San Romedio im Nonstal

Travelblog für 27.06.2019

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Heute ist es endlich einmal soweit, dass ich hinter dem Mendelkamm im Nonstal eine Wanderung mache. Das Morgenritual beginnt um sieben nach einer viel zu warmen und unruhigen Nacht, wie jedesmal Duschen, Brötchen holen, Frühstücken, Rucksack packen, und es ist noch nicht einmal zehn nach acht, als ich losfahre in Richtung Mendelpass. Es ist erst angenehm frei, doch schon in St. Anton hänge ich hinter einem LKW für Bauschuttcontainer, ohne Container. Er müht sich redlich auf der engen Straße, aber das ist nicht dasselbe. Dementsprechend freue ich mich, als er an der Mendelpassstraße abwärts fährt. Ich will aufwärts und habe jetzt freie Fahrt, noch über tausend Höhenmeter hinauf. Die wird auch nicht weiter getrübt, hin und wieder ist ein Radfahrer zu überholen, es gibt allerdings Gegenverkehr, vielleicht Leute, die auf dem Weg zur Arbeit sind. Die unteren Kehren bin ich in meiner Richtung ganz allein, wodurch ich hier gleichzeitig entspannt unterwegs sein kann und Fahrspaß genieße. Auch im Mittelstück, als die Straße schmal in engen Kurven an der Felswand aufsteigt, ist das eindeutig noch so, hier ist allerdings Gegenverkehr wegen der Enge etwas lästiger. Danach im oberen Teil mit Kehren taucht hinter mir ein Tiguan auf, gefolgt von Motorradfahrern. Ersteren hänge ich in den Kehren immer wieder ab und die Motorradfahrer sehen keine Gelegenheit oder Notwendigkeit zu überholen. Hinter der Passhöhe sind die Motorradfahrer weg. Dort geht es weniger spektakulär und weniger deutlich durch den Wald hinab. Allerdings steigt die Straße schon auch wieder ein gutes Stück ab, nicht so, wie ich es vom letzten Jahr in Erinnerung hatte, wo ich den Anstieg nicht so wahrnahm, wohl besonders wegen des Kontrastes zur anderen Seite. Ich fahre noch ein ganzes Stück das Nonstal recht weit wieder hinab, bis ich in Sanzeno bin. Dort ist mein Wunschparkplatz beim Museo Retico auch direkt an der Straße. Leider ist kein einziger Platz im Schatten, und das, wo ich hier heute der Erste hier bin und freie Auswahl habe. Egal, ich hole mein Parkticket, decke das Lenkrad mit meiner Einkaufstasche ab und mache mich fertig.

Felsenweg nach San Romedio
Felsenweg nach San Romedio

Es ist kurz vor neun, als ich loswandere. Nach einem kurzen Blick in eine Sackgasse gehe ich ein paar Meter an der Straße entlang und dann beginnt der Pilgerweg zur Wallfahrtskirche San Romedio. Nachdem man ein paar Meter unterhalb der Straße ist, geht er eben um einen kleinen Talkessel herum, dabei geht es in den Wald und nach kurzer Zeit sieht man, warum er auch Felsenweg heißt: Es geht schon mal direkt mit Geländer an einer Felswand entlang. Da steht auch ein Schild, welches das Tragen eines Helms nahelegt. Ich habe leider nur meinen Softhelm. Die Mütze muss reichen. Zunächst geht der Weg eben auf halber Höhe am Hang entlang, aber sehr bald wird es spektakulär: Der Weg ist in den Fels hinein gehauen und geht dreißig Meter über der Talsohle dieser recht engen Schlucht auf halber Höhe eben in die Schlucht hinein. Dabei ist er oft wie ein halber Tunnel hineingehauen, nur die Deckenhöhe ist sehr niedrig, teils unter einsfünfzig. Über ganze Strecken muss man den Weg gebückt wandern. Mir scheint, die Helmempfehlung ist weniger wegen Steinschlag gegeben worden, sondern vor allem, um sich nicht schmerzhaft den Kopf anzuhauen. Dabei ist es gut, dass es immer ein stabiles Holzgeländer gibt, denn wenn man auch noch darauf achten muss, dass man nicht abstürzt, dann ist die Gefahr viel größer, sich doch den Kopf weh zu tun. Unten in der Schlucht verläuft auch noch die Straße neben dem Bach, aber dieser Weg ist in jedem Fall sehr viel spannender. Nach einem gefühlt sehr langen Stück im Felsen wird die Schlucht etwas breiter und der Weg zu einem immer noch ebenen Wanderweg durch den Wald. Als sich die Straße fast bis zum Weg herauf bewegt hat, gibt es erneut eine Möglichkeit, auf die Straße zu wechseln, was auch erkennbar nahe gelegt wird. Ich tue das, aber sehe, dass der Felsenweg sich dort noch einmal in den Fels schmiegt. Als von der Straße wieder auf den Wanderweg geleitet wird, gehe ich den Felsenweg zurück und verstehe, warum das Stück von etwa hundert Metern nicht mehr wirklich offen ist: Es geht an mit Drahtgeflecht gesicherter Felswand entlang, verläuft zum Teil hinter dem Steinschlagschutz für die Straße, der hier wirklich angebracht scheint. Das vergällt einem auch den kleinen echten Tunnel, wieder mit niedriger Deckenhöhe und unbeleuchtet. Das ist alles ein echtes Risiko, auch wenn der Tunnel nur etwa zwanzig Meter lang ist, aber auch die Steinschlaggefahr scheint hier immens. Nur wenig weiter endet auch der Wanderweg und man muss endgültig auf die Straße wechseln. Hier ist eine ganze dreißig Meter hohe Felswand über ihre ganze Breite mit Drahtgeflecht gegen Steinschlag gesichert. Aber gleich danach geht die Straße über eine Brücke und kurz danach zweigt der steile Aufstieg zur Wallfahrtskirche ab. Die Kirche steht hoch auf einem Felsen, da wo zwei Schluchten ineinander münden. Ich bin jetzt etwa eine Stunde unterwegs.

San Romedio
San Romedio

Der Anstieg ist zum Glück nicht lang und dieser Wallfahrtsort ist auch mehr eine Reihe von übereinander gestapelten Kapellen unterschiedlicher Größe. Ich sehe mir das natürlich genau mit allen Kapellen an und steige die steilen Treppen bis ganz hinauf, kurz hinter der obersten Kapelle ist noch der Aussichtsturm gut siebzig Meter über der Brücke. Dann gehe ich wieder die Treppen hinab, deren Wände mit Votivbildchen und Dankesdevotionalien gepflastert sind. Ich spare mir das Bärengehege, denn auch wenn der hiesige Heilige mit Bären in Verbindung gebracht wird, muss man die Tiere nicht hier halten. Ich steige vielmehr den Wanderweg, meist eine Forststraße, zu den beiden Seen hinauf. Es steigt ordentlich an und nach einer Kuppe, die ich für einen kleinen Pass halte, komme ich schnell an eine Kreuzung. Ohne die zahlreichen Wegweiser genau zu lesen und mit nur einem flüchtigen Blick auf die Karte nehme ich den Weg hinab, ich will ja zu den Seen. Nach dreihundert Metern traue ich der Sache nicht mehr, denn der Weg ist zu schlecht und verfällt. Ich war zwar bisher abseits der Kirche weitgehend allein unterwegs, nur zwei Biker danach, aber das scheint mir zu ungepflegt. Ein genaue Konsultation der Karte macht mir klar, dass ich nicht die Abzweigung bergab, sondern die bergauf hätte nehmen müssen. Das waren also fünfzig Höhenmeter Blindleistung. Wieder zurück nehme ich die richtige Abzweigung, steige weitere fünfzig Höhenmeter im Wald auf und komme bei den Seen heraus: Es sind zwei kleine Stauseen in einem Hochtal, fast direkt hinter der Kante des Höhenrückens.

Ich gehe den ersten See entlang, und weil ich jetzt gern meine Brotzeit machen möchte, halte ich nach einer Bank im Schatten Ausschau. Dabei bin ich nicht einmal zwei Stunden unterwegs, aber dieser Aufstieg zum See mit dem Verlaufen hat mich etwas angestrengt. Etwa bei der Mitte des zweiten werde ich fündig. Während ich meine Schinkensemmel genüsslich verspeise, sehe ich, dass auf der gegenüberliegenden Seite des Sees eine richtige Parkanlage wie ein Naherholungsgebiet ist. Ich esse erst noch noch meine Aprikosen, dann gehe ich aber dort hinüber und finde eine besonders lauschige Bank im Schatten. Da breite ich mich aus, esse noch meine Müsliriegel und ziehe diese Pause wunderbar in die Länge. Dieses Ambiente erinnert mich sehr an amerikanische State Parks, die sehr oft auch teils recht deutlich gestaltete Naherholungsgbiete sind, oft auch an Stauseen. Es ist zwölf durch, als ich wieder losgehe.

Waalweg bei Coredo
Waalweg bei Coredo

Ich nehme den Wanderweg über der Straße in den nahegelegen Ort Coredo. Dabei stellt sich heraus, dass es ein toter Waalweg ist. Nun ist nicht der Weg kaputt, aber der Waal liegt trocken. Zuerst denke ich, durch die Stauseen ist die Quelle nicht mehr verfügbar, dann sehe ich aber, das Wasser würde zu den Seen hin fließen. Ich denke also, dort wird kein zusätzliches Wasser mehr gebraucht und sie habe ihn deswegen trocken gelegt. Im Ort verlasse ich den Waalweg und dank meiner Handykarte navigiere ich durch ein kleines Gewirr von Sträßchen an einem Hang und komme auf die Straße, die mich durch den ganzen Ort direkt zum Wanderweg hinab nach Sanzeno führt. Der Weg geht erst durch Obstgärten und die Sonne steht genau in meinem Rücken, da brennt sie einem schon heftig drauf in dieser Mittagshitze, denn hier gibt es gerade kaum Schatten. Aber bald wird der Weg zu einem Pfad, der durch den Wald hinab führt und hier ist es im Schatten des Waldes viel erträglicher. Als es dann auf Sanzeno zugeht, geht es wieder durch Apfelplantagen und der Schatten ist wieder spärlicher. Dann kommt der Weg auf der Landstraße heraus und ich muss die Hauptstraße ein kleines Stück ohne Fußweg entlang gehen, doch schon kurz vor Sanzeno ist dann links ein Fußweg. Natürlich bin ich am unteren Ende des Ortes und mein Parkplatz ist am oberen Ende. Ich muss also, abgesehen von einer kleinen, steilen Abkürzung, die ganze Hauptstraße hochlaufen. Da gibt es bei der hochstehenden Sonne freilich wieder einmal wenig Schatten und auch mein Auto war die ganze Zeit in der Sonne gestanden. Als ich dort bin, mache ich alle Türen und die Heckklappe auf, wechsele die Schuhe und trinke mein letztes Wasser.

Gegen halb zwei fahre ich los, aber nicht zurück in Richtung Mendelpass, sondern talabwärts in Richtung Trient. Das mag ein wenig länger sein, aber ich bin schon so weit unten, dass es vermutlich die bequemere Strecke ist. Das bewahrheitet sich auch, und ich biege nur einmal falsch ab, weil ich von einem Anruf zur Koordination des kommenden Wochenendes abgelenkt bin. Das ist aber gleich korrigiert und ich bin wieder auf Kurs. Am Talende kurz vor dem Etschtal lasse ich mich von der Beschilderung in einen Umgehungstunnel leiten, der für mich aber einen kleinen Umweg bedeutet. Vielleicht ist es aber stressfreier so. Ich komme dennoch problemlos nach San Michele, wo ich sozusagen auf die Brennerlandstraße einbiege. Die ist sehr entspannt und bei Salurn präsentiert sich die Burg sehr spektakulär auf einem hohen Felsen, aus dieser Richtung als gäbe es gar keinen Weg hinauf, da sie direkt auf senkrechten Felswänden aufbaut. Ich fahre in Neumarkt zu dem Supermarkt, den ich schon kenne, heute enttäuscht mich das Angebot allerdings: Weder finde ich ein paar edle Beeren, noch ist der Kühlschrank mit den Red Bull Limonaden gefüllt. Ich hätte mich sehr auf Bitter Lemon gefreut, ziehe aber komplett unverrichteter Dinge wieder ab. Also fahre ich über Tramin zurück in die Ferienwohnung, wo es kalte Getränke im Kühlschrank gibt.

Etwa Viertel vor drei bin zurück und gehe erst einmal unter die Dusche. Ich lege mich kurz hin, finde aber keine Ruhe, also räume ich ein bisschen Sachen für die Rückreise zusammen, schreibe am Travelblog und spüle ab. Und ich dusche noch einmal.

Um fünf vor sechs ist es wieder einmal Zeit, essen zu gehen. Ich trage schon mal die erste Tasche ins Auto. Es geht wieder dorthin, wo ich vor vier Tagen das Gulasch hatte. Ich bin mit dieser Speisekarte noch nicht fertig. Ich bekomme einen Platz unter dem Vordach der recht nett ist, aber durch die Fenster scheint mir noch die Sonne auf den Rücken, was mir auch wieder recht warm werden lässt. Das wird aber von dem alkoholfreien Weißbier angenehm gemildert, zum Glück gibt es hier Halbe. Beim Anblick der Karte verwerfe ich das Knödeltris, das ich auch im Blick hatte, und entscheide mich doch für die Spareribs. Im Bereich, der dem Garten zugewandt ist, sitzt eine große, erkennbar zusammengehörige Gruppe, vermutlich ein Chor auf Reisen, der immer wieder in in Gesang ausbricht. Das wird häufiger im Lauf der Zeit, je weinseliger sie werden. Ich finde das nicht so toll, mögen sie ihre Geselligkeit haben, aber die Gesangseinlagen sind nun einmal nicht jedermanns Fall, und sie sind nicht allein hier. Ich werde aber durch wunderbare gegrillte Spareribs mit Rösti entschädigt. Das Fleisch löst sich so gut vom Knochen, dass die Ribs problemlos mit Messer und Gabel komplett gegessen werden können. Geschmacklich sind sie ein Traum. Zur Verdauung gibt es noch einen Grappa vom Lagreiner, allerdings singen sie grad schon fast lästig viel. Deswegen zahle ich auch und gehe zurück zur Ferienwohnung, kaum dass es Viertel nach sieben ist. Da trage ich noch meine Schuhe, Jacken und die Wanderausrüstung ins Auto hinunter, hole mir eine Kanne Wasser an der Hauptleitung auf der Terrasse, wo gerade die Hausherrin mit ihrer Familie und ihren Eltern beim Abendessen sitzt. Dann ist es Zeit, das Travelblog zu schreiben, anzufangen, den Koffer zu packen, und den verbliebenen Weißwein im Kühlschrank auszutrinken.


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