Am Mendelkamm

Travelblog für 26.06.2019

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Trotz einer sehr warmen Nacht bin ich wunderbar erfrischt, als ich kurz nach sieben das Morgenritual beginne: wieder einmal Duschen, Brötchen holen, Frühstücken, Rucksack packen. Da der Hals ein wenig gekratzt hat, gibt es zum Frühstück einen Kamillentee. Um zwanzig nach acht mache ich mich auf den Weg hinauf zur Mendelbahn. Ich möchte die Bahn um 08:53 Uhr nehmen. Das bekomme ich auch super hin, ich muss fast eine Viertelstunde warten. Tickets gibt es nur am Automaten, aber daran bin ich ja langsam gewöhnt. Die meisten Fahrgäste wollen bergwärts blicken, so bekomme ich leicht einen Platz, der talwärts schaut. Die Standseilbahn fährt völlig ruckfrei los und nimmt Fahrt auf. Abgesehen von der Schrägbauweise und damit auch eigenen Türen auf jeder Stufe hat der Zug das Ambiente einer modernen Straßenbahn. Meistens hat man keinen besonderen Ausblick bei der Bergfahrt, aber manchmal kann man einen Blick erhaschen. Auf der Strecke gibt es leichte Kurven und zwei Tunnels. Bei einer normalen Seilbahn käme man nie auf diese Idee. In der Mitte kommt wie erwartet der Gegenzug auf der Ausweiche entgegen und pünktlich um fünf nach neun ist sie oben am Mendelpass. Die Bahn ist auch komplett in den Südtiroler Nahverkehrsverbund integriert.

Mein Weg ist nicht zu verfehlen, ich versichere mich aber auf der Handykarte. Ich möchte nach Süden auf dem Mendelkamm laufen in Richtung des Roen. Den will ich aber nicht besteigen, denn bei meiner mittelmäßigen Kondition will ich auch morgen noch wandern können und nicht wegen Muskelkater ausfallen. Mindestens bis zur Lawinenspitz soll es aber gehen. Der Weg beginnt als asphaltierte Forststraße, was aber bald zu einem Schotterweg wird. Er wird im Verlauf etwas rauher und nach einiger Zeit auch steiler, irgendwie muss die zusätzliche Höhe ja gewonnen werden. Meist verläuft der Weg im Wald, manchmal auch über Wiesen. Kurz nachdem er über eine Skipiste und unter einem Sessellift, der seltsamerweise völlig leer läuft, hindurch ging, bin ich an der Halbweghütte. Ich noch nicht einmal eine Stunde unterwegs, deshalb lasse ich sie buchstäblich links liegen. Da allerdings auch die Lawinenspitz nicht mehr weit ist, schaue ich auf der Karte nach weiteren Zielen. Noch etwa zwei Drittel des bisherigen Weges weiter ist das Rifugio Malga Romeno, man ist ja hier schon im Trentino, das mein nächstes Ziel wird. Wieder geht es hinauf durch den Wald und über Wiesen, teils einigermaßen steil, aber immer noch zumindest prinzipiell ein Forstweg. Gelegentlich begegne ich Wanderern, bemerkenswert ist jedoch ein schon älterer Mountainbiker, der alles aus seinem e-Mountainbike herausholt und massiv unterstützt mit über zehn Sachen den steilen Weg hochrast. Seine Gruppe kommt erst deutlich später. Es wird im Wald zu einer Weide und hinter einer kleinen Kuppe, auf der sich auch gerade die Kühe versammeln, neben der Mountainbikergruppe, sieht man das Ziel: Noch einen Weidehang eben queren und ich bin da. Es ist kurz nach elf und ich bin ziemlich genau zwei Stunden unterwegs, da kann ich mich mit einer kurzen Einkehr belohnen. Ich hole mir drinnen zwei alkoholfreie Weißbiere, weil es hier nur Drittelchen sind, und setze mich auf die Terrasse mit Blick nach Westen ins Nonstal und die Berge in Richtung Nordwesten. Das Bier ist schnell weg und ich gehe weiter, zwar nicht den Gipfelaufstieg zum Roen, der hier abgeht, sondern die Forststraße weiter in Richtung Überetscher Hütte. Da ein Schild den Weg mit einer Viertelstunde angibt, werde ich da mal hinschauen, hatte ich doch zuerst nur auf einen Ausblick am halben Weg gehofft. Die Einschätzung zur Dauer stimmt und den Ausblick hat man erst auf der Terrasse der Hütte. Und weil ich herzlich begrüßt wurde, gibt es noch ein alkoholfreies Weißbier, diesmal eine Halbe. Nachdem ich das zusammen mit dem Panorama genossen habe, geht es auf den Rückweg. Hier geht zwar auch eine Ferrata auf den Gipfel des Roen und ein Abstieg nach Kaltern runter, aber beides kommt nicht in Frage. Es ist zwar erst zehn vor zwölf, aber es geht dennoch zurück.

Mendelkamm: Weide
Mendelkamm: Weide

Der Rückweg ist dann auch auch genau der Hinweg, wobei man in dieser Richtung ein paar schöne Ausblicke in Richtung der Dolomiten, zum Beispiel zum Latemar, wahrnimmt, die ich am Hinweg nicht gesehen habe. Beim Absteigen spüre ich hin und wieder die Entzündung in der rechten Ferse, die ich schon seit zwei Jahren nicht ganz los werde, es bleibt aber bei gelegentlichem Ziehen. Es kommen auch einige Wandergrüppchen entgegen, und jedesmal ist die Frage, grüßt man sich auf Italienisch oder auf Deutsch. Zweimal muss ich deutschsprachigen Wanderern erklären, wie weit es noch zu den Hütten ist. Oberhalb der Halbweghütte geht ein weiterer Abstieg nach Kaltern ab, von dem, bevor es hinab geht, ein Verbindungsweg zur Lawinenspitz abzweigt. Den nehme ich dann auch und komme mit kurzem Anstieg nach vorn. Auf dem höchsten Punkt steht statt einem Kreuz ein Sendemast und auch auf dem vorgelagerten Aussichtspunkt etwas weiter vorn und unten ist nur ein alter Fahnenmast. Vereinzelt sind auf diesem ganzen Gipfelrücken auch Wanderer, welche die Aussicht genießen wollen oder Mittag machen, oder beides. In der Senke zwischen dem Hauptrücken mit Sendemast und dem Aussichtspunkt mit Fahnenmast sind zwei acht Meter lange Holzbänke mit einem genauso langen Tisch, doch nur genau ein Platz davon ist im Schatten einer kleinen Fichte. Das wird mein Brotzeitplatz. Ich verspeise meine Käsesemmel und muss erst jetzt meine Wasserflasche hervorholen, auch wenn ich viel geschwitzt habe, Weißbier sei Dank.

Lawinenspitz: Panorama
Lawinenspitz: Panorama

Nach der Brotzeit mache ich mich um Viertel nach eins auf den Weg zurück zum Mendelpass. Dank der Handykarte kann ich selbstsicher einen Pfad zum Ende des Sesselliftes, der jetzt steht, gehen. Ein Pärchen, das sich auf diesem Pfad nicht sicher ist, geht ihn mir dann hinterher. Noch ein kleines Stück die Skipiste hinunter und ich bin wieder auf dem Forstweg von meinem Aufstieg. Da sind jetzt irgendwie einige Wandergruppen unterwegs, die ich ganz, ganz langsam einhole, darunter eine, in der die Mutter mal wieder deutlich attraktiver ist, als die Teenager-Tochter. Nach und nach überhole ich alle Gruppen, obwohl ich mich nicht beeile, und habe dann wieder „freie Bahn“. Wie erwartet komme ich um zehn nach zwei am Mendelpass an, nehme aber nicht die Bahn, die in drei Minuten geht.

Ich werfe einen Blick auf die ganzen Läden auf der Passhöhe und gehe dann zum Aussichtspunkt bei der Bahnstation. Da mache ich noch ein paar Bilder vom Panorama, denn es hat seit heute morgen erkennbar aufgeklart. War am Morgen kaum die andere Talseite des Etschtales gut zu erkennen, dahinter waren Weißhorn und Schwarzhorn schon kaum im Dunst auszumachen, so kann man jetzt eingermassen gut zum Latemar sehen, auch wenn es noch etwas dunstig ist. Ich kaufe mir ein Eis, Apfel und Ananas, für den Rest der Wartezeit, und pünktlich kommt die Bahn an. Ich steige ins oberste Abteil, wo sich zuerst drei Jungen rein setzen und dann noch eine Familie mit zwei Kinderwagen. Nur das oberste ist für sie möglich. Die junge Mutter setzt sich mit dem jüngsten am Arm neben mich. Kurz interessiert es sich für meinen Arm, aber den Rest der Fahrt greift es die Hand des auf der anderen Seite sitzenden Jungen, der da begeistert mitspielt. Leider gibt es in diesem Abteil nur Sitze mit Blick bergwärts, so dass ich eigentlich nur die Seile auf den Rollen verfolgen kann. Unten mache ich mich gleich auf den Weg zurück zu Unterkunft, lege aber einen kurzen Zwischenstopp im Supermarkt ein für Aprikosen und Müsliriegel. Das sollte der letzte Supermarktbesuch vor dem Hofer in Sterzing auf der Rückfahrt gewesen sein. Um Viertel nach drei bin ich in der Ferienwohnung, verräume die Einkäufe, dusche und leg mich etwas hin.

Später schreibe ich eine wichtige Mail zum Job und suche eine andere Wandertour für morgen heraus, etwas, das zu meiner Kondition passt, so dass ich am Freitag nicht kaputt die Heimfahrt antreten muss. Ich werde sehr schnell fündig und bereite die Informationen auf. Dann dusche ich nochmal wegen der großen Hitze hier im Tal und gehe um fünf vor sechs los. Ich habe vor, ein empfohlenes Restaurant zum zweiten Mal zu besuchen, denn es wurde mir auch wegen der Pizza empfohlen, und das will ich heute ausprobieren. Ich bekomme einen Tisch draußen im Schatten, auch wenn schon wieder viele Tische reserviert sind. Es gibt eine Pizza Capricciosa, dazu ein Glas Magdalener und Wasser. Danach noch ein Erdbeerhalbgefrorenes und einen besonderen Grappa. Alles hervorragend und preislich sehr fair. Nach dem Essen gehe zurück und schreibe ab halb acht das Travelblog.


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