Freiheit und Gehirn

Eine Kritik und Replik zu Markus Gabriels "Ich ist nicht Gehirn"

Thomas Schall (September 2016)

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Abstract

Die strukturellen Schwächen in der Argumentation von Markus Gabriel in seinem Buch "Ich ist nicht Gehirn" und die kritische Auseinandersetzung damit führen zu einer klaren Formulierung abweichender wissenschaftstheoretischer und philosophischer Annahmen, die in wesentlich besser motivierter und belegter Verbindung zu validen Erkenntnissen aus den Naturwissenschaften, allen voran den Neurowissenschaften stehen. Die Argumentation in der Kritik zeigt auf, wie sich Erkenntnisse aus Naturwissenschaften und Philosophie in für beide Seiten befruchtender Weise miteinander verknüpfen lassen, ohne dass dabei deren Eigenart und spezifische Erkenntnisse verloren gehen oder bedeutungslos werden müssen. Diese Zusammenführung findet bei den Konzepten des selbstbewussten Individuums, seiner Weltwahrnehmung und seines Handelns statt, die sich durchaus valide (neuro-)biologisch wie traditionell philosophisch betrachten lassen. Es wird gezeigt, dass diese sich nicht unvereinbar gegenüber stehen müssen, sondern in eine beide Disziplinen befruchtende Beziehung bringen lassen.


Inhaltsverzeichnis

  1. Kritische Worte zur Untersuchung
  2. Wissenschaftstheorie, Naturwissensschaften und Philosophie
  3. Von der Neurophysiologie zur Freiheit des Handelns
  4. Evolution und Historie
  5. Fazit

Das Buch "Ich ist nicht Gehirn" von Markus Gabriel ist ein interessantes Werk, das großartiges Potenzial verspricht und dann doch an meiner persönlichen Vorstellung vom Thema grandios scheitert, auch wenn mir selbst bei der Lektüre Einsichten vergönnt waren. Diese gewann ich aber eben vor allem aus meinem persönlichen inhaltlichen Widerspruch zu dem dort Präsentierten.

1. Kritische Worte zur Untersuchung

In dem Buch versucht Gabriel vehement, eine Philosophie des Geistes gegen Neuroreduktionismus zu verteidigen, der seiner Ansicht nach alles nur auf Gehirnaktivität zurückführen will und meint, zur Erklärung von Allem reiche die Beschreibung der Aktivität von Gehirnzellen. Das macht er teilweise pointiert und mit einfachen, verständlichen Beispielen. Schließlich ist sein Anspruch, auch die philosophischen Fragen nach Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Ich und Freiheit so zu vermitteln, dass es eben keine umfassenden Vorkenntnisse zum Verständnis braucht. Er scheut sich dabei mitunter auch nicht davor, die Gegenpositionen zu seiner eigenen der Lächerlichkeit preiszugeben. Leider macht ihn dieser manchmal etwas bemühte Esprit zusammen mit häufigen, nicht immer im Rahmen seiner Argumentationskette nachvollziehbaren Abschweifungen eher unglaubhaft, wenn man dann doch ernsthaft versucht, seine Argumente zu verstehen.

Es scheint so, dass er sich zwar mit voller Überzeugung gegen einen radikalen Neuroreduktionismus wehrt, dies aber wenigstens in Teilen auch wie Marketing für seine angestrebte Philosophie des Geistes erscheint, die in ihrem Kern sonst so gar nichts mit den Neurowissenschaften am Hut hat. Denn, wenn man einmal von öffentlichen Aussagen absieht, die vielleicht auch der Einwerbung von Fördergeldern dienen mögen, so ist mein Eindruck eher der, dass die wenigsten ernsthaften Neurowissenschaftler die Überzeugung vertreten, es sei nichts als neuronale Aktivität, was unser Leben ausmacht, und alles könne damit vollständig beschrieben werden. Gabriel besteht vollkommen zurecht darauf, dass diese nicht die einzige Realitäts- und Beschreibungsebene ist. Das allerdings dürfte auch von vielen anderen Geistes- und Naturwissenschaftlern, auch besonders in Disziplinen mit Ausrichtung auf neuronale Phänomene, kaum bestritten werden. Andererseits wendet er sich nicht differenzierteren Positionen der Neurowissenschaften zu und schon gar nicht Detailerkenntnissen, die hier zur Erhellung beitragen könnten. Auch generelle wissenschaftstheoretische Aspekte lässt er durchweg beiseite, vorgeblich anscheinend gerechtfertigt durch zugegebenermaßen steile Behauptungen und Ansprüche die einzelne, in solchen im Kern philosophischen Fragen recht naive Neurowissenschaftler sich zu eigen machen. Doch dann selbst so eine Naivität in der Vermittlung an den Tag zu legen, schadet seiner eigenen Argumentation.

In seiner Darlegung bestätigt er wiederholt, dass alles Geistige nicht ohne das Gehirn denkbar ist und dass die Konzepte des Individuums ohne dieses Substrat, ohne genau diese Hardware nicht denkbar sind. Er aber trägt nichts dazu bei, wie diese mentalen Kategorien mit der körperlichen Domäne verknüpft sein könnten. Er belässt es bei der trivialen Aussage, dass es ohne Gehirn nicht geht. Dabei können genau hier die Neurowissenschaften interessante Hinweise liefern, auch wenn viele Details vielleicht noch nicht hinreichend durch Forschungsergebnisse konkretisiert sind.

Es gibt durchaus zahlreiche Aspekte, wo Ergebnisse aus der Erforschung neurophysiologischer Prozesse auch der philosophischen Erkenntnis helfen könnten. Die Entstehung von Bedeutung kann zum Beispiel durchaus von beiden Disziplinen, wenn auch notwendigerweise unter verschiedener Perspektive erforscht werden. Wenn beide Seiten versuchen, die Implikationen der Ergebnisse der jeweils anderen Seite für sich selbst zu verstehen, dann sind auf beiden Seiten durchaus neue Einsichten zu erwarten. Ebenso ist das Konzept von Bewusstsein als sogenannter "emergenter Eigenschaft" der komplexen Gehirnstruktur weiterer Betrachtung jenseits der Neurowissenschaften würdig. Bewusstsein entsteht demnach durch die extreme Komplexität der neuronalen Verarbeitung, wobei es sicher noch weitere Randbedingungen gibt. Dies weist den Weg zu einer Brücke zwischen den von Gabriel gelegentlich gerne so unvereinbar präsentierten Neurowissenschaften und der Philosophie des Geistes. Ein anderes Merkmal der neuronalen Prozesse ist die Rekursion in der Verarbeitung über permanente Iteration, die aber (normalerweise) nicht in eine problematische Rekursion ad inifinitum wie in zahlreichen philosophischen Problemen führt.1

Als Kontrast stelle ich hier meine eigene Sichtweise dar, insbesondere eine zweifellos durchaus spekulative Vorstellung, wie neuronale Prozesse und geistige Wirklichkeit verknüpft sein könnten. Diese Argumentation ist zugegebenermaßen in meinem eigenen Buch Handbuch für Atheisten nur wesentlich verkürzt dargestellt worden, weshalb ich diese Gelegenheit nutze, sie genauer auszuführen. Aspekte wie die genannten untersucht er überhaupt nicht darauf, ob sie Implikationen oder Impulse für eine moderne Geistesphilosophie bedeuten. Sie scheinen ihn nicht zu interessieren. Auch zeigt er kein Interesse an der Linguistik, die ebenfalls ihre Verbindung zu Neurophysiologie und anderen Disziplinen sucht und sich zudem mit Konzepten (wie sprachlicher Bedeutung in der Semantik und sprachlichem Handeln in der Pragmatik) beschäftigt, die für die Philosophie des Geistes von großer Bedeutung sind. Er erwähnt nur gelegentlich in eher unspezifischer Weise die Sprachphilosophie, um seine Ansichten zu stützen.

2. Wissenschaftstheorie, Naturwissensschaften und Philosophie

Eine wissenschaftliche Disziplin und ihre einzelnen Fragestellungen stecken ihren Claim ab. Das bedeutet, dass sie üblicherweise ihren Untersuchungsgegenstand festlegen. Dies kann auch notwendigerweise quasi unwissenschaftlich erfolgen, heißt aber auf jeden Fall, dass das Untersuchungsgebiet von anderen Fragestellungen abgegrenzt wird, welche häufig dann der Gegenstand anderer Disziplinen sind. Zudem definiert eine Wissenschaft bzw. Fragestellung auch die Beschreibungsebene, auf der sie sich der Thematik widmet, weshalb es legitim ist, sich beispielsweise mit der Weltwahrnehmung auf einer physikalischen, einer physiologischen, einer psychologischen oder einer philosophischen Ebene zu beschäftigen, ohne dass hier eine die anderen obsolet macht. Im guten Fall befruchten sich die Erkenntnisse der verschiedenen (benachbarten) Beschreibungsebenen. Jede Disziplin benutzt dabei ihren eigenen methodischen Apparat und ihre eigenen begrifflichen Kategorien, weswegen sie gar nicht ohne weiteres die Ergebnisse anderer für nichtig erklären kann, denn dies würde voraussetzen, dass sich die Ergebnisse ohne weiteres Zutun und lückenlos eindeutig aufeinander abbilden ließen. Dann aber wären die Disziplinen austauschbar, was sie (meistens) nicht sind. Auch Neurowissenschaftler, die sich dieser – auch ihnen notwendigerweise zu eigenen – wissenschaftstheoretischen Grundlagen bewusst sind, werden daher nicht versuchen, die Geistesphilosophie zu "annektieren" oder überflüssig zu machen. Unter ernsthaften Teilnehmern an der Diskussion, die nicht bewusst, unbewusst oder naiv unrealistisch weitgehende Erklärungsansprüche reklamieren, sollte die Existenzberechtigung der Disziplinen schon aus ihren verschiedenen Beschreibungsebenen resultieren. Eine Verteidigung der Philosophie des Geistes als legitime Disziplin, die Gabriel so vehement verfolgt, wäre damit also eigentlich unnötig, denn alle, die dies in Frage stellen, müssten nicht nur diesen Anspruch, sondern darüber hinaus die Legitimität ihres Wissenschaftsverständnisses belegen, um nicht als Scharlatane zu gelten.

Da wissenschaftliche Betrachtung (egal, ob in Geistes- oder Naturwissenschaften) nicht nur den Sachbereich abstecken muss, sondern auch die Beschreibungsebene benennen muss, ist eine Erweiterung von Erklärungsmodellen auf einen größeren Sachbereich oder ein größere Spannweite der Erklärungsebene ist nur dann und in der jeweiligen unmittelbaren Nachbarschaft (fachlich gesehen) erfolgversprechend, wenn die Modelle universeller erscheinen, als Bereich und Ebene aktuell eingrenzen. Weitere Ansprüche sind Wildern in fremden Revieren und werden sehr schnell absurd und lächerlich. Verschiedene Beschreibungsebenen verschiedener Disziplinen bedeuten auch unterschiedliche Begriffe und Beziehungsgeflechte. Es ist aber gewünscht, wenn sich diese transponieren, aufeinander abbilden lassen, wenn auch verständlicherweise meist nur begrenzt, sobald es über verschiedene Disziplinen hinweg geht. Diese Beziehbarkeit auf Erkenntnisse aus fremden Disziplinen kann die Relevanz einer Disziplin bzw. einer Theorie aus einer Disziplin erhöhen, auch wenn sie in den seltensten Fällen die Erkenntnisse der anderen Disziplinen vollständig ersetzen kann.

Die Betrachtungsweise der Wissenschaften – ganz besonders in den Naturwissenschaften und an ihnen orientierten Disziplinen – sollte nach Möglichkeit streng zwischen dem Untersuchungsobjekt und dem Untersucher, dem Subjekt mit dem Ziel der Erkenntnisgewinns, trennen. Wo das nicht möglich ist, wie in der Quantentheorie, muss die Theoriebildung diese Problematik explizit benennen und aufnehmen. Das zeigt aber auch, dass Introspektion keine (vollständig) wissenschaftliche Methode ist, da das Subjekt, das Erkenntnis erzielen möchte, sich nicht vom Objekt der Erkenntnis trennen lässt, auch wenn dies gerne ignoriert wird und so verfahren wird, als sei dies ohne weiteres möglich oder von vorneherein kein Problem.

Die hier vorgelegte Differenzierung zwischen wissenschaftlichen Disziplinen führt allerdings zu einer begrifflichen Ambiguität in der weiteren Untersuchung dieses Textes. Zwei Arten des Ebenenbegriffes sind in der folgenden Darstellung zu unterscheiden: einerseits die neuronalen Prozessierungsebenen, also von der Verarbeitung der physikalischen Wahrnehmung noch in den Sinnesorganen über die verschiedenen Integrationsstufen zu abstrakten Konzepten und ihren Beziehungen, und andererseits die wissenschaftlichen Beschreibungsebenen, also die Unterscheidung zwischen physikalischer, biologischer, neurophysiologischer, evolutionstheoretischer oder philosophischer Sichtweise eines Sachverhalts. Ersteres ist ein Konzept der neurophysiologischen Beschreibung, während letzteres die wissenschaftliche Disziplin identifiziert, der eine Aussage zuzuordnen ist. Da diese sich gut unterscheiden lassen und mir in beiden Fällen eine gleichwertige begriffliche Alternative abgeht, werde ich es in beiden Kontexten beim Ebenenbegriff belassen und bei Bedarf explizit konkretisieren, auf welche Domäne referenziert wird.

Schon diese kleine wissenschaftstheoretische Diskussion zeigt, dass Geistesphilosophie und Neurowissenschaften ihre eigene Berechtigung haben, auch wenn sie sich teils denselben Themen widmen. Zweifellos arbeiten sie aus der jeweils eigenen, sehr verschiedenen Perspektive. Das ist aber kein Grund für eine der beiden Seiten, einen exklusiven Anspruch auf das Untersuchungsthema zu erheben. Vielmehr können sie sich gegenseitig befruchten, wenn aufgezeigt wird, wie sie sich angesichts der gemeinsamen Untersuchungsgegenstände verknüpfen lassen. Genau das soll der folgende Abschnitt erbringen, ausgehend von den neurophysiologischen Strukturen soll das Konzept der Freiheit erarbeitet werden, was oft unter dem problematischen Terminus des "freien Willens" gehandelt wird.

3. Von der Neurophysiologie zur Freiheit des Handelns

Die neuronalen Verarbeitungsprozesse basieren im Kern auf Erregungsmustern im Netzwerk der Gehirnzellen, die wiederum andere Erregungsmuster auslösen. Auf diese Weise werden einzelne Merkmale wie rote Farbe, eine kreisförmige Form, eine Bewegungsrichtung in der Wahrnehmung zu komplexen Objekten wie einem roten Ball, den ein Kind wirft. Weitergehend werden auch noch die entsprechenden emotionalen Assoziationen, Erinnerungen und Bewertungen durch weitere ausgelöste Muster aktiviert. Unter so einer Sichtweise ist klar, dass Wahrnehmung, Interpretation und Bewertung neuronal gesehen nicht als getrennte, völlig verschiedene Prozesse angesehen werden können, auch wenn wir das subjektiv so empfinden mögen.

Die Entstehung des Bewusstseins, eines "Ich", mag genau durch ein derartiges Abstraktionsvermögen zustande kommen, das einerseits hochintegrativ die Wahrnehmung mit Interpretation und Bewertung untrennbar verknüpft, andererseits eine Subjekt-Objekt-Trennung automatisch und willkürlich vornimmt, um das Wahrgenommene getrennt vom Wahrnehmenden konzeptionell manipulieren zu können. Die Subjekt-Objekt-Trennung, die mit ziemlicher Sicherheit neurophysiologisch verankert ist, macht die Bewertung wahrgenommener Situationen leichter und effizienter, da deswegen eine klare Trennlinie verläuft zwischen dem bewertenden Subjekt und dem bewerteten Objekt. Dies ist eine kurze Darstellung, wie Bewusstsein als neue sogenannte "emergente Eigenschaft" aus der Komplexität der neuronalen Verarbeitung entstehen könnte. Das eben Gesagte bedeutet auch, dass Bewusstsein und Selbstbewusstsein ununterscheidbar werden, sobald eine Art wie der Mensch ein Bewusstsein mit der Fähigkeit entwickelt hat, das eigene Bewusstsein in den Fokus seiner Aufmerksamkeit zu nehmen. Das Bewusstsein ist damit auch ein Mechanismus zur Aufmerksamkeitssteuerung, der es ermöglicht, den Fokus der Aufmerksamkeit flexibel und (zeitweise) unabhängig von der Wahrnehmung zu setzen. Solch eine Bewusstseinsdefinition ist jedoch nicht allein auf die Menschen beschränkt, wenn auch beispielsweise durch unsere Sprachfähigkeit nahe gelegt wird, dass wir das am weitesten ausgeprägte bekannte (Selbst-) Bewusstsein haben. Es scheint mir fast eine müßige Spiegelfechterei, wenn man dann noch diskutieren will, wohin das "Ich" in diesem Kontext gehört, da es ein weiteres überladenes und notorisch missverständliches Konzept ist. Belassen wir es erst einmal dabei, dass es die Bezeichnung des Subjekts mit Selbstbewusstsein für sich selbst sein mag.

Es ist nicht abwegig, dass die Musteraktivierungsprozesse in unserem Gehirn sich in Teilen aus sich selbst beeinflussen und steuern. Das bringt uns (evtl. auch nur indirekt) zu einer Handlungssteuerung aus uns selbst heraus – auf einer hohen Prozessierungsebene (und damit auch auf einer hohen Abstraktionsebene) – und somit zu einem "freien Willen". Dabei ist unerheblich, dass wir aktuell nicht genau wissen, wie das vor sich geht, ob bestimmte, aber gewöhnliche Aktivierungsmuster bei der Steuerung vorliegen, oder ob ganz bestimmte Spiegelneuronen feuern, obwohl sie es angesichts der wahrgenommenen Umwelt gar nicht "dürften". Von Bedeutung ist nur, dass die neuronalen Aktivierungsmuster der Umweltwahrnehmung nicht allein die weitere Verarbeitung und deren Muster bestimmen, sondern dass hier eine Selbstbeeinflussung auf der Ebene der Interpretation der wahrgenommenen Situation vorliegt. Umso klarer ist auch, dass dann die weitere motorische Reaktion auf die Situation, um mit ihr umzugehen, nicht allein von der Perzeption bestimmt ist, sondern auch von einem abstrakteren Handlungskontext, vielleicht in gewissen Fällen sogar maßgeblich davon gesteuert wird. In dieser Selbstbeeinflussung auf der Ebene der Interpretation der wahrgenommenen Wirklichkeit liegt die Freiheit des Handelns begründet.

Die zusätzlichen steuernden Erregungsmuster arbeiten rekursiv, sie nehmen die perzeptiven Muster auf und bewerten sie stets auf Basis von Steuerungsmustern und Erinnerungsmustern, die wenigstens zu wesentlichen Teilen abstraktere Konzepte repräsentieren. Weder die genaue Auslösung von steuernden und weiteren beitragenden Mustern abstrakterer Konzepte noch die Anzahl der Rekursionen sind deterministisch festgelegt. Ansonsten könnte man auch in komplexen Situationen auf die Millisekunde genau vorhersagen, wann eine Reaktion erfolgt. Das klappt bisher nur in neuropsychologischen Experimenten mit streng kontrolliertem Umfeld, das sehr vereinfachte und standardisierte Eigenschaften hat, und bei denen die Testperson genau instruiert ist (wenn auch vielleicht nicht über das wahre Erkenntnisziel). Dies allein zeigt nebenbei aber auch, dass experimentalpsychologische Erkenntnisse mehr als nur eine Berechtigung haben, sondern elementar zum Verständnis der Verbindungen zwischen Physis und Philosophie beitragen können. Bezogen auf die perzeptive Mustererkennung kommen die steuernden Elemente mit ihrer Rekursion quasi von der Seite herein und sind in der Lage eine motorische Reaktion grundlegend zu verändern. Die Erkennung von Mustern in der Wahrnehmung auf verschiedenen Abstraktionsebenen und ihre Verknüpfung sind zentrale Prozesse im Gehirn, weswegen es plausibel ist, dass dieselben Prozesse auch für höhere Funktionen zum Einsatz kommen. Die neuronalen Prozesse zur rein physischen Steuerung der Reaktionen sehen prinzipiell genauso aus, was diese Sichtweise weiter stärkt, denn das bedeutet, dass die Prozessierung von der Sinneswahrnehmung zu einer motorischen Verhaltensreaktion unter der neurophysiologischen Sichtweise einheitlich beschrieben werden kann. Allerdings stehen die verschiedenen Prozessierungsebenen für verschiedene Verarbeitungsschritte und verschiedene Grade an Abstraktion der verarbeiteten Konzepte.

In diesem Abschnitt wurde bereits einleitend dargestellt, dass ein zentraler Teil unseres bewussten Erlebens in der Bewertung von Wahrnehmungen und Interpretationen besteht. Vermutlich ist dies wie oben erläutert nicht ein komplett separater Mechanismus, sondern vielmehr eine bestimmende und vermutlich notwendige Komponente, die nicht anders strukturiert ist wie andere, so dass Selbstbewusstsein oder ein "Ich" nicht ohne ständig aktive, inhärente Bewertungsmechanismen denkbar ist. Details, wie die Frage, ob die Selbstbeobachtung und Steuerung bei den neuronalen Prozessen eine eigene damit eng verknüpfte Prozessierungsebene darstellt oder vollständig von der Ebene der Interpretation und Bewertung erbracht wird, sind als Thema für zukünftige Forschung offen. Das "Ich" ist wie schon angerissen wohl "nur" eine Kategorie der Selbstwahrnehmung innerhalb des Bewusstseins, auch hier könnten Spiegelneuronen beteiligt sein, das entzieht sich jedoch meinem aktuellen persönlichen Wissen. Aufmerksamkeits- und Handlungssteuerung, mentale Abstraktion losgelöst von der unmittelbaren Wahrnehmung, sowie Subjekt-Objekt-Trennung, die von der Außenwahrnehmung getrennt erscheinende Selbstwahrnehmung erzeugt, sind zentrale konstituierende Eigenschaften des Bewusstseins.

Bedeutung wird auf der Interpretationsebene zugewiesen, entsteht mithin überhaupt erst dort. Sie ist ein Produkt unseres Bewusstseins. Auf den vorgeschalteten Prozessierungsebenen sind es einfach oft schon sehr spezifische und detaillierte kategorisierte Wahrnehmungen wie zu Anfang dieses Abschnittes erläutert. Dieser Ansatz, Bedeutung zu erklären, der in neuronalen Strukturen verankert ist, aber dennoch eine sinnvolle Verwendung in philosophischen Argumenten ermöglicht, erlaubt uns physiologische Wahrnehmungen mit semantischen Begriffen zu verknüpfen. So wird es auch der philosophischen Sichtweise quasi top-down eröffnet, schlüssig bis zu messbaren körperlichen Vorgängen "hinunter" zu sehen.

Anders betrachtet zeigt es auch auf, dass eine Sichtweise, die von der neurologischen Prozessierung abstrahiert und mit Konzepten hantiert, die den "höheren" Prozessierungsebenen entsprechen, nicht nur völlig legitim ist, sondern auch valide eigene Erklärungen bieten kann, die mehr erklären, als eine rein neuronale Sichtweise. Eine philosophische Behandlung der Fragen auf einer solchen Ebene wird also gestützt, wenn man dieser Argumentation folgt – es ist also richtig und konstruktiv, beispielsweise über Motive und Handlungen zu diskutieren. Wir sind wenigstens auf unserer Interpretationsebene der Handlungen frei zu entscheiden, wie wir uns verhalten (wenigstens bei entsprechend wahrgenommenen Gelegenheiten), weil diese Prozessierungsebene eben nicht in allen Belangen und Details von zugrunde liegenden biologischen, neurophysiologischen oder physikalischen Prozessen bestimmt wird, sondern sich in Teilen selbst organisiert, und das auf einer Prozessierungsebene, die relativ zur Wahrnehmung ein hohen Abstraktionsgrad hat und teilweise losgelöst davon bzw. nicht direkt davon bestimmt ist. Handlungen und darauf basierende Ereignisse entstehen ohnehin erst durch die Interpretation von Vorgängen, sie brauchen also mindestens immer ein Subjekt, das sie als solche definiert, meist sogar mehrere, die sich auf die konkrete Interpretation des Vorfallenden als gemeinsames Verständnis des Objektes einigen.

In diesem Sinn verfügen wir damit fraglos über einen freien Willen, auch wenn dieser minimal zunächst "nur" als hoher Freiheitsgrad in der Handlungssteuerung durch das Bewusstsein festgemacht werden kann. Die Diskussion, welche Einflussfaktoren dort hineinwirken, bleibt dabei im Moment unentschieden, abgesehen davon, dass der freie Wille nicht losgelöst von allen Randbedingungen völlig unbeschränkt entscheiden kann. Allerdings ist auch der Begriff "(freier) Wille" selbst recht problematisch, und sollte eigentlich besser gefasst werden als die Undeterminiertheit in der Auswahl aus Handlungsoptionen, wobei ich momentan keinen griffigeren Terminus zum Vorschlag machen kann. Der "Wille" in der philosophischen Diskussion um "freien Willen" ist eben vermutlich eine Reifikation, die Konzentration und Verdinglichung einer Reihe von Konzepten, wie Intentionalität und Intention, Wunsch, Absicht, Ziel und der Einstellungen zu diesen. Es geht meiner Ansicht nach nichts verloren, wenn nur die spezifischeren Begriffe genutzt werden und auf das Konzept "Willen", das notorisch unklar ist und für Missverständnisse – wenigstens durch eine stets hereinspielende Alltagsinterpretation – sorgt, verzichtet wird, solange keine klarer definierbare Alternative genutzt wird.

Daneben wird die dargestellte Argumentation zur Verbindung von Neurowissenschaften und Philosophie auch zu einem neuen Argument gegen einen harten Determinismus. Strenger Determinismus ist nicht haltbar, unbestreitbar nicht auf der physikalischen Ebene – allein schon wegen unstrittigen Quanteneffekten. Die (evtl. zufällige) Manifestation einer Variante aus mehreren potentiellen Entwicklungen an einem "Entscheidungspunkt" bildet wiederum ein konkretes Umfeld mit spezifischen Eigenschaften für darauf folgende "Entscheidungspunkte". So lassen sich jedoch physikalische wie bewusste "Entscheidungen" beschreiben, unabhängig von der Beschreibungsebene. Die Anführungszeichen sollen darauf hinweisen, dass nicht unbedingt eine bewusste getroffene Entscheidung vorliegen muss, sondern lediglich eine konkrete Variante sich aus mehreren manifestieren muss wie bei Quanteneffekten, was sich unserem Bewusstsein als Auswahl präsentiert. Bei den Entscheidungen des Bewusstseins legen die schon gemachten Erläuterungen nahe, dass dieses eben auch und besonders bei der neuronalen Prozessierung nicht (nur) unumstößlichen Gesetzen folgt, wann und wie eine Handlungsreaktion auf den perzeptiven Stimulus folgt. Der identifizierte hohe Freiheitsgrad bei der Handlungssteuerung ist nicht mit hartem Determinismus vereinbar, weshalb das schlechter fundierte Konzept des Determinismus, ohnehin nur als Folge aus anderen Annahmen erschlossen, aufgegeben werden sollte.

4. Evolution und Historie

Die bisherige Argumentation ist auch kompatibel mit der Vorstellung einer evolutionären Entwicklung von "Ich" und Bewusstsein. Tatsächlich kann sie erklären, wie die menschliche Ausprägung davon in Schritten entstanden sein könnte, jene Ausprägung, die eben die menschliche Erkenntnisfähigkeit begründet. Somit wird klar, wie wir zu Wesen werden konnten, deren Selbstbetrachtung so weit geht, dass sie durch die Bewahrung und Weitergabe des Wissens zu den tiefen Erkenntnissen über sich selbst in Philosophie und Neurowissenschaften kommen konnten. Eben durch eine sprachliche, speziell schriftliche Tradierung konnten wir dieses Wissen immer weiter aufbauen und zu immer neuen Erkenntnissen kommen – es ist eben die schon seit dem Mittelalter so bekannte Metapher "der Zwerge auf den Schultern von Riesen"...2 Genau auf diese Weise konnten sich aus der schriftlichen Tradition zuerst die Philosophie und später die Neurowissenschaften entwickeln. Wegen der biologischen Verwurzelung der Neurowissenschaften ist die evolutionäre Entstehung der neurophysiologischen Strukturen sehr leicht plausibel darstellbar.

Die Ebene der Erregungsmuster, die Interpretationen und Handlungssteuerung darstellt, zeigt daher auch den Schlüssel zur Entstehung ihrer selbst auf. Sie ist im Einklang mit der Evolutionstheorie unter Umständen auch schrittweise und vermutlich zufällig entstanden, je nachdem wie fein differenzierte Prozessierungsebenen vorliegen. Anschließend hat sich diese neuronale Ausstattung im weiteren Verlauf als massiver Überlebensvorteil herausgestellt, sonst wäre der Mensch als Tierart nicht in der beobachtbaren Weise in allen Umgebungen auf der Erde so erfolgreich geworden. Gleichzeitig kann so auch der andere Grad an Bewusstsein bei anderen Tierarten – und seine Andersartigkeit – erklärt werden. Eine unterschiedliche neurophysiologische Ausstattung hinsichtlich der Prozessierungsebenen bei anderen Tierarten entspräche deren artspezifischen Bewusstseinsausstattungen und ist ebenso im Einklang mit der Evolutionstheorie.

Diese neuronal begründeten mentalen Fähigkeiten, allen voran die menschliche Sprache und die Kreativität vor allem bei der Problemlösung, bilden die Grundlage aller kulturellen Errungenschaften und vermutlich in weiterem Sinne auch der komplexeren sozialen Strukturen. Damit haben wir eben auch eine Verknüpfung von kulturellen und sozialen Phänomenen mit der evolutionären biologischen Entwicklung. Alle schriftlich bewahrte Geistesgeschichte (und sicher auch die mündlich tradierte) setzt dabei bereits auf biologischen Strukturen auf, wie wir sie als Menschen auch heute haben. Es ist nicht nachweisbar, dass sich fundamentale neurobiologische Strukturen mit der kulturellen Entwicklung geändert hätten. Die evolutionären Entwicklungen, die all das ermöglicht haben – inklusive unserer beeindruckenden Sprachfähigkeiten – fanden schon vorher statt. Dabei schmälert das nicht im Geringsten die immensen kulturellen Fortschritte, die die Menschheit in den Jahrtausenden, seit ihre Gesellschaften Spuren hinterlassen, gemacht hat. Das gilt für alle Aspekte der Kultur und ihrer Artefakte, natürlich auch einschließlich der Untersuchung und Erklärung der Welt durch Philosophie und Naturwissenschaften.

Diese Sachlage legt ganz im Gegensatz vielmehr nahe, dass (wenigstens) ein Fortschritt in der evolutionären Entwicklung3 dies alles erst möglich gemacht hat. Dabei muss es eine der neuesten Entwicklungen sein, denn andernfalls läge nahe, dass es weitere Tierarten mit vergleichbaren Fähigkeiten gäbe.4

Das bedeutende Ergebnis der hier skizzierten Theoriebildung, die die Verbindungen zwischen der Philosophie des Geistes und den Neurowissenschaften plausibel aufzeigt, ist, dass damit eine gegenseitige Befruchtung möglich wird. Einerseits kann so die philosophische Diskussion des Geistes mit dem biologischen Substrat in Verbindung gebracht werden und ist so nicht mehr in unbefriedigender Weise losgelöst von der physikalischen Wirklichkeit, andererseits erschließt sich plausibel die Verwendung in der Philosophie verankerter mentaler Kategorien für die Beschreibung höherer neuropsychologischer Prozesse. Damit müssen sich Körper und Geist nicht mehr unversöhnlich gegenüberstehen, und das Dilemma des Körper-Geist-Dualismus, das auch Gabriel nicht ernsthaft angeht, löst sich quasi in Wohlgefallen auf.

5. Fazit

Die Analysen aus der Neurophysiologie, die zahlreiche Prozessierungsebenen aufzeigten, können uns wie gesehen auch einen Weg aus manchem argumentativen Dilemma in philosophischen Diskussionen zeigen. Denn in vielen Disputen, in denen vermeintlich unvereinbare Dualismen und Dichotomien zu unversöhnlichen Positionen oder nicht auflösbaren Widersprüchen zu führen scheinen, kann eine einfache Auflösung dadurch zustande kommen, dass die beiden Seiten als Pole eines Spektrums angesehen werden, zwischen denen es fließende (oder auch stufenweise) Übergänge und Zwischenformen gibt. Dabei kann es bei genauer Betrachtung im Lichte der Evidenzen so weit gehen, dass die Pole jeweils nur noch als eine abstrakte und idealisierte Extremposition erscheinen, die so keine Entsprechung in der wahrgenommenen Welt haben, während sich durchaus reale Manifestationen von Zwischenformen identifizieren lassen. Es kann jedoch sein, dass wir wie oben aufgezeigt als Menschen mit Bewusstsein und seiner konstituierenden Eigenschaft einer konsequenten Subjekt-Objekt-Trennung geradezu dazu prädestiniert sind, in die Falle unnötiger und unrealistischer Dualismen zu tappen. Um so wichtiger ist es, die Evidenzen zu betrachten und nicht nur mit Begriffen zu jonglieren, wie es Gabriel so gern zu machen scheint.

Indem sich Markus Gabriel nicht den Aspekten widmet, in denen die Neurowissenschaften (und andere wie Psychologie und Linguistik) nützliche Beiträge zu geistesphilosophischen Problemen liefern, sondern nur nur naive, übertriebene Aussagen aus diesen vehement zurückweist, aber auch lächerlich macht, bleibt er weit hinter den Wünschen zurück, die ich an ein Buch mit diesem Titel hätte. Denn gerade auch die plausible Verbindung herzustellen von neurophysiologischen Prozessen zu philosophischen Fragen, die sich nicht mehr nur allein durch die Konzepte der ernsthaften Neurowissenschaften beantworten lassen, sondern die sogar besser ohne diese diskutiert werden können, wäre ein Fortschritt in der Diskussion für beide Seiten gewesen. So wie er sein Thema aber behandelt, wird wieder nur künstlich ein Dualismus kultiviert, der so nicht hilfreich ist und möglicherweise zur Verhärtung von Fronten beiträgt. Es ist sehr schade, dass der Autor mit diesem Buch soweit hinter den Möglichkeiten des Themas zurückbleibt, auch für mich, denn in meiner persönlichen sehr kritischen Auseinandersetzung hat er mir sehr hilfreiche Impulse für eigene Erkenntnisfortschritte gegeben. Um hier eine meiner Ansicht nach erklärungsstärkere Alternative aufzuzeigen, habe ich im vorliegenden Text eine Sichtweise entwickelt, die genau diese Verbindung plausibel aufzeigen soll und hoffentlich nahelegt, wie sich die Disziplinen mit einer solchen Sichtweise befruchten können. Freilich ist damit auch diese Darstellung für Kritik und weitere Diskussionen offen.

Literaturnachweis

  • Markus Gabriel: Ich ist nicht Gehirn: Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert, 2015, Berlin: Ullstein.
  • Thomas Schall: Handbuch für Atheisten – und solche, die es werden wollen: Ein Leitfaden für ein Leben ohne Gott, 2013, München: Selbstverlag.
  • Johannes von Salisbury: Metalogicon 3,4,46-50, hrsg. John B. Hall: Ioannis Saresberiensis metalogicon, 1991, Turnhout: Brepols, S. 116.


  1. Anmerkung 1: Epilepsie stellt hier eine Ausnahme dar, die am ehesten einer schädlichen Rekursion ad infinitum entspricht. 

  2. Anmerkung 2: Diese Metapher wurde 1159 von Johannes von Salisbury in Metalogicon Bernhard von Chartes zu- geschrieben. Sie ist auch im englischen Sprachraum als "standing on the shoulders of giants..." verbreitet. 

  3. Anmerkung 3: Unter Umständen spielen mehrere schwer trennbare Faktoren zusammen, wie mentale Fähigkeiten, Sprachfähigkeit, die freie Nutzung der Hände, (Selbst-)Bewusstsein etc. 

  4. Anmerkung 4: Selbst wenn der Mensch andere Tierarten mit diesen Fähigkeiten ausgerottet hätte, sollte es Artefakte geben. Das schließt aber nicht aus, dass verschiedene Primaten-Unterarten in der Entwicklung zusammengeossen sind oder einander verdrängt haben. Für ganz andere Arten ist mir aber keine Evidenz bekannt.