Moderne Kunst in Rovereto

Travelblog für 25.06.2019

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Heute morgen habe ich nach einer erholsamen Nacht jede Menge Zeit. Ich möchte nach Rovereto und das MART, das Museum für moderne Kunst dort, öffnet erst um 10 Uhr, also kein Grund vor neun loszufahren. Dementsprechend gemütlich starte ich in den Tag, auch weil ich dafür nichts als einen Zitronenjoghurt und etwas Tee frühstücken möchte. Es ist also genug Gelegenheit, mich auf die Routen vorzubereiten, denn meine Pläne enden nicht im MART. Kurz nach neun mache ich mich dann auf den Weg und fahre den minimalen Umweg über Tramin zur Autobahn, damit ich mich am Rückweg dort besser orientieren kann. Das scheint auch nützlich und dennoch bin ich ratzfatz auf der Autobahn. Tickets dafür ziehen funktioniert wie seit Jahrzehnten. Auch trotz ein paar längerer Baustellen geht es gut voran, außer vielen LKWs ist der Verkehr recht ruhig, und wie geplant fahre ich bei Rovereto Nord runter. Da treffe ich auf die erste Neuerung, die ich noch nicht kenne: Es gibt da nur Bezahlautomaten wie im Parkhaus, keine Kassierer mehr. Es ist aber vielleicht auch paar Jahre her, dass ich italienische Autobahnen genutzt habe. Mein Kassenautomat funktioniert gut und mit der Höhe der Maut bin ich auch zufrieden. In Rovereto hilft mir meine Navikarte gut weiter, doch die Beschilderung schickt mich auf eine Extra-Schleife abweichend von meiner vorbereiteten Route. Ich komme dann doch am MART vorbei, doch das zugehörige Parkhaus erschließt sich mir nicht. Deshalb muss ich eine zusätzliche Runde durch die Innenstadt von Rovereto drehen und diesmal parke ich auf der Straße wenige hundert Meter vor dem Museum. Ich muss zwar ein Ticket ziehen, doch die Gebühr ist mehr als günstig. Auf der kurzen Strecke zum Museum sehe ich ein junges Mädchen, das anscheinend später zur Schule kommt. Sie kommt aber sehr lässig mit einer 50er Motocross-Maschine, was ich recht cool und witzig finde, ein Roller wäre die klischéehafte Erwartung gewesen. Da sehe ich auch das Schild zum Museumsparkhaus, so unauffällig, wie das sich auf der linken Seite an eine Häuserecke schmiegt, hätte ich es nie gesehen.

MART: Treppenhaus
MART: Treppenhaus

Ich bin trotz allem um Viertel nach zehn am Museum und muss nicht warten beim Ticketkauf. Wer will schon moderne Kunst sehen. Immerhin meint die junge Dame an der Kasse, sie kann mit mir auf Italienisch parlieren, was ich dann aber leider klären muss. Ich habe aber auch so eine Vorstellung vom Aufbau des Hauses bekommen, was ich erst einmal mit dem Besuch der beeindruckenden Toiletten umsetze. Dann geht es in die Sammlung im ersten Stock, in welcher die Entwicklung zur Moderne in Italien gezeigt wird. Es fängt mit Klassizismus und Jugendstil an, vor allem Porträts, und bewegt sich schrittweise über den Futurismus in die Nachkriegszeit. Zwischenrein sind an der Seite zwei Räume einem Maler gewidmet, der überwiegend in den Achtzigern Bäume und Berge malte, aber auf eine angenehme, moderne, aber unaufgeregte Weise. Im gegenüberliegenden Flügel auf der Südseite sind fünf Richtungen der italienischen Moderne seit den Dreißigern im Kontrast gezeigt, was sehr interessant und aufschlussreich ist. Mir gefallen besonders die Vertreter der „Nuclear Art“. Der Nordflügel im zweiten Stock zeigt zeitgenössische Kunst seit den Sechzigern, auch internationale, mit vielen Exponaten und Richtungen, darunter etwa ein Ai Wei Wei, der Galileo aus Lego abbildet. Der Text informiert, dass Lego das wegen der politischen Botschaft verhindern wollte, eigentlich traurig. Am Ende ist eine ganz witzige kleine Ausstellung zu einem italienischen Künstler und Illustrator, die mich einerseits an die Poster von Buchheim am Starnberger See erinnert, wobei ich aber andererseits die hiesigen Exponate für besser halte. Im anderen Flügel sind wiederum zeitgenössische italienische Künstler seit den Fünfzigern mit Bezug zu vier verschiedenen Themen präsentiert: Neue Materialien, Figürliches, Abstraktion und Pop Art. Jeder Teil für sich ist interessant und teils ganz pfiffig gemacht, aber im Zusammenspiel und Kontrast ist das eine besonders schöne Darstellung. Nachdem ich noch den Museumsshop kurz besichtigt habe, es gibt praktisch nur Bücher auf Italienisch und der Museumskatalog, der auch englische Texte enthält, ist nicht so ganz meins, bin ich nach etwa zweieinhalb Stunden wieder draußen. Ich setze mich kurz in den gegenüberliegenden Park, meine Organisation prüfen und die Buchhaltung machen, und fahre um kurz nach eins dann los zur Friedensglocke oberhalb der Stadt.

Dank meiner inzwischen unfreiwillig erworbenen Ortskenntnis, der Navikarte und meiner guten Vorbereitung, auch nochmal eben im Park, finde ich den Weg auf Anhieb perfekt und optimal. Schon um Viertel nach eins bin ich auf dem Parkplatz vor dem Eingang angekommen. Die Leute im Gebäude, die mir mein Ticket verkaufen und den Weg weisen, versuchen es schon wieder auf Italienisch, anscheinend sehe ich nicht besonders deutsch aus. Drinnen gibt es aber nur eine kleine Ausstellung, weswegen ich sehr bald draußen auf dem kurzen Flaggenweg zum Amphitheater mit der Glocke bin. Das Anliegen eines weltlichen Ortes für den Frieden mit dieser Glocke aus den Kanonen des ersten Weltkriegs wird von vielen Ländern unterstützt, daher wehen hier die Flaggen von über 90 Ländern. Im Amphitheater ist die Glocke, die im Freien steht, der Mittelpunkt. Sie wurde bereits dreimal gegossen, musste zweimal wegen Schäden neu gegossen werden. Sie läutet jeden Abend, dann ist der Zugang hier aber nicht mehr möglich. Nebenan ist der Park der Erinnerung, der vor allem die Geschichte der Glocke mit vielen Details darstellt. Es gibt aber auch Informationstafeln zu den Bäumen dort, leider alles auf Italienisch. Als ich zurück in das Amphitheater gehe - das nebenbei bemerkt einen wunderbaren Blick über das Etschtal bietet - ist dort tatsächlich ein älteres Ehepaar, bis dato schien ich der einzige Gast zu dieser Zeit zu sein. Sie gehen aber schnell in den Park der Erinnerung, so dass ich das Amphitheater zehn Minuten für mich allein habe. Ich gehe dann auch den Flaggenweg zurück zum Parkplatz und verlasse diesen interessanten Ort, der einen zum Nachdenken anregt, auch wenn das kein umfangreicher Programmpunkt ist. Ich habe es auch genossen, dass fast völlig auf religiöse Bezüge verzichtet wird.

Rovereto: Friedensglocke
Rovereto: Friedensglocke

Es ist jetzt kurz nach zwei und ich mache mich auf den Weg nach Tramin. Ich verzichte darauf, erneut durch Rovereto zu fahren, und mache einen kleinen Umweg, um bei Rovereto Süd auf die Autobahn zu kommen. Auf der Autobahn sind zwar teilweise fast endlose Kolonnen von LKW auf der rechten Spur, aber links kommt man gut voran, weil es daneben wenig Verkehr hat. Zeitweise geht es so entspannt zu, dass bei mir sogar kurzzeitig Roadtrip-Feeling aufkommt. Aber bei den Baustellen ist das wieder vorbei. An der Ausfahrt nach Auer sitzt auch wieder ein Mensch im Kassenhäuschen, der beim Kassieren aber vor allem mit seinem Telefonat beschäftigt ist. Das ist sicher nicht der erfüllendste Job. Im Tramin finde ich, wieder dank meiner Vorbereitung, sofort den geplanten Parkplatz. Leider ist er in der prallen Sonne, aber diesmal lege ich ein Papier auf das Lenkrad, denn nach dem MART habe ich mir fast die Hände verbrannt.

Es geht wieder zu Fuß bergauf, das Auto steht unterhalb von der Ortsmitte und mein Ziel, St. Jakob ist in Katelaz, einem Ortsteil, früher wohl ein eigenes Dorf, natürlich oberhalb der Ortsmitte. Ich steige in der Sonne hinauf, meine leichten Stadtsneaker sind eigentlich überfordert, ich schwitze, aber ich komme nach ein paar Minuten an. Erst einmal im Schatten auf dem Absatz, auf dem die Kirche steht, verschnaufen, und dann geht es hinein. Für den Eintritt steht da eine Kasse zum Einwerfen von Münzen, zusammen mit dem Hinweis auf Videoüberwachung gegen Plünderung. Dann kann ich die teils romanischen Fresken bewundern. Hier sind besonders die Monsterdarstellungen in der untersten Reihe der Seite mit der Apsis außergewöhnlich.

St. Jakob in Kastelaz: Fresken
St. Jakob in Kastelaz: Fresken

Das ist wirklich beeindruckend und man kann fast den Bogen zur Pop-Art schlagen, mit der das MART aufhörte. Nach ausgiebiger Würdigung und vielen Fotos, auch der anderen Fresken, verlasse ich die Kirche wieder und steige auf einem anderen, schattigeren und weniger steilen Weg hinab in die Ortsmitte nach Tramin. Da kommt mir ein junger schwarzer Kater entgegen, der sich scheinbar auf dem Weg hinauf befindet. Ich gehe auf meiner Seite runter, er auf seiner hoch. Als ich mich umdrehe, kommt er auch wieder herunter. Vielleicht sucht er weniger Abenteuer als vielmehr Zuneigung. In all meiner Härte gehe ich einfach weiter. Dieser Steig kommt direkt bei einer Eisdiele heraus. Ich werte das als Zeichen und kaufe mir ein Eis. Kurz vor dem Hauptplatz in Tramin stoße ich auf einen Supermarkt, vor dem ich schnell den Rest meines Eises aufesse und dann drinnen Limonaden kaufe, ein kleine, kalte für jetzt, den Rest für den Kühlschrank in der Ferienwohnung. Am Hauptplatz setze ich mich auf eine schattige Bank unter einem Baum und gönne mir die kalte Limonade und mache meine Buchhaltung. Danach gehe ich hinunter zum Auto und fahre los nach Kaltern. Es ist schon fast vier.

In Kaltern geht es direkt zu einem Weinvertrieb meines Vertrauens, wo ich zwei Weiße probiere und gleich kaufe, neun Flaschen zusammen. Und wieder nehme ich einen Grappa mit. Ich kannte das ja alles schon bis auf den Sauvignon. Das war ein schneller Umsatz für diese freundliche Verkäuferin. Sie hilft mir netterweise, meine Beute zum Auto zu tragen. Ich verstaue alles schnell und es geht zurück zur Ferienwohnung, wo ich alle Einkäufe hochtrage. Dafür muss ich zweimal gehen. Es ist nach halb fünf, als ich das erledigt habe und, bis ich unter die Dusche gehe, ist es fünf.

Um sechs gehe ich schon wieder los in ein nahegelegenes Grillrestaurant, eine weitere Empfehlung der Hausherrin. Dort sitzt man in einem großen alten Gewölbe und der Chef und Oberkellner steht selbst am Grill in einer Ecke des Raums, wenn er gerade nicht bedient. Ich bekomme den letzten nicht reservierten Tisch, schon wieder einmal zahlt es sich aus, dass ich früh zum Essen gehe. Später improvisieren sie aber und setzen Gäste an erst später reservierte Tische. Das Ambiente ist wirklich toll, aber selbst im alten Gewölbe ist es ganz schön warm. Es gibt einen Filetspieß und dazu Grillgemüse, begleitet von einem sehr feinen Lagrein und stillem Wasser. Danach noch ein Halbgefrorenes mit Mandelgeschmack und Krokant. Ein wirklich lukullisches Mahl, das aber auch seinen Preis hat. Pizza ist billiger, viel billiger. Als ich bezahle, legt der Chef noch einen Grappa drauf. Ich bin außerordentlich zufrieden, auch wenn das wirklich kein Schnäppchen war. Um halb acht bin ich zurück in der Wohnung. Endlich Gelegenheit das Travelblog zu schreiben.


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