der Gegenrichtung vom Jaufenpass herunter ist ein langer Stau. Hoffentlich ist der vorbei, wenn ich zurück will. Um fünf nach elf habe ich einen Parkplatz in Dorf Tirol und mache mich auf den Weg ins Ortszentrum.

Schloß Tirol und Brunnenburg
Schloß Tirol und Brunnenburg

Es ist sonnig und heiß und ich muss ein paar hundert Meter die Hauptstraße hoch. Es hätte auch noch Parkplätze weiter oben gegeben. Bei der Sparkasse orientiere ich mich und sehe, dass meine beiden Ziele etwas außerhalb liegen, ich aber noch am richtigen Weg bin. Also bewege ich mich wieder vom Zentrum weg durch die Weinberge auf das Schloss Tirol zu. Auf dem Weg dorthin ist ein kleiner Tunnel, der so eng ist, dass sie eine originelle Ampellösung brauchen: Entweder dürfen Autos - immer nur in einer Richtung nacheinander - durch, oder die dritte Ampelschaltung erlaubt es Fußgängern durchzugehen. Die dürfen aber in beide Richtungen gehen. Da gerade die Sonne strahlt und es meist bergauf geht, teils sogar recht steil, komme ich massiv ins Schwitzen. Es gibt auch deutlich weniger Schatten, als mir lieb ist, und ich frage mich, ob ich nicht Sonnenschutz gebraucht hätte. Ich habe nicht einmal eine Mütze dabei. Aber nach einem Schlussanstieg gehe ich in der Burg erst einmal ins Landesmuseum. Das zeigt viel Historisches, von Waffen über weitere Fundstücke, auch aus dem Alltag der Burgbewohner, Bücher und Urkunden, hat aber auch ein paar Fresken und das älteste mittelalterliche Buntglasfenster weit und breit zu bieten. Die Darstellung des Schlosses in der Kunst hat einen eher romantischen Schwerpunkt, aber im Bergfried ist eine sehr interessante Ausstellung zur Geschichte Südtirols von 1909 bis 2014. 1909 wurde eines Aufstandes gegen auswärtige Herrschaft 1809 gedacht und 1920 wurde Tirol in Nord- und Südtirol zwischen Österreich und Italien geteilt. Die Repressionen der Faschisten und die Umsiedlungsversuche der Nazis nach der Besetzung werden gezeigt, genau wie weitergehende Repressionen nach dem zweiten Weltkrieg, die in den Sechzigern zu separatistischen Anschlägen geführt haben, was erst ab 1972 mit dem Autonomiestatus besser wurde. Dazwischen wurde auch die Brennerautobahn gebaut, die Tourismus und Wirtschaft förderte. Auch danach gab es Hin und Her, aber immerhin friedlich und auf politischer Ebene. Am Ende ist eine Kunstausstellung, in der die Mythen und ihr Missbrauch gezeigt werden, die Faschisten und Nationalsozialisten für ihre ideologische Propaganda gekapert hatten.

Da ich noch genug Zeit habe, beschließe ich, nicht zurück zu gehen, sondern quasi unten herum zur Brunnenburg, in der das Landwirtschaftsmuseum ist. Ich gehe also mit wenig Auf und Ab weiter auf der kleinen Straße und stelle an der Abzweigung, wo ich absteigen muss, fest, dass ich zufällig genau zu St. Peter, wieder einmal mittelalterliche Fresken, gekommen bin. Die wollen natürlich bewundert - und fotografiert - werden.

Dorf Tirol: St. Peter
Dorf Tirol: St. Peter

Mein Abstieg stellt sich dann auch als der Kreuzweg zu St. Peter heraus, der überwiegend durch den Wald geht, aber fast ein wenig steil ist. Weg und die zahlreichen Stufen sind aus groben Steinen, was ich mit den leichten Stadtsneakern deutlich spüre. Ich hatte keine Wanderung auf dem Plan. Am Ende meines Abstieges komme ich auf einer eher kleinen Verbindungsstraße heraus, aber direkt an einer Bushaltestelle. Ich gehe in Richtung Brunnenburg und nach einem kleinen Wasserfall kommt mir auch tatsächlich der Bus entgegen. Ein paar Meter weiter kommt mir ein DHL-Liefer-Van wie ein Verrückter entgegen. Diese Einschätzung machen auch ein paar andere Wanderer auf der Straße klar. Als ich im Wald war, hat es ein wenig zugezogen und jetzt rumpelt hinter mir Donner aus dem Vinschgau herüber. Es ist aber immer noch schwülheiß und deswegen schwitze ich wieder extrem, als ich abbiege und steil wieder hinaufsteigen muss. Es sind über hundert Höhenmeter, die ich zu viel abgestiegen bin, aber da gab es keinen Weg, der weiter oben ging. Der Steig nach oben ist wieder echt steil, wenn auch im Wald, und ich fange an, meine Entscheidung, diesen Weg zu nehmen, zu hassen. Der Anstieg strengt mich so an, dass ich an der Stelle, an der dieser Steig an der Zufahrtsstraße zur Brunnenburg ankommt, mir kurz überlege, ob ich da überhaupt noch hin will. Es sind zehn Höhenmeter nach unten, die ich ja danach wieder hoch muss. Natürlich verwerfe ich das und gehe ins Museum.

Es zeigt sehr viele Artefakte der Handwerker in Tirol, so ziemlich alles, was man sich an Gerätschaften, Werkzeugen und Hilfsmitteln vorstellen kann. Noch recht zu Beginn sind ein Raum der Kartoffel und der danebenliegende Ezra Pound gewidmet. Letzterer hat in diesem Schlösschen zeitweise gelebt. Seltsamerweise ist der Raum mit dem großen Panoramafenster über Meran und das Etschtal der mit den Kartoffeln. Es fängt gerade leicht zu regnen an, mit wenigen dicken Tropfen. Und der Donner ist inzwischen näher. Ich steige trotzdem in den Schlossgarten hinab. Mitten auf der Treppe fällt mir auf, dass es nicht unbedingt schlau ist, bei Gewitter eine Stahltreppe zu begehen. Unten stelle ich mich erst einmal in einem gemauerten Durchgang zwei Minuten unter, denn gerade regnet es etwas heftiger. Dann gehe ich weiter in den Garten und in einen Ausguck. Praktischerweise hat der auch ein Dach, denn es regnet wieder stärker, aber nach ein paar Minuten gehe ich wieder hoch ins Schloss, natürlich erneut über die Stahltreppe. Es donnert immer noch. Dann schließt sich der zweite Teil der Ausstellung mit der Mehrzahl der Handwerke und was da dazugehört an. Am Ende zögere ich wieder ein oder zwei Minuten hinauszugehen, denn ein neuer Schauer hört gerade erst auf.

Brunnenburg: Schmiede
Brunnenburg: Schmiede

Beim Rückweg zum Parkplatz komme ich schon wieder ins Schwitzen, denn erst geht es wiedermal steil bergauf und dann kommt langsam wieder die Sonne raus. Wenigstens ist bald der Weg eben oder leicht abschüssig. Ich nehme lieber den Weg am Ortsrand über den Weinbergen so lange es geht. Kurz vor Ablauf meines Parktickets bin ich zurück beim Auto, ich habe also die dreieinhalb Stunden gut ausgenutzt. Ratzfatz bin ich startbereit und fahre zurück in Richtung Meran. Der Stau von vorher ist weg und ich erwische die erste Abzweigung nach Schenna, um den Zentrumsverkehr in Meran zu umgehen. Als es nach Schloss Trautmannsdorff hinab geht, ist da ein ganzer Schwarm Radler, an denen man nur schwer vorbeikommt. Trotzdem bin ich bald auf der Schnellstraße nach Bozen, wo mich ein hübsche Italienerin in einen schneeweißen Cinquecento überholt. Sie bleibt bis zur Abfahrt in Sichtweite, fährt dann aber nach Bozen rein statt nach Kaltern. Wiedermal enttäuscht. Etwa um Viertel nach drei bin ich an meiner Ferienwohnung, verpasse wie immer die Einfahrt, kann aber fünfzig Meter weiter wenden. Ich finde auch einen Parkplatz, der zu den Wohnungen gehört, und sehe, ob ich einchecken kann. Ich werde eigentlich schon erwartet und die Hausherrin führt mich erst einmal ausgiebig herum und erklärt mir alles. Dann zeigt sie mir die Wohnung und auf dem Balkon gibt sie mir über eine Viertelstunde lang Tipps, was man alles unternehmen kann, wo man Essen gehen kann und welche Infrastruktur in der Nähe verfügbar ist. Als wir fertig sind, hole ich mein Gepäck rauf, sortiere mich und gehe gleich mal in den nahen Supermarkt, ein paar Getränke kaufen und Kram für Frühstück und Brotzeit. Dann gehe ich endlich mal unter die Dusche, worauf ich mich schon lange gefreut habe. Ich schreibe noch ein paar Sätze für das Travelblog und um Viertel nach sechs gehe ich los für das Abendessen.

Der Weg ist leicht zu finden und relativ eben, es ist jetzt auch nicht mehr so heiß und eher bedeckt. Als ich zu den ersten Restaurants komme, merke ich, dass ich mir nicht einen einzigen Namen von den Empfehlungen der Hausherrin merken konnte. Das macht aber nichts, denn ich will heute sowieso eine Pizza. Die Wahl fällt auf eine etwas günstigere Pizzeria, die aber eine ganz leckere Pizza mit scharfer Salami, Gorgonzola, Kapern und Mozzarella macht. Zum Schluss noch einen Gewürztraminer-Grappa und das alkoholfreie Weißbier austrinken. Als ich nur noch zahlen will, setzt sich ein älteres Ehepaar zu mir, das eben von einer Busreise nach Venedig kommt. Sie sind entsprechend hungrig. Ich zahle aber, als sie die Karte bekommen und überlasse ihnen den Tisch. Etwa um acht bin ich zurück in der Ferienwohnung und kann das Travelblog für den Tag fertig schreiben.


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